hr2 MORGENFEIER
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Eine Sendung von
Tina Oehm-Ludwig,
Evangelische Pfarrerin, Versöhnungskirche-Matthäuskirche Fulda

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Begegnung

Manchmal bleibe ich morgens nach dem Aufwachen noch einen Moment im Bett liegen. Ich gehe dann in Gedanken die Begegnungen durch, die mich im Laufe des Tages voraussichtlich erwarten. Das eine Mal sind es viele und viele auf einmal: Morgens begegne ich den Kindern im Religionsunterricht, anschließend den Kolleginnen und Kollegen bei einer Dienstbesprechung und am Nachmittag den Jugendlichen im Konfirmandenunterricht. Manchmal bin ich abends noch mit Angehörigen zu einem Trauergespräch verabredet. An anderen Tagen sind es nur wenige Begegnungen: Mit dem Geburtstagskind bei einem Besuch, mit dem Brautpaar, das zum Traugespräch vorbeikommt, oder ich treffe eine Mitarbeiterin oder den Nachbarn. Welche Begegnungen erwarten Sie voraussichtlich im Laufe dieses Tages?

Musik: Jacques Offenbach, Duo für 2 Violoncelli h-moll, op. 51 Nr. 2, 1. Satz 1. Teil

Wie unterschiedlich können Begegnungen im Leben sein?

Begegnungen sind unterschiedlich. Sie können beruflicher oder privater Natur sein, können gelingen oder misslingen. Manche Begegnungen geschehen zufällig, andere sind von langer Hand geplant. Auf die eine Begegnung freue ich mich, eine andere bereitet mir eher Sorgen. Manchmal empfinde ich auch nichts bei einer Begegnung. Begegnungen können anstrengend sein und einem den sprichwörtlichen „letzten Nerv“ rauben oder zu einer Quelle der Energie, der Kraft oder der Inspiration werden.

Eine biblische Begegnungsgeschichte

Zu einer solchen Quelle der Inspiration ist mir eine „Begegnungsgeschichte“ aus der Bibel geworden. An ihr habe ich viel über Begegnungen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – gelernt. Sie ist bei Martin Luther mit „Der Kämmerer aus Äthiopien“ überschrieben und steht im 8. Kapitel der Apostelgeschichte

Der Kämmerer aus Äthiopien

Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. Und er stand auf und ging hin.
Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. 

Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.

Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese (Jesaja 53,7-8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«

Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

Musik: Joseph Haydn, Sonate für 2 Violinen G-Dur, Hob. VI, G1, 1. Teil

Diese Begegnungsgeschichte beginnt mit einem Auftrag

„Der Kämmerer aus Äthiopien“ – diese „Begegnungsgeschichte“ aus der Bibel beginnt mit einem Auftrag. Ein Engel sagt zu Philippus: „Steh auf und mach dich auf den Weg!“ So beginnt manche Begegnung: nicht ganz freiwillig. 

„Göttliche Impulse“ im Alltag, die uns zu Begegnungen führen

Ich kenne das auch: Eigentlich will ich etwas ganz anderes machen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, zum Telefon greifen und mich bei jemandem melden zu müssen. Oder ich denke, ich sollte mal kurz bei der Nachbarin vorbeischauen und fragen, wie es ihr geht. Oder ich sollte heute eine andere, eher ungewöhnliche Route für meinen kleinen Spaziergang wählen. Die Begegnungsgeschichte aus der Bibel hat für dieses Gefühl einen Namen. Sie nennt es einen Engel – einen Engel, der einem den Weg weist. Einen Engel, der einen auf die richtige Spur setzt. Einen Engel, der einen schickt – ohne Rücksicht darauf, ob man dazu gerade Zeit und Lust hat oder nicht. „Steh auf und mach dich auf den Weg!“, sagt der Engel zu Philippus. Für mich bedeutet das: Die Begegnung mit dem Kämmerer aus Äthiopien war die Begegnung, die Gott Philippus in diesem Moment zugedacht und zugetraut hat – ihm und keinem anderen. Kein anderer hätte diese Begegnung so übernehmen können wie Philippus. Es war seine Begegnung.

Begegnung trotz Unterschiede: Was verbindet Menschen?

Die Geschichte geht weiter. Schnell wird klar: Hier begegnen sich zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite der Kämmerer: ein hoher Beamter im Dienst der Königin von Äthiopien. Auf der anderen Seite Philippus, ein Mann aus dem Volk und in der Jerusalemer Urgemeinde mit sozialdiakonischen Aufgaben betraut. Mehr Vielfalt hinsichtlich der Herkunft und der Volkszugehörigkeit, der Sprache und Kultur, des Aussehens und Verhaltens, der Religion und der Tradition geht nicht. Und dennoch kommt es zu einer Begegnung zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Männern. Mit anderen Worten: Man muss nicht gleich sein, um einander begegnen zu können. Man muss nicht gleich denken und ticken, nicht gleich reden und fühlen. Man muss nicht den gleichen Stand, nicht das gleiche Alter und auch nicht den gleichen Glauben haben. Vielleicht würde das eine oder andere die Begegnung erleichtern, aber die Begegnung zwischen dem Kämmerer und Philippus zeigt: Voraussetzung für eine Begegnung – für eine gute und gelungene Begegnung – ist nichts davon. An welcher Begegnung mit einem Menschen, der so „ganz anders“ war als Sie, können Sie sich noch gut erinnern?

