Loslassen lernen: Die stille Botschaft von Christi Himmelfahrt
Heute ist Christi Himmelfahrt. Für die einen ein wichtiger kirchlicher Feiertag. Für viele andere ein Frühlingsfest: Anlass für einen Ausflug, womöglich mit Bollerwagen, Kaltgetränken und lauter Musik.
Christi Himmelfahrt: Mehr als ein Feiertag
Ein Gegensatz – allerdings nur auf den ersten Blick. Tatsächlich gehört beides ursprünglich zusammen. Wie das kommt? An Christi Himmelfahrt fanden und finden in vielen Kirchengemeinden Prozessionen und Gottesdienste im Freien statt. Das war immer schon Anlass für gemeinsames Essen und Trinken mit Musik. Seit dem 19. Jahrhundert etablierten sich daraus sogenannte „Herrenpartien“, die Wurzel der heutigen Bräuche, vor allem im deutschsprachigen Raum.
Christi Himmelfahrt und Vatertag: Ursprung und Bedeutung
Auch die Bezeichnung „Vatertag“ für Christi Himmelfahrt stammt aus dem kirchlichen Kontext: Jesus kehrt zu seinem himmlischen Vater heim. Das feiert der Kalender der Kirche heute.
40 Tage sind seit Ostern vergangen. Ostern, das ist d a s Fest der Christen: Jesus ist auferstanden. Wir feiern seinen Sieg über den Tod. Heute, 40 Tage später, folgt quasi ein nächster, ein zweiter Schritt - so etwas wie ein Osterfest 2.0. Was es damit auf sich hat, kann man im Johannes-Evangelium nachlesen. Am Morgen des Ostersonntags gibt es da eine eigenartige Begegnung zwischen Maria von Magdala und dem auferstandenen Christus.
„Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte“, schreibt Johannes. „Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.
Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni! - das heißt: Meister.
Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“
„Halte mich nicht fest!“
„Halte mich nicht fest!“, sagt Jesus. „Noli me tangere“ steht da in der lateinischen Fassung der Bibel: „Rühr mich nicht an!“ würde man das ins Deutsche übersetzen. Der Originaltext ist griechisch. Der heißt » μή μου ἅπτου « - „hör auf mich festzuhalten“. Das erfährt Maria Magdalena, als sie begreift, dass Jesus lebt. Er hat den Tod bezwungen. Das feiern wir heute.
Musik: Johann Sebastian Bach - Kantate 11 – „Lobet Gott in seinen Riechen“ - Collegium Vocale Gent unter Philippe Heerreweghe
Verwechslung mit dem Gärtner
„Halte mich nicht fest!“, sagt Jesus zu Maria Magdalena, „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater.“ Maria – benannt nach ihrem Heimatort Magdala – gehört zum engsten Kreis Jesu. Sie ist ihm von Galiläa bis Jerusalem gefolgt, stand mit Jesu Mutter und nur wenigen anderen Jüngern unter dem Kreuz, als Jesus hingerichtet wurde. Am Freitag vor dem Ostersonntag war das.
Jetzt am Ostersonntag, am ersten Tag nach dem in Israel zur Zeit Jesu arbeitsfreien und mit strengen Auflagen zum Ruhetag bestimmten Sabbat, kommt Maria zu Jesu Grab. Einen letzten Dienst will sie dem Freund erweisen: den Körper des Hingerichteten salben. Wohlriechende Öle sind Ehrbezeugung - und sie überdecken die Gerüche der Verwesung. Doch zu all dem kommt es nicht. Die Grabkammer ist unverschlossen, der Leichnam nicht da!
