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Waldeck, Karl

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Kassel

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Karfreitag – Zwischen Schrecken und Hoffen

Heute ist Karfreitag. Der Name ist Programm: „Kar, Kara“ ist ein althochdeutsches Wort: Es bedeutet „Klage, Kummer, Trauer“. An diesem Tag erinnern sich Christen an den Tod Jesu am Kreuz.

Warum gilt der Karfreitag als „stiller Feiertag“?

Der Karfreitag ist ein gesetzlicher Feiertag, er gehört zu den sogenannten „stillen Feiertagen“. Er unterliegt einem strengeren Schutz als der normale Sonntag. Vieles ist untersagt: Sportveranstaltungen, öffentliche Tanzveranstaltungen. Nicht jedem passt das – wohl auch deshalb, weil die Bedeutung und Botschaft des Karfreitags manchen fremd geworden sind. 

Hat der Karfreitag seinen Stellenwert verloren?

In der evangelischen Kirche hat man den Karfreitag lange als höchsten Feiertag des Jahres betrachtet. Auch heute noch? Die Zahl der Gottesdienstbesuche lässt eher daran zweifeln: An Karfreitag besuchen vergleichsweise wenig Menschen den Gottesdienst – erwartungsgemäß weniger als am Heiligen Abend, aber auch weniger als am Erntedankfest oder am 1. Advent.  

Warum ist das so – ist der Karfreitag unattraktiv oder unbeliebt geworden? 

Ein erster Gedanke: Wenn ich in Frankfurt bin, gehe ich gerne in die Alte Oper. Passend für einen Kulturtempel steht über dem Eingang in großen Lettern geschrieben: „Dem Wahren – Schönen – Guten“. Exakt vom Gegenteil berichtet der Karfreitag: Die Unwahrheit, die Lüge triumphiert, und schön ist hier nichts: Das menschliche Leid wird auf drastische Weise sichtbar. Nicht das Gute, sondern das Böse triumphiert: Das Böse, das Menschen Menschen antun, fordert Opfer. 

Der Gerechte kommt um

Auch heute erleben wir Tag für Tag seine tödliche Macht. Der Karfreitag erscheint so vor allem als Verlängerung des alltäglichen Elends: Es stirbt durch Gewalt ein Guter, Unschuldiger, der wie Jesus für Liebe und eine große Hoffnung einsteht. Die Titelzeile einer Bachkantate sagt es so: „Der Gerechte kommt um.“  

J.S. Bach: „Der Gerechte kommt um“ (Eingangschor) 

Der Karfreitag hat nur wenige Freunde. Wen wundert es, wenn an diesem Tag der Tod eines Menschen im Mittelpunkt steht? Wie anders dagegen ist Weihnachten: ein Familienfest, an dem die Freude über neues Leben, ein neu geborenes Kind gefeiert wird! 

Warum schreckt der Tod Jesu so ab?

Der Tod eines Menschen erschreckt, erst recht ein gewalttätiger. Der Tod Jesu erzeugt Abwehr. Vor allem mit  mit Blick auf den Gedanken, mit dem der Tod Jesu am Karfreitag gedeutet wird: Jesus ist ja nicht der erste und letzte Mensch, der wegen seines Eintretens für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit getötet wurde: Ich denke an Sokrates, Martin Luther King oder Sophie Scholl. Jesus gehört auch in diese Reihe. 

Welche Besonderheit hat der Tod Jesu?

Doch gibt es Unterschiede: Dem Tod Jesu wird ein tieferer Sinn zugeschrieben. In christlicher Tradition heißt es: Jesus sei für uns gestorben, er habe sein Leben für die Menschheit dahingegeben. Dieser Gedanke findet sich schon in den ersten Zeugnissen der Christenheit, dem Neuen Testament, den Evangelien und in anderen Schriften: „Das ist mein Leib – das ist mein Blut, das für viele vergossen ist,“ sagt Jesus beim letzten Mahl mit seinen Jüngern. 

