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Vogt, Dr. Fabian

Eine Sendung von
Dr. Fabian Vogt,
Evangelischer Pfarrer in der Öffentlichkeitsarbeit, Frankfurt

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Eine Versammlung mit vielen Teilnehmern ist zu sehen, die an Tischen sitzen und auf einen Redner blickten. Eine Person in der Mitte hat die Hand erhoben, um eine Frage zu stellen. Im Hintergrund sitzen weitere Redner. Ein Banner kündigt die 8. Tagung an.

Mitreden erlaubt – wie Hessen vor 500 Jahren Demokratie übte

Musikkonzeption: Kantor Uwe Krause

Vor 500 Jahren saßen in Homberg (Efze) plötzlich Ritter, Pfarrer und Bürger an einem Tisch – und durften mitentscheiden, nicht nur der Fürst. Autor Fabian Vogt blickt auf die Synode, die als hessischer Vorläufer der Demokratie gilt.

Ein Raum voller Menschen. Sie diskutieren, argumentieren, erörtern, beraten. Vor allem aber überlegen sie gemeinsam: Welche Entscheidung wäre wohl die beste? Immer wieder prallen unterschiedliche Meinungen aufeinander. Manchmal wird geschimpft, manchmal leidenschaftlich gewettert, hin und wieder auch gelacht. Zwischendurch wirken die verschiedenen Positionen fast unvereinbar. Einige werden laut, andere sind entsetzt. Und wieder andere zögern noch, ob sie hier wirklich sagen dürfen, was sie denken.

Philipp, der großmütige Landgraf von Hessen

Sie dürfen. Der Landgraf hat allen, die an dieser Diskussion beteiligt sind, freies Geleit zugesichert – also versprochen, dass niemand wegen seiner Meinung belästigt, angegriffen oder verhaftet wird. Das ist einer der Gründe, warum die ungewöhnliche Versammlung, die später als Homberger Synode bekannt werden wird, als so bedeutsam gilt. Zum ersten Mal in der Geschichte beschließt ein deutscher Landesfürst, eine wegweisende Entscheidung nicht allein zu fällen, sondern sie einem eigens einberufenen Gremium anzuvertrauen – und dessen Entscheidung auch zu berücksichtigen.

Man kann mit Fug und Recht sagen: Die Homberger Synode ist ein Format, das es vorher so in Deutschland wohl noch nicht gab. Ein bahnbrechendes gesellschaftliches Experiment. Fast eine Zukunftswerkstatt.

War die Homberger Synode ein Anfang der Demokratie?

War das die Geburtsstunde der Demokratie in Deutschland? Darüber wird seit langem diskutiert. Demokratie im heutigen Sinn war es sicher noch nicht: Wenn ein ausgewählter Kreis von Rittern, Pfarrern, Äbten, Bürgermeistern und Reichsständen für alle entscheidet, ist das keine Herrschaft des Volkes. Aber der Gedanke weist in eine bedeutende Richtung: Zum ersten Mal wird politische Verantwortung geteilt.

Diese Woche feiert Hessen das 500. Jubiläum der Homberger Synode, einer deutschen Sternstunde, die vom 21. – 23. Oktober 1526 in der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze) stattfand. Damals ging es um die entscheidende Frage: Soll in der Landgrafschaft Hessen der protestantische Glaube eingeführt werden? Ein Thema, das jede Bürgerin und jeden Bürger anging. Und zu Beginn der Synode wusste keiner der geschätzt 120 Anwesenden, wie das Ganze genau ausgehen würde.

Die Homberger Synode und die Frage nach dem Glauben

Natürlich wurde auch darüber gestritten, ob dieses Gremium überhaupt eine Entscheidung von solcher Tragweite fällen dürfe. Während die Befürworter die Versammlung wörtlich als „Heilige Synode, ehrwürdig und christlich und wert, allerorten nachgeahmt zu werden“ anpriesen, nannten Kritiker sie eine „Tragödie“, oder sogar eine „Aftersynode“, ein Schimpfwort für eine wirklich üble und falsche Versammlung. Es lohnt sich, genau hinzuschauen: Wie es war, damals vor 500 Jahren, als in Deutschland die Demokratie erwachte – und was die Erfahrungen von Homberg mit der Gegenwart zu tun haben.