Musik: Joseph Haydn, Sonate für 2 Violinen G-Dur, Hob. VI:G1, 2. Teil

„Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Der Kämmerer aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.“ 

Echte Begegnungen erfordern Mut und Offenheit

Die Begegnungsgeschichte aus der Bibel macht uns nichts vor: Manche Begegnung ist nicht einfach. Ganz im Gegenteil: Manchmal muss man sich regelrecht überwinden, um einander zu begegnen. Der eine überwindet sich und macht den Anfang – so wie Philippus es getan hat. Er geht auf den Kämmerer zu und spricht ihn an. Er findet überhaupt erst einmal Worte und beginnt das Gespräch. Der Kämmerer überwindet sich ebenfalls und lässt sich ansprechen. Es lässt sich sogar in seiner Schwachheit ansprechen. Der Kämmerer ist nicht zu stolz, Philippus gegenüber seine Hilflosigkeit, Enttäuschung und Frustration zu offenbaren. Er überspielt seine Angewiesenheit nicht mit Witz und guter Laune und er versteckt sie auch nicht hinter einer Mauer der Arroganz oder der Unnahbarkeit. Sondern der Kämmerer sagt: „Ich brauche Hilfe. Bitte, setz dich zu mir!“ Und Philippus nimmt Platz. Die Begegnung geht weiter.

Eine gelungene Begegnung braucht vor allem Zeit

„Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.“ An diesem Satz ist mir klargeworden: Begegnung braucht Zeit. Denn ich bin mir sicher: Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Philippus dem Kämmerer das Wort aus dem Jesajabuch erklärt hat, bis er dann den Bezug zwischen dem alttestamentlichen Zitat und Jesus von Nazareth hergestellt hat, bis er dem Kämmerer außerdem alles über Jesu Leben, Leiden und Sterben, über seine Auferstehung und Himmelfahrt erzählt hat und bis er schließlich auch noch alle Fragen beantwortet hat, die der Kämmerer auf dem Herzen hatte.

Wie nutzen wir unsere Lebenszeit sinnvoll für echte Begegnungen?

Begegnung braucht Zeit. Und Philippus hatte Zeit. Ebenso wie wir alle Zeit haben. Zeit ist ja da – solange wir leben. Solange wir leben, haben wir an jedem neuen Tag wieder neu Zeit: von Gott geschenkte Lebenszeit. Genau genommen sind dies jeden Tag 86.400 Sekunden. Die Frage ist daher nicht, ob wir Zeit haben. Die Frage ist vielmehr: Was machen wir mit unserer Zeit? Was machen wir mit diesen uns jeden Tag von Gott neu zur Verfügung gestellten 86.400 Sekunden Lebenszeit? Wofür setzen wir sie ein? Möglichkeiten gibt es viele. Einander zu begegnen, ist eine davon. Und ich denke, sie ist nicht die schlechteste. Für welche Begegnung will ich heute – ganz bewusst – Zeit haben? Auf wen will ich mich heute wirklich einlassen – ohne innere Unruhe, ohne Blick auf die Uhr?

Musik: Johann Sebastian Bach,  Goldberg-Variation 12a, 3. Teil

Wenn Begegnungen Veränderungen bewirken: Glaube, Vertrauen und Neuanfang

Bei der Begegnung zwischen dem Kämmerer und Philippus wird nicht nur geredet. Die beiden lassen ihren Worten auch Taten folgen: Der Kämmerer lässt sich von Philippus an Ort und Stelle taufen. In einigen biblischen Handschriften findet sich zusätzlich der Satz: „Philippus sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen.“ Dieser Satz ist mir wichtig. Ich möchte ihn nicht missen. Er erinnert mich daran, dass eine Begegnung immer den Raum für mehr bietet: Bei einer Begegnung kann Gott ins Spiel kommen. Jesus hat seinen Jüngern einmal verheißen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Wo zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind, wo zwei oder drei sich begegnen und dabei offen sind für Gott, mit ihm rechnen, ihn zu Wort kommen lassen, da ist er mit dabei. Und wo Gott mit dabei ist, da kann viel geschehen.

Der Kämmerer aus Äthiopien hat sich taufen lassen. Ein anderer setzt vielleicht einen ganz anderen Neuanfang: Er nimmt die Entschuldigung des Kollegen an und beide beginnen noch einmal von vorn. Oder es wird eine Hoffnung neu geboren, weil einer spürt: „Ich stehe mit der Pflege meiner Eltern nicht allein da. Da ist einer, der mich unterstützt.“ Oder eine Erkenntnis nimmt allmählich in mir Gestalt an: Es hängt nicht alles an mir. Ich darf Dinge aus der Hand geben und darauf vertrauen, dass es trotzdem gut wird.

