hr1 ZUSPRUCH
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Klewitz, Ute

Eine Sendung von
Ute Klewitz,
Pastoralreferentin, Mentorin für Lehramtsstudierende mit dem Fach Katholische Theologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz

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Ein schiefes Haus in der Nacht vor dem Vollmond, an dem eine Hexe vorbeifliegt.

Die Hexe Schrumpeldei und ihre Hexerei

In meiner Kindheit habe ich Tag für Tag Hörspiele gehört. Manche dieser Hörspiele kannte ich irgendwann so gut, dass ich sie Wort für Wort mitsprechen konnte. Wie z.B. die Hexe Schrumpeldei:

„Es war einmal eine Hexe Schrumpeldei, die lebte in einem windschiefen Haus der Schwarzen Petergasse 13 und hatte drei Dinge, auf die sie sehr stolz war: einen Hexenschuss …, einen sprechenden Papagei …, und eine kleine Hexentochter…“, so lautet ungefähr die Einleitung des Hörspiels.

So habe ich mir das Hörspiel vorgestellt

In meiner Vorstellung hat diese kleine Hexenfamilie gleich nebenan gelebt und nicht in einem dunklen Hexenwald. Eine leicht ruppige, aber wenn es drauf ankommt, herzlich-praktische Mutter, eine verträumte und immer ein bisschen überforderte Tochter und als Vaterfigur ein schnoddriger, kluger und liebenswerter Papagei.

Gemeinsam erleben diese drei mit Mitmenschen und Mithexen viele lustige Abenteuer. Hexen sind hier keine Bedrohung und die Hexensprüche der Tochter führen oft zu einem Durcheinander, das dann ganz bodenständig wieder gelöst wird.

Walpurgisnacht

Mir gefällt diese liebevolle Hexenwelt immer noch und ich muss gerade heute besonders daran denken, denn heute ist Walpurgisnacht, die Nacht der Hexen. Das ist heute bei uns ein ausgelassenes Fest, um die helle Jahreszeit zu begrüßen.

Aber es gibt ja leider auch die Kehrseite der Hexengeschichten. Die Geschichte der Hexen und Hexer ist auch eine Geschichte der Verfolgung – vor allem aus religiösen Gründen. Menschen, vor allem Außenseiter, anders Denkende und Heilkundige wurden und werden mit unglaublichen Vorwürfen grausam verfolgt und zum Teil sogar hingerichtet. 

Raum für Neues

Auch deshalb feiern heute in einigen Gegenden von Deutschland viele Menschen diese Hexennacht ganz bewusst als ein Fest der Solidarität und Ermächtigung. Die Walpurgisnacht vertreibt so das Dunkle und schafft Raum für Neues: neues Wachstum in der Natur, solidarisches Handeln gegen Ausgrenzen und Verurteilen und vor allem Gemeinschaft. 

Ich wünsche mir, dass die Walpurgisnacht uns immer wieder daran erinnert, dass gelebte Vielfalt kein Hexenwerk ist, genau wie bei der Hexe Schrumpeldei, in ihrem windschiefen Haus in der Schwarzen Petergasse 13, bei mir um die Ecke.