  1. Musik:

Die Teilnehmer der Homberger Synode von 1526 sollen zusammen bedenken, wie es mit dem Land weitergeht. Nicht der Landgraf allein. Schon damals gilt das als bedeutendes Ereignis. Und wird von allen Seiten argwöhnisch beäugt. In ganz Europa! Wo kommen wir hin, wenn vertraute Machtstrukturen so hinterfragt werden und auf einmal irgendwelche Leute in irgendwelchen Gremien mitreden dürfen? Was für uns heute selbstverständlich ist, war damals etwas völlig Neues.

Das noch junge 16. Jahrhundert war eine Zeit voller Umbrüche, voller Veränderungen und Erneuerungen. Nicht nur, weil der ehemalige Mönch Martin Luther die bisherigen Machtstrukturen der Kirche und damit der Gesellschaft massiv in Frage gestellt hatte. Er hatte erklärt, jeder Mensch könne direkt auf die Gnade Gottes vertrauen … dazu brauche man keinen Priester als Mittler, keine Heiligen als Fürsprecher – und erst recht keinen dieser Ablässe, mit denen angeblich die Zeit im Fegefeuer verkürzt werden konnte. Alles Unsinn, hatte Luther getobt. Und: Dieser Wittenberger Freigeist, selbst Priester, hatte inzwischen geheiratet. Eine entlaufene Nonne. Unglaublich. Nichts war mehr so wie früher.

Ein neues Bildungskonzept

Konsequenterweise hatte Kaiser Karl V. auf dem Wormser Reichstag von 1521 die Verbreitung der lutherischen Lehren verbieten lassen. Doch ein erneuter Reichstag hat im Sommer 1526 den Fürsten freigestellt, ob sie das Verbot durchsetzen oder nicht. Der 21-jährige Landgraf Philipp von Hessen erkennt: Jetzt müssen wir klären, welcher Glauben in der Landgrafschaft Hessen fortan gelten soll. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, denn zu den protestantischen Idealen gehörten unter anderem die Auflösung der Klöster und ein völlig neues Bildungskonzept.

Am 5. Oktober 1526 geht die Einladung zur Homberger Synode an weltliche und geistliche Führungskräfte in Hessen: Kommt alle nach Homberg, in diesen Knotenpunkt wichtiger Handelsrouten – gut erreichbar und mit ausreichenden Übernachtungsmöglichkeiten. Dort soll gemeinsam beraten werden, wie es mit dem Land weitergeht und welche Theologie überzeugt.

François Lamberts Thesen und die Debatte

Am Sonntag, dem 21. Oktober 1526, ist es so weit: Die Synode wird feierlich eröffnet. Unter anderem hat Philipp den französischen Theologen François Lambert gebeten, vorab Thesen als Diskussionsgrundlage zu formulieren und sie am ersten Tag vorzustellen. Lambert erläutert ausführlich, warum er es für sinnvoll hält, den Protestantismus in Hessen einzuführen. Er fordert: Christen sollten sich stärker auf die Bibel konzentrieren. Er fordert außerdem eine erkennbare Demokratisierung der Kirchengemeinden: Jede Gemeinde soll selbständig arbeiten und ihre Pfarrer selbst wählen dürfen. Die Kirche soll dabei nicht über die Gemeinden herrschen, sondern ihnen eher helfen und sie unterstützen. Und auch die weltliche Obrigkeit soll sich künftig nicht mehr in innerkirchliche Angelegenheiten einmischen. Ein freiheitlicher Aufbruch auf mehrere Ebenen.

Ketzer und Häretiker? 

Aber: Diese radikalen Thesen empfinden viele der Anwesenden als Zumutung. Vor allem der Franziskaner Nikolaus Ferber erhebt lautstark Einspruch. Er will sich aber gar nicht auf die Argumente Lamberts einlassen, sondern stellt die Synode an sich in Frage: Das hier sei eine Farce. Häretiker, also Ketzer, hätten gar nicht das Recht, selbst eine Synode einzuberufen, das dürfe nur die offizielle Kirche, die katholische Kirche in Rom.

Es geht hin und her, bis sich Landgraf Philipp zu Wort meldet, der ja eigentlich nur Beobachter sein wollte. Sein Vorschlag: Statt sich gegenseitig infrage zu stellen, sollten die Kontrahenten lieber mit Argumenten überzeugen – vor allem mit Argumenten aus der Bibel. Von da an wird drei Tage lang eifrig argumentiert. Unterschiedliche Meinungen und Standpunkte werden ausgetauscht – bis am Ende die Mehrheit der Anwesenden für die Thesen Lamberts und damit für die Einführung des Protestantismus in Hessen stimmt. Der nächste Schritt steht auch schon fest: Eine neue Kirchenordnung. Dafür wird sofort ein Ausschuss gegründet.

