Ein kleiner Ort - mit großer Courage
Vor kurzem hab ich mit Freunden eine Wochenendtour durch den Vogelsberg gemacht. Dabei hab ich auf einmal zu den anderen gesagt: „Ich hab gerade auf dem Navi gesehen: Ganz in der Nähe liegt das Dorf Ober-Gleen. Lasst uns da mal einen Zwischenstopp machen." Als ich den Namen gelesen hab, ist mir nämlich wieder eingefallen: Das Dorf hat vor rund 200 Jahren auf ungewöhnliche Weise Zivilcourage gezeigt. Es hat sich mit einer Unterschriftenaktion für einen politischen Gefangenen eingesetzt – ihren Pfarrer Ludwig Weidig. Damals ließ die hessische Obrigkeit extrem wenig Raum für Widerspruch und politische Freiheiten. Und die Aktion war daher sehr mutig.
Spurensuche am früheren Pfarrhaus
Das wollte ich jetzt durch die Stippvisite würdigen. Ein bisschen auf Spurensuche gehen - und dadurch Respekt zeigen. In dem charmanten Dorf hab ich dann tatsächlich einen Hinweis entdeckt: Auf einer Tafel am früheren Pfarrhaus steht: „Erinnerung an Friedrich Ludwig Weidig. Hier wurde er am 24. April 1835 verhaftet." Der Pfarrer und Publizist Weidig war in der repressiven Zeit des sogenannten Vormärz ein Vorkämpfer für Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Er hat zum Beispiel mit Georg Büchner die Flugschrift „Der hessische Landbote" verfasst und in engagierten Predigten klargestellt: Jesus ist auf der Seite der Armen und Entrechteten. Das war damals pure Provokation. Mehrmals hat man Weidig verhaftet. Seine letzte Festnahme in Ober-Gleen hat besonders schreckliche Folgen gehabt: Zwei Jahre lang hat man ihn in Einzelhaft gequält. Schließlich ist er unter ungeklärten Umständen im Gefängnis gestorben.
Vorbild für Zivilcourage heute
Die Unterschriftenaktion der Bürger von Ober-Gleen hat das leider nicht verhindern können. Aber ich denke: Es ist wichtig, sich immer wieder an sie zu erinnern. Die Aktion war ihrer Zeit weit voraus und erinnert mich an moderne Initiativen, zum Beispiel von Amnesty International. Mir imponiert die Solidarität der damaligen Dorfbewohner. Sie haben nicht einfach geschwiegen, nicht resigniert. Und das ist für mich auch heute ein Vorbild: Ich möchte auch in meinem „kleinen" Alltag den Mut aufbringen, bei Unrecht nicht wegzusehen und Betroffenen helfen. Dabei hilft mir der Gedanke an die mutigen Bürger von Ober-Gleen.