Wolkenschlösser
„Wie stellst du dir den Himmel vor?“ Das habe ich vor ein paar Wochen im Reliunterricht gefragt - in der 4b. Die Kinder sprudelten vor Ideen: „Ein Ort über uns, wo alles leicht ist! Wolkenschlösser! Engel, die zwischen den Wolken wohnen!“
Wenn Wolken Geschichten erzählen
Ein Kind sagte ganz selbstverständlich: „Deshalb kann man ja auch Figuren in den Wolken sehen.“ Alle nickten. Klar. Natürlich. So ist das. Und ich stand da und dachte: Wann habe ich eigentlich verlernt, so zu sehen?
Das Wesentliche ist unsichtbar
Aus dem Buch „Der kleine Prinz“ stammt der Satz: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Das bedeutet: Das, was im Leben wirklich trägt, kann ich oft nicht beweisen. Ich kann es nicht festhalten, nicht messen. Und trotzdem ist es da. Ich nehme es wahr – nur anders, als ich es gewohnt bin.
Mehr entdecken als nur Wolken
An diesem Punkt haben Kinder uns Erwachsenen oft etwas voraus: Sie sehen anders, leichter, mit dem Herzen. Sie schauen in den Himmel und entdecken Figuren in den Wolken: einen Löwen mit wilder Mähne, der mutig neben ihnen herläuft. Ein Schaf, weich und ruhig, bei dem man sich am liebsten anlehnen möchte. Oder ein großes Schloss mit geheimnisvollen Räumen.
Wenn Fantasie Orientierung schenkt
Und mit diesen Bildern entstehen ihre eigenen Geschichten. Der Löwe beschützt, das Schloss lädt zum Entdecken ein, das Schaf gibt Geborgenheit. Kinder sehen mehr als nur Wolken. Sie entdecken Möglichkeiten. Sie geben dem, was sie sehen, eine Bedeutung für ihr eigenes Leben. Aus einem flüchtigen Bild wird etwas, das trägt. Genau darin liegt ihr besonderer Blick: Sie spüren, dass die Welt mehr ist als das, was sich messen und erklären lässt.
Dem Unsichtbaren Raum geben
Das ist keine Kinderträumerei. Es ist eine besondere Art, die Welt zu sehen. Wenn Kinder in den Himmel schauen, wissen sie: Das sind keine echten Schlösser – ich kann sie nicht betreten. Aber ich kann mich dorthin träumen und spüre: über mir gibt es etwas, das leicht ist. Und mich leicht macht.
Was siehst du beim Blick nach oben?
„Mit dem Herzen sehen“ meint genau das: ich bewahre mir die Fähigkeit, im Alltag mehr zu entdecken. Dem Unsichtbaren Raum zu geben. Dem, was trägt, auch wenn ich es nicht benennen kann.
„Wie stellst du dir den Himmel vor?“ Es lohnt sich, solche Frage zu stellen. Und auf der Suche nach der Antwort mit dem Herzen zu schauen. Wer weiß, was ich dann entdecke. Vielleicht sind es Wolkenschlösser.