Ein Genie mit viel Geduld: Antoni Gaudí
Anmoderation: Eines der berühmtesten und beliebtesten Bauwerke Europas hatte in dieser Woche sehr prominenten Besuch: Papst Leo war in der „Sagrada Familia“ in Barcelona und hat dort den Hauptturm der Kirche eingeweiht. hr1 Zuspruch-Autor Christoph Schäfer beeindruckt nicht nur das markante Gebäude, sondern auch, wie visionär und beharrlich der Architekt dieser Kirche war: Antoni Gaudi.
Bilder aus Barcelona haben mich diese Woche begeistert: Papst Leo hat dort den zentralen Turm der Kirche „Sagrada Familia“ eingeweiht. Er ist jetzt mit über 170 Metern der höchste Kirchturm der Welt.
Ich finde die Bilder von dort nicht nur imposant. Sondern auch ein bisschen surreal. Denn vor Jahren hab ich mal die Baustelle der Kirche besichtigt. Und mir nicht vorstellen können, dass wirklich irgendwann der Turm aus der Steinlandschaft aufragt.
Antoni Gaudis Vision
So ist es sicher vielen gegangen: Vor fast 150 Jahren hat man mit dem Bau der Kirche begonnen. Bald hat ein junger Architekt das Projekt übernommen: Antoni Gaudi. Er hat es radikal umgestaltet: in eine geniale Jugendstil-Phantasie.
Deren Umsetzung aber ist extrem schwierig. Bis heute. Denn die Kirche ist ja immer noch nicht fertig. Gaudí ist jahrzehntelang am Ball geblieben. Dabei hat er viel Beharrlichkeit gezeigt. Und sich seine Vision nicht kleinreden lassen. Wenn er darauf angesprochen wurde, hat er recht schlagfertig sein großes Gottvertrauen ins Spiel gebracht. Indem er geantwortet hat: „Mein Kunde hat keine Eile“.
Ich finde das bewundernswert
Ich bewundere Leute, die so einen langen Atem haben. Die in anderen zeitlichen Dimensionen denken können. In denen das eigene Ego nicht so wichtig ist. Das etwa nach dem Motto nörgelt: „Werde ich denn die Früchte meiner Arbeit auch wirklich selbst ernten können?“
In meinem Bekanntenkreis merk ich: Man muss kein Jahrhundertkünstler sein, um über die eigene Nasenspitze hinaus zu denken. Ein Freund von mir arbeitet zum Beispiel an einem großen wissenschaftlichen Lexikon. Mit der Perspektive: Er selbst wird die Veröffentlichung des letzten Bandes wohl nicht mehr feiern können. Aber das hat ihn noch nie gestört. Was für ihn zählt, ist die große Idee hinter dem Ganzen.
Geduld führt oft zu einem großartigen Ergebnis
Das hat mich immer wieder beindruckt. Und das fasziniert mich auch an Gaudí und seinem Kirchenprojekt. Denn ich kreise oft bloß um mich selbst und meine vielen kleinen Ziele. Die ich unbedingt besser heute als morgen erreichen will. Da tut es mir gut zu sehen: Gaudís Geduld und Gottvertrauen haben zu einem großartigen Ergebnis geführt. Auch wenn es immer noch ein Zwischenergebnis ist.