hr1 ZUSPRUCH
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Vonderau, Judith

Eine Sendung von
Judith Vonderau,
Katholische Autorin beim Hessischen Rundfunk, Bad Orb

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Ein Haufen von abgebrochenen Betonplatten in verschiedenen Farben, vor allem in Blau und Grau. Die Platten sind unordentlich übereinander gestapelt und zeigen verschiedene Oberflächenstrukturen, die durch Abnutzung und Witterung geprägt sind.

Die Ganzheit des Fragments

Letztens war ich in Hünfeld, in einer kleinen Stadt zwischen Fulda und Bad Hersfeld. Eine Stadt mit einer Besonderheit: Einige Häuserwände sind „beschriftet“. Mal steht dort ein kurzer Text, mal sind die Buchstaben in einer besonderen Form angeordnet. Das alles sind Kunstwerke. Eins fällt mir besonders ins Auge: An einer Hauswand steht „Die Ganzheit des Fragments“. Mehr nicht. Keine Erklärung, keine Informationen, kein Zusammenhang – nichts. 

Nur ein Satz an der Wand

Wenn das Kunstwerk sich nicht selbst erklärt, dann ist das vielleicht eine Aufgabe. Eine Aufgabe, die der Künstler mir anvertraut. Mir und allen, die das Kunstwerk sehen. „Die Ganzheit des Fragments“ – ein Widerspruch? Ist ein Fragment nicht gerade etwas, das alles andere als „ganz“ ist? Ein Fragment ist ein