2. Musik:

Die neue Kirchenordnung für Hessen

Wenn eine Bewegung in Schwung kommt, geht es manchmal schnell: Die auf der Homberger Synode eingesetzte Kommission braucht nur zwei Monate für die neue protestantische Kirchenordnung. Sie heißt Reformatio ecclesiarum Hassiae, die evangelische Neuordnung der Kirchen in Hessen. In 34 Kapiteln entwerfen François Lambert und seine Mitstreiter ihre Vision einer erneuerten Kirche und Gesellschaft.

Der freiheitliche Geist von Homberg weht darin weiter, denn die neue Ordnung trägt viele demokratische Grundideen in sich: Die Kirchengemeinden sollen – wie angedacht – ihre Pfarrer selbst wählen, die Pfarrer wiederum wählen ihren Bischof. Ohne dass sich der Papst oder übergeordnete Instanzen einmischen. Regelmäßig finden Synoden statt, auf denen miteinander die Kirche der Zukunft entwickelt wird. Dazu kommen Visitationen, also Besuche in den Kirchengemeinden, bei denen geprüft wird, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Ein umfassender Entwurf, dessen Ideen bis heute nachwirken.

Die Universität Marburg wird gegründet

Außerdem wird festgelegt, dass die 37 hessischen Klöster geschlossen werden sollen. Nach protestantischem Verständnis ist das Leben als Mönch oder Nonne keine heiligere Lebensform als jede andere. Das Vermögen der Klöster soll eingezogen werden und für den Bau von Schulen, Krankenhäusern und einer Universität in Marburg genutzt werden. Pläne, deren Umsetzung jede Bürgerin und jeder Bürger hautnah miterleben würden.

Warum Luthers Zustimmung ausblieb

Doch dann schickt Philipp von Hessen die Reformatio ecclesiarum Hassiae vor ihrer Umsetzung erst mal nach Wittenberg, um sich den Segen Martin Luthers für das Werk zu holen. Und: Dem Reformator Martin Luther geht die hessische Kirchenordnung zu weit. Viel zu weit sogar. Wörtlich schreibt er, das Ganze sei ein „Haufen Gesetze mit so mächtigen Worten“. Vermutlich fürchtet Luther: Wer kirchliche Strukturen so weitreichend erneuert und dabei fürstliche Rechte beschneidet, weckt den Unmut von Machthabern. Und deren Wohlwollen will er nicht verlieren.

Stattdessen empfiehlt Luther seinem engagierten, aber noch jungen Mitstreiter Philipp, die Sache mit mehr Feingefühl anzugehen, Schritt für Schritt. In seinen Worten: „Darum ist mit Furcht und Demut vor Gott zu verfahren und das Maß zu halten: kurz und gut, wenig und wohl, nicht zu hastig, sondern stetig.“ Der Fürst folgt dem Rat. Die Kirchenordnung tritt in ihrer Gesamtheit nie in Kraft. Doch schon wenige Monate später werden die 37 hessischen Klöster geschlossen. Hessen wagt einen neuen Weg. Beschlossen auf der Homberger Synode.

3. Musik:

Wie die Synode die evangelische Kirche prägte

Die auf der Homberger Synode angestoßene Kirchenordnung für Hessen wurde in ihrer ursprünglichen Form nicht verabschiedet. Aber vieles, was sie sich erhofft hat, prägt die protestantischen Kirchen bis heute. Es gibt nach wie vor Synoden, auf denen gewählte Vertreter miteinander an der Entwicklung der Kirche arbeiten. Es gibt weiterhin Visitationen, bei denen mit den Gemeinden geschaut wird, was sie brauchen oder woran es fehlt. Und dass in Hessen Gottesdienste in deutscher Sprache gefeiert werden sollen, damit jede und jeder sie versteht, steht ausdrücklich in der Reformatio ecclesiarum Hassiae.