Warum starb Jesus – und für wen?

Der Apostel Paulus erinnert sich an sein erstes Abendmahl in der christlichen Gemeinde. Ihm sei da gesagt worden, „dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift“. In einem alten Glaubensbekenntnis der Christenheit heißt es, Jesus ist „für uns gekreuzigt“ worden. Die Theologie hat über Jahrhunderte diese Gedanken vertieft und entfaltet. 

J. S. Bach: „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ (Matthäuspassion) 

Es fällt schwer, dem Tod Sinn zuzuschreiben, erst recht einem gewalttätigen. Wo sollte da der Sinn liegen? Wir leben zudem, um es mit einem Begriff unserer Tage zu sagen, in einem „postheroischen Zeitalter“: in einer Zeit, die keine Helden hat und offenbar auch keine braucht. 

Gibt es heute überhaupt noch Helden?

Es gibt sie als Ausnahme: der Feuerwehrmann etwa, der nach dem Attentat auf das World Trade Center in einen der einstürzenden Türme rennt, Menschen rettet und dabei schließlich zu Tode kommt – oder die Frau, die ein Kind vor dem Ertrinken rettet, und dabei das Leben verliert. Ja, das sind wohl Helden. Doch solche Ereignisse sind selten. In den Kriegen und Konflikten unserer Tage sterben Menschen – Zivilisten und Soldaten: Hier vom Heldentod zu sprechen, fällt schwer, ja erscheint abwegig. 
Es ist außergewöhnlich, das Leben für andere hinzugeben, wie Jesus es getan hat. 

Kann Jesu Tod wirklich „für mich“ sein?

Fremd erscheint die Deutung des Karfreitags, dass hier jemand gerade für mich stirbt. Sollte der Gedanke, Jesus sei für unsere Schuld gestorben, nicht übergriffig sein? Jesu Tod hat doch nichts mit mir zu tun. Solche Abwehr, wenn von Schuld die Rede ist, ist verständlich: Es hat in der Kirche, auch in christlich geprägten Familien die ungute Tradition gegeben, Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen. Schuldig seien sie und Sünder – ein Begriff, der aus der Zeit gefallen scheint. Diese Rede von Schuld hat oft das Evangelium, die frohe, befreiende Botschaft des Christentums verdeckt. 

Bin ich wirklich „ohne Schuld“?

Das Thema Schuld ist andererseits nicht ausgestanden: Auch heute plagen viele Menschen Schuldgefühle; sie mögen berechtigt sein oder nicht. Von Schuld wird heute durchaus gesprochen: vor allem als Schuldzuweisung – im realen Leben und im Überfluss in den Social Media. Schuldige sind schnell gefunden und werden angeprangert. Dabei wird die Schuld fast immer bei anderen gesucht – seit Adam und Eva ist das so. Ich hingegen, so die gängige Haltung, bin ohne – oder nur Opfer fremder Schuld. Im Übrigen bin ich doch ganz o.k. – Ist das so einfach? 

Wo beginnt meine eigene Verantwortung?

Oder nicht vielmehr so, dass ich doch in Schuldgeschichten verstrickt bin? Diese Schuld muss gar nicht vor dem Gesetz strafbar sein: Im privaten Leben etwa bleiben wir anderen Menschen durchaus etwas schuldig, lassen es an Aufmerksamkeit, Liebe fehlen – unwissentlich oder vorsätzlich. Schuldig kann ich auch in größeren Zusammenhängen werden: Was etwa ist mein Anteil daran, dass die Schöpfung nachhaltig bedroht ist oder auf dieser Welt nicht Gerechtigkeit, sondern an vielen Orten Ungerechtigkeit herrscht? Woran bin ich da schuld und wie zeigt sich das? Fragen wie diese verdienen eine nüchterne Selbstprüfung – nicht nur am Karfreitag.

Wer trägt die Schuld am Tod Jesu?