Warum Maria Jesus für den Gärtner hält
Von zwei Engeln berichtet das Johannes-Evangelium – und dann steht Jesus selbst vor Magdalena. „Sie wusste aber nicht, dass es Jesus war“, ergänzt der Evangelist. Unglaublich! In der Welt der Evidenz, der sinnlichen Wahrnehmungen ist das nicht vorstellbar. Magdalena sollte Jesus nicht erkennen? Ganz offensichtlich wechselt der Text hier auf eine andere Ebene: Mit den Sinnen lässt sich Auferstehung nicht begreifen. Hier steht kein lebender oder wiedererweckter Leichnam. Das, was Maria sieht, ist trotzdem wirklich, es ist wahr. Aber das ist nicht die Wahrheit der Naturwissenschaft, sondern Wahrheit, die sich vor dem inneren Auge, im Herzen, ereignet.
In diesem Inneren tobt ein zutiefst menschlicher Konflikt: „Sie haben ihn, Jesus, seinen Leichnam weggenommen! Ich weiß nicht, wo er ist! Ich will ihn holen!“ Maria will festhalten: Etwas in der Hand behalten von dem, was sie erlebt hat. Ein Leichnam, der tote Leib Jesu, steht – auf den ersten Blick jedenfalls - für all das, was sie erlebt, erfahren hat. Er ist verfügbar, greifbar, sichtbar. Das zumindest erwartet Magdalena. Deshalb kann sie nicht, noch nicht sehen, was geschehen ist, nicht erkennen, wem sie begegnet. „Sie haben ihn weggenommen, ihn mir weggenommen“, klagt sie konsequent.
Trauer, Abschied und Neubeginn nach Ostern
„Maria!“ – Ein Wort aus Jesu Mund ändert alles. „Rabbuni!“ – Marias Antwort, die ehrfurchtsvolle Anrede Jesu als Lehrer, das ist Glaubensakt. Glaube kommt vom Hören! Maria hört Jesus. Hören setzt voraus, dass ich selbst still werde, aufmerksam, empfänglich.
Der Gott der Bibel ist ein Gott des Wortes. Im ersten Buch der Bibel, dem Buch Genesis, erschafft Gott alles – nicht mit seinen Händen, mit hochgekrempelten Ärmeln, sondern einzig durch sein Wort. „Und Gott sprach! – Es werde Licht!“ Gott schafft Wasser und Land, Lebewesen aller Art, den Menschen – einzig durch sein Wort, wirkmächtig. Und auch hier ist sein Wort wirkmächtig: „Maria!“
„Sie meinte, es sei der Gärtner!“ Damit hatte die Szene begonnen. Wie seltsam: Auf dem Friedhof, am Grab, am Ort des Todes, da sieht Maria nicht Verwesung, sondern den, der das Leben pflegt, den Gärtner! Im zweiten Schöpfungstext der Bibel ist Gott der, der einen Garten anlegt, in dem alles Leben sprießen kann und Raum findet. Gärtner ist biblisches Urbild für Gott selbst.
Kein Wunder, wenn das Aufblühen der Natur in diesen Frühlingstagen uns animiert aufzubrechen, hinauszugehen, die Schöpfung zu bestaunen – oder eben doch: ein Wunder?!
Musik: John Rutter - „All things bright and beautyful“ - Aufnahme: Bob Jones University singers, Leitung: Pattye Casarow, Klavier: Kenon Renfrow.
Loslassen können
„Halte mich nicht fest!“ Dieser Satz Jesu trifft mich. Über Zeit und Raum hinweg reicht er bis in unsere Gegenwart. Festhalten - das wollen wir Menschen gerne. Wir können nicht gut loslassen. Aber genau das ist das Geheimnis des Lebens! „Nicht festhalten.“
Eine Erzählung aus der griechischen Antike kann vielleicht helfen zu verstehen, wie das gemeint ist. Da lebten, so erzählt diese Geschichte aus alter Zeit, einmal zwei gute Freunde, Damon und Phintias. Phintias plant ein Attentat auf den Herrscher, der über die Stadt Syrakus grausam als Tyrann regiert. Der Plan aber wird verraten, Phintias verhaftet und zum Tod verurteilt.
Phintias fleht um Gnade: Am nächsten Tag heirate seine jüngere Schwester, sie habe nur noch ihn. Er müsse sich kümmern. Er bittet um einen Tag, einen einzigen Tag Aufschub. Dann möge man ihn hinrichten. Der Tyrann Dionysios schüttelt den Kopf: Auf keinen Fall. Da aber kommt Damon, Phintias‘ Freund, und bietet sich selbst als Bürgschaft an. Anstelle seines Freundes will er sich inhaftieren lassen.
Dionysios ist verwundert. Nach kurzem Überlegen stimmt er zu. Wenn aber Phintias nicht, das ist seine Bedingung, bis zum Sonnenuntergang des nächsten Tages zurück ist, soll Damon an seiner Stelle sterben.
Ein riskantes Versprechen
Alle schütteln den Kopf: „Du hast Dein Leben verspielt, Damon!“, kommentieren sie. „Niemals wird Phintias zurückkommen. Der sichere Tod erwartet ihn doch! Was gibst du da auf Eure Freundschaft!? Das geht nicht gut!“
Der nächste Tag kommt. Stunde um Stunde vergeht, die Sonne steigt höher, erreicht den Zenit. Schließlich neigt sie sich allmählich wieder dem Abend zu. Damon wird bereits zur Hinrichtung geführt - im letzten Tageslicht kommt, außer Atem, Phintias. Alle Anwesenden sind erstaunt und sprachlos. Die beiden Freunde, Damon und Phintias, umarmen sich. Sie haben füreinander ihr Leben eingesetzt.
Der Tyrann beobachtet die Szene und ist zutiefst bewegt. Er ist so bewegt, endet die Geschichte, dass er beiden das Leben schenkt.
Eine Freundschaft fürs Leben
Freundschaft. „Amicitia“ heißt sie auf Lateinisch. Darin steckt das Wort „amor“ - Liebe. „Amicitia“, „amor“, Liebe ist so gewaltig, dass sie den Tod in die Grenzen weisen, sagt die Geschichte.
Liebe kann den Tod bezwingen, wenn sie - und weil sie - loslassen kann. Sie kann den Freund gehen lassen – bei aller Traurigkeit, doch voller Vertrauen. Er wird wiederkommen. Er wird nicht zulassen, dass ich sterben muss.
„Halte mich nicht fest!“, sagt Jesus zu Magdalena. Und er sagt es über Zeit und Raum hinweg auch uns. „Haltet mich nicht fest …!“ Wir machen manchmal Erfahrungen von Liebe; wir spüren ganz tief: Da meint es jemand gut mit mir. Vater oder Mutter, der Partner oder die Partnerin, ein Freund, eine Freundin. Diese Augenblicke möchten wir so gerne festhalten; aber das geht nicht. Loslassen!
Da erfahren wir: Wir sind nicht verlassen, niemals. „Ich komme zu Euch, rechtzeitig – es gibt keinen Tod mehr!“ Das ist Christi Himmelfahrt: Wir lassen ihn gehen – weil wir vertrauen, zutiefst überzeugt sind, dass er uns nicht, niemals im Stich lässt. „Ich komme wieder zu Euch, dann wird Euer Herz sich freuen …!“
Das ist unser Glaube: Liebe besiegt den Tod, ja sie hat ihn schon besiegt – ein für alle Mal.
Musik: „Wo Menschen sich vergessen“ (Da berühren sich Himmel und Erde) – Text: Thomas Laubach, Melodie: Christoph Lemann, Arrangement: Kurt Gäble.
Sechs Wochen Trauer
Die Evangelien berichten in ergreifenden, teils irritierenden und verwirrenden Szenen, was sich am Sonntag nach dem Karfreitag ereignet. Das Grab Jesu ist leer, der schwere Verschlussstein zur Seite gerollt! An diesem Tag sehen die Freundinnen und Freunde Jesu ihn, begegnen ihm – anders und doch greifbar, erfahrbar und auch wieder unnahbar.