Spürbar: Vor Gott sind Menschen gleich

Seit der Homberger Synode gilt generell: In der protestantischen Kirche soll nicht einer allein die Macht halten. Die Macht liegt bei den Glaubenden gemeinsam; im Vertrauen auf Gottes Beistand. Man kann sagen: Seither gehört es zum Grundprinzip evangelischer Gemeinden, dass sie Fragen gemeinsam klären. Deshalb hat eine Pfarrerin oder ein Pfarrer in einem Kirchenvorstand auch kein größeres Stimmrecht als ein gewähltes Gemeindemitglied. Selbst in Gremien und Arbeitskreisen soll spürbar werden: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Gleich würdig, gleichgestellt, gleich berechtigt. Niemand ist von Natur aus höher oder tiefer gestellt.

Die Homberger Synode steht also für eine Kirche, die erkannt hat: Gute Entscheidungen brauchen unterschiedliche Stimmen, möglichst viele Beteiligte und den Mut, die eigene Meinung zur Diskussion zu stellen. Ein Denken, das nach und nach auch in die weltlichen Strukturen einzog und wesentlich dazu beitrug, dass Deutschland heute eine parlamentarische Demokratie ist.

Gemeinsam entscheiden – damals und heute

Natürlich bilden sich auch in den protestantischen Kirchen immer wieder hierarchische Tendenzen heraus, die dieses Idealbild christlicher Gemeinschaft untergraben. Umso wichtiger ist es, wachsam zu bleiben und zu prüfen, ob der Gedanke der Verantwortungsgemeinschaft noch lebendig ist. Vielleicht wird auch deshalb zurzeit in Deutschland darüber debattiert, ob die Kirche der Zukunft eine Ehrenamtskirche sein sollte – eine Kirche, in der erkennbar ist, dass in der christlichen Gemeinschaft jede und jeder mitgestalten kann und darf.

4. Musik:

Die Homberger Synode als Vorbild demokratischer Ideale

Die Homberger Synode, deren 500. Jubiläum dieses Jahr gefeiert wird, machte Hessen nicht nur zum Pionierland der Reformation, sondern auch zu einer Vorreiterin für die Entwicklung demokratischer Ideale. Dieses innovative Treffen im nordhessischen Knüllwald wurde dabei auch zum Vorbild für ähnliche Synoden; unter anderem in Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden und Schottland. Verbunden mit einer praktischen Erfahrung: Wenn viele Menschen gemeinsam nach Lösungen suchen, funktioniert das meist besser, als wenn jemand allein eine Einzelentscheidung durchsetzt.

Vorbild: Die ersten Christinnen und Christen

Die Synodalen in Homberg hoben immer wieder hervor, wie wichtig es ihnen war, ihr Tun mit den Worten der Bibel in Einklang zu bringen. Und schon der Apostel Paulus hatte die Gemeinde und die Kirche mit einem Leib verglichen, mit dem Leib Christi. Im 1. Korintherbrief sieht Paulus die Kirche als Körper, der aus vielen einzelnen Glieder besteht, aber nur gemeinsam funktioniert. Entscheidend dabei: Ein Körper funktioniert nur dann, wenn kein Körperteil sich für wichtiger oder bedeutender hält als die anderen. Paulus schreibt: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. So wie der Kopf auch nicht zu den Füßen sagen kann: Ich brauche euch nicht.“ 1. Korinther 12,21 Alle Teile sind für das Funktionieren des Körpers gleich bedeutsam. Der Apostel betont sogar: „Die Glieder, die uns schwächer erscheinen, sind die nötigsten.“ 1. Korinther 12,22

Paulus: Die Kirche als Leib mit vielen Gliedern

Darum sollen alle Glaubenden gemeinsam dafür sorgen, dass es dem Gesamtkörper gut geht. Mit dem Bewusstsein: „Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle Glieder mit.“ (1. Kor 12,26). Damit der gemeinsame Leib gesund bleibt, müssen alle verantwortlich miteinander umgehen. Nur so geht es am Ende jedem und jeder Einzelnen gut.

Die Homberger Synode von 1526 war ein mutiger Versuch, genau diese biblischen Werte umzusetzen. In Form eines regen Austauschs, in dem jeder das Recht hatte, zu Wort zu kommen, gehört zu werden, mit Argumenten zu überzeugen und dabei respektvoll behandelt zu werden.

In Homberg wurde damals etwas Neues geboren: eine Kirche, die ihr Miteinander selbst gestaltet. Und mit ihr die Ahnung, dass auch eine ganze Gesellschaft einmal so leben könnte – im gemeinsamen Gespräch, auf Augenhöhe. 500 Jahre später ist das ein guter Grund zu feiern.

5. Musik

Zum Weiterlesen: Hier finden Sie das Jubiläumsmagazin zur Homberger Synode