Begegnungen können dauerhaft sein – aber sie dürfen auch einmalig bleiben

Die Begegnungsgeschichte aus der Bibel neigt sich dem Ende zu. Es ist ein ziemlich abruptes Ende. Nach der Taufe des Kämmerer verschwindet Philippus von einem Moment auf den anderen auf Nimmerwiedersehen. Dieses abrupte Ende hat für mich etwas Entlastendes. Manchmal hat man ja Bedenken hinsichtlich einer Begegnung. Man fragt sich: „Was wird daraus werden? Binde ich mich dadurch vielleicht? Werde ich den anderen unter Umständen nicht mehr los?“ Die Begegnung zwischen dem Kämmerer und Philippus zeigt: Eine Begegnung braucht zwar Zeit, aber sie ist nicht unbedingt auf Dauer angelegt. Der Kämmerer und Philippus sind sich in ihrem Leben – soweit wir wissen – nie wieder begegnet. Die beiden verband diese eine Begegnung – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Natürlich können sich Begegnungen auch weiterentwickeln. Es können Freundschaften oder Beziehungen daraus werden. Aber dann sind sie eben das: Freundschaften oder Beziehungen – und keine Begegnungen mehr.

Musik: Jacques Offenbach, Duo für 2 Violoncelli h-moll, op. 51 Nr. 2, 2. Satz 

Warum echte Begegnungen von Angesicht zu Angesicht so wertvoll sind

Ein Letztes ist mir an dieser Begegnungsgeschichte aus der Bibel deutlich geworden: Ich wünsche mir mehr Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Da sitzen zwei nebeneinander auf einem Eselskarren. Sie reden miteinander. Von Zeit zu Zeit schweigen sie vielleicht auch. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach und ist dennoch nicht mit ihnen allein. Wenn einer das Gespräch wieder aufnimmt, kann er dem anderen in die Augen schauen und dabei auch das Unausgesprochene wahrnehmen: das leichte Stirnrunzeln, den Ansatz eines Lächelns, den etwas irritierten Blick oder das tiefe Luftholen vor der Antwort. Eine solche Begegnung von Angesicht zu Angesicht mag früher selbstverständlich und lange Zeit die einzig mögliche gewesen sein. 

Digitale Kontakte vs. persönliche Begegnung: Was fehlt uns wirklich?

Heute ist das anders. Die Technik hält eine Fülle von Möglichkeiten für uns bereit, um anderweitig miteinander in Kontakt zu treten. Prinzipiell ist das gut. Es ist gut, dass es diese Möglichkeiten gibt. Denn große Entfernungen und andere Umstände machen eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht oft unmöglich. Ich schätze diese Möglichkeiten und ich nutze sie. Aber ich spüre auch: All die Kontakte in meinem digitalen Adressbuch machen noch keine Begegnung. Und selbst das modernste Smartphone und die schnellste Internetverbindung können mir die Begegnung von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen. Sie können mir den „Eselskarren“ nicht ersetzen, auf dem ich mit einem anderen Menschen sitze und rede oder schweige, lache oder weine.

Was wir aus der Geschichte des Kämmerers für unseren Alltag mitnehmen können

Deshalb ist mir diese Geschichte eine Quelle der Inspiration: Sie macht mir Mut, einem spontanen Impuls zu vertrauen und einfach loszugehen. Dahinter könnte ein Engel mit einem ganz persönlichen Auftrag für mich stecken. Die Geschichte macht mich neugierig: Wem werde ich auf meinem Weg begegnen, was könnte ich von ihm lernen und was lässt Gott aus dieser Begegnung vielleicht entstehen? Die Geschichte erinnert mich daran: Ich habe durchaus Zeit für eine Begegnung – sogar jeden Tag aufs Neue. Die Geschichte entlastet mich auch: Eine Begegnung verpflichtet zu nichts. Und schließlich: Sie macht Lust auf mehr – auf mehr Begegnungen von Angesicht zu Angesicht.

Begegnungen können glücklich machen und unser Leben verändern

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. So auch hier: „Der Kämmerer zog seine Straße fröhlich.“ Mit diesem Satz endet die Geschichte. Und sie bringt damit zum Ausdruck: Begegnung macht etwas. Sie bewirkt etwas. Den Kämmerer hat die Begegnung mit Philippus fröhlich gemacht. Ich hoffe, umgekehrt war es genauso. Denn das wäre das Beste. Das wäre das Ziel: Beide Beteiligten ziehen nach ihrer Begegnung ihre jeweilige Straße fröhlich weiter. Oder zumindest etwas fröhlicher als vorher. Das soll auch mein Ziel für meine Begegnungen am heutigen Tag sein. Ob mir das gelingt, liegt nicht allein in meiner Hand. Aber ich will versuchen, meinen Teil dazu beizutragen.

Musik: Jacques Offenbach, Duo für 2 Violoncelli h-moll, op. 51 Nr. 2, 3. Satz