Schuld ist ein unbequemes, ein kritisches Thema, nicht nur, wenn es um meine eigene geht. Ein weiterer Aspekt von Schuld macht das Gedenken an Karfreitag problematisch, nämlich die Frage: Wer hat Schuld am gewaltsamen Tod Jesu? Lange Zeit, bis in unsere Tage, hieß eine bequeme christliche Antwort: Das waren die Juden. Juden wurde über Jahrhunderte angelastet, Christusmörder zu sein. 

Eine fatale Fehlzuweisung

Dabei war der Tod am Kreuz eine römische Strafe. Aber bereits in den biblischen Berichten von der Kreuzigung Jesu ist zu beobachten, dass die Verantwortung für den Tod Jesu vom römischen Stadthalter Pontius Pilatus mehr und mehr auf das jüdische Establishment – Hohepriester und Schriftgelehrte – verlagert wird. Schließlich wird das gesamte jüdische Volk dafür schuldig gemacht: Fatal ist hier ein von der Bibel überlieferter Satz. Er wird der jüdischen Volksmenge im Prozess Jesu zugeschrieben: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Nicht zuletzt auf diesen Satz hin haben später Christen oder solche, die sich dafür hielten, jüdisches Blut vergossen. – So gesehen führt eine Blutspur von Golgatha zum Holocaust. 

Ein schwieriger Feiertag

Eine Zwischenbilanz: Der Karfreitag ist ein besonderer Feiertag, ein vielschichtiger, auch problematischer. Die Geschichte, vom Kreuzestod Jesu ist schrecklich. Die Botschaft, Jesus sei für mich und unsere Schuld gestorben, löst Abwehr aus und ist nur schwer zu vermitteln. Die lange Zeit übliche Schuldzuweisung „Die Juden sind verantwortlich für den Tod Jesu“ ist strikt zurückzuweisen. Sollte man den Karfreitag deshalb zu den Akten legen, oder nur als Teil des christlichen Erbes gelten lassen, den man mit spitzen Fingern anfasst?  

J.S. Bach: WT I, b-moll-Präludium (Friedrich Gulda)  

Der Karfreitag ist kein einfacher Feiertag. Sein Thema ist nicht nur ernst, dieser Tag berührt existenzielle sensible Fragen auf unbequeme Weise. Der Karfreitag ist deshalb einerseits ungeliebt: Dennoch hat die Geschichte vom Tod Jesu die Gabe, Menschen zu berühren: in einer sehr individuellen Weise. Wie kann das sein?

Wie kann der Karfreitag Menschen berühren?

Ein Schlüssel zum Karfreitag sind für viele Menschen Film, Bildende Kunst und Musik, also die ästhetische Aufbereitung des Todes Jesu. Ästhetisch heißt nicht, dass hier Leiden und Tod aufgehübscht würden. Auch Kunst macht Tod und Gewalt nicht harmlos. Doch können Filme, Kunstwerke und Musik beim Betrachter und Hörer eine solche Tiefendimension erreichen, was Worte allein nicht vermögen. Menschen lassen sich ansprechen, und entdecken oft auch die religiöse Dimension des Karfreitags für sich neu.

Die Kraft der Bilder

Zahlreiche, sehr unterschiedliche Filme erzählen vom Leiden und Tod Jesu. Ihre Bilder laden zur Identifikation mit Jesus ein. Auch die Bildende Kunst, Gemälde und Skulpturen, kann mit ihrer Darstellung des Todes Jesu Menschen berühren. In Hessen etwa das Kruzifix von Ernst Barlach in der Marburger Elisabethkirche: gerade durch die Klarheit und Ruhe, die von diesem Werk ausgehen.  

Warum wirkt Musik so unmittelbar?

Musik hat wohl die stärkste Kraft, Emotionen zu vermitteln und zu wecken: Das gilt auch für den Karfreitag. Bereits Gesangbuchlieder können das: Es sind wohl die großen Passionsmusiken, in denen sich die Menschlichkeit und das Leiden Jesu am eindrücklichsten entfalten: prominent in der Matthäus- und Johannespassion von Johann Sebastian Bach: Hier wird die Anteilnahme am Schicksal Jesu zum Spiegel des eigenen Lebens. 