Der Evangelist Lukas fügt seinem Evangelium ein zweites Buch an, die Apostelgeschichte, so die Tradition. Er führt dieses Werk ein:
„Im ersten Buch“, gemeint ist das Lukas-Evangelium, „habe ich über alles berichtet, was Jesus von Anfang an getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er in den Himmel aufgenommen wurde. Vorher hat er den Aposteln durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen.“
40 Tage lang. Dieser Hinweis war für die Kirche Anlass, zwischen Ostern und Pfingsten noch ein drittes österliches Fest einzufügen: Christi Himmelfahrt eben.
Die Symbolik der Zahl 40
Die Zahl 40 hat eine starke Symbolik: 40 Jahre braucht das Volk Israel, so berichtet das Buch Exodus, für den Weg von Ägypten in eine neue Heimat, in das gelobte Land. 40 Tage, schildern die Evangelien, zieht sich Jesus am Beginn seines Wirkens in die Wüste zurück. 40 – die Zahl steht für Anfechtung, Irritation, Klärung, Bewährung.
40 Tage - das sind etwa sechs Wochen. In vielen Regionen gibt es den Brauch, sechs Wochen nach Tod und Begräbnis eines lieben Menschen einen weiteren Gottesdienst, im katholischen Bereich eine Hl. Messe - ein „Sechswochenamt“ - zu feiern. Sechs Wochen – so lange dauert die intensive Phase der Trauer, sagen die Psychologen. Diese Zeit tut uns gut, die brauchen wir, um Abschied zu nehmen, um loszulassen.
Das „zweite Osterfest“ des Loslassens
Sechs Wochen sind es heute seit Ostern, genauer seit Karfreitag. Für die Freundinnen und Freunde Jesu steht der für Hinrichtung, Leiden und Tod Jesu! Sechs Wochen sind es jetzt, seit ihr Freund, Lehrer, der Inbegriff ihrer Hoffnung, der, dem sie Monate und Jahre gefolgt sind, grausam von den Mächtigen hingerichtet worden ist. Das Ende aller Hoffnung, aller Visionen?! So hatten sie sich das alles sicher nicht vorgestellt.
Sechs Wochen - so lange dauert das. Trauerarbeit, erste Phase. Da ging es den Jüngern und Aposteln nicht anders als uns. Erst jetzt, nach sechs Wochen ist richtig Ostern – jetzt wird klar, verständlicher, begreifbarer, was da geschehen ist in Golgotha, in Jerusalem am und um das Pesachfest.
Himmelfahrt in der Kunst: Bilder zwischen Himmel und Erde
Erst im 4. Jahrhundert hat sich dieser Festtermin etabliert. Ein weiteres Osterfest, ein Fest des „Loslassens“, zu dem Jesus Maria Magdalena am Ostersonntag ermuntert: Jetzt ist die Zeit dafür gekommen. In der Barockzeit inszenierte man das mancherorts theatralisch: Christusfiguren wurden während des Gottesdienstes nach oben durch die Decke gezogen. Es gibt Gemälde, die die Himmelfahrt Christi bildlich zu fassen versuchen: Da sind dann nur noch seine Füße zu sehen, die unten aus einem Wolkenband herausschauen.
Glaube als Bewegung: Vom Festhalten zum Vertrauen
Trauer in ihrer ersten Phase sucht Stille, Zurückgezogenheit. Dann aber braucht es neuen Aufbruch. „Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.“ Ich denke, es passt zu diesem Tag, aufzubrechen, einen Weg hinauszunehmen – warum nicht auch ausgelassen, wenigstens ein bisschen! Wir feiern das Leben! Mehr geht nicht.
Musik: Alexander Därr - Fanfare für Orgel: Resurrection
Musikauswahl: Schul- und Kirchenmusiker Dr. Paul Lang, Amöneburg