Spiegel des eigenen Lebens

Anhand des Leidens und Todes Jesu werden Dinge verhandelt, die auch mich im Innersten bewegen: Freundschaft und Verrat, Gemeinschaft und Feigheit, Angst vor Gewalt und Verlassenheit, Versagen und Schuld, Furcht vor Willkür und dem Urteil anderer, Hoffnungslosigkeit und Tod. All das lässt sich beim Hören der Musik nachfühlen und bedenken. Drei Stunden große Musik, die Anteilnahme an fremdem Leiden weckt und mitten hinein in das Wechselbad des eigenen Lebens führt. 

Wenn Musik zu Tränen rührt

Das erschüttert, und nicht selten fließen beim Hören von Passionsmusik Tränen: zu Hause wie auch im Konzert. Die Gedanken an das Leiden und den Tod Jesu berühren, weil ich mich darin selbst sehe. Der eigene Tod, im Alltag oft verdrängt, rückt durch die Passionsgeschichte auf einmal ganz nahe. Auch ich muss sterben – doch dann bitte nicht allein: sondern begleitet von mir lieben Menschen und mit Jesu und Gottes Beistand. In Bachs Matthäuspassion wird dies ganz eng zusammengefügt: Jesus stirbt am Kreuz, unmittelbar schließt sich ein Choral an, in dem es um das eigene Sterben geht: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir.“  

J.S. Bach: „Wenn ich einmal soll scheiden“ (Matthäuspassion) 

In der Passionsmusik kommen der Tod Jesu und der eigene Tod dicht zusammen. Die Passion endet mit der Grablegung Jesu. Von tiefer letzter, ewiger Ruhe ist die Rede – ein Gedanke, der angesichts der Unruhe des eigenen Lebens auch etwas Tröstliches hat. 

Was bedeutet „letzte Ruhe“ wirklich?

Es geht um letzte Ruhe, doch das Ende ist sie nicht. Wer vom Karfreitag spricht, kann tatsächlich nicht bei Kreuz und Grab stehen bleiben: Karfreitag kommt, so die Botschaft der Bibel, ohne den Gedanken an Ostern nicht aus. Selbst am Karfreitag ist dann leise Hoffnung zu spüren: Der Tod kann letztlich von Gott, von Jesus überwunden werden und mit ihm aller Schrecken, Gewalt und Bosheit, auch die menschliche Schuld. Im Karfreitag ist bereits die Kraft der Erlösung angelegt: Wir schauen nicht nur auf menschliches Elend, sondern ahnen bereits die heilende Kraft der Menschlichkeit Gottes. Den Tod vor Augen schon die Befreiung von allem Elend ahnen – und auf Erlösung hoffen: Das ist auch im Lied „Redemption day“ zu hören. Es singt Johnny Cash, der damals schon hörbar seinem Lebensende nahe ist:

Johnny Cash: „Redemption day“

Der Karfreitag ist ein ernster Feiertag, ein sperriger dazu. Das liegt an dem, was geschieht, an Leid und Tod. Im Schicksal Jesu blicken wir zugleich auf das eigene Leben: mit seiner Zerbrechlichkeit, Abgründigkeit und Endlichkeit. Am Ende dieses dunklen Tages herrscht Ruhe, doch ist es keine Friedhofsruhe, sondern eine Ruhe, die Frieden beinhaltet und Hoffnung. Das österliche Licht ist schon zu ahnen. Die Erlösung kommt, dank der Liebe und Menschlichkeit Gottes. Gott meint es gut mit uns. Schuld und Sünden nimmt er weg. Er befreit und schenkt neues Leben. Sollte der Karfreitag in all seiner Dunkelheit deshalb nicht auch ein glücklicher Tag sein, der „happy day“, von dem die Edwin Hawkins Singers singen?

Edwin Hawkins Singer: „O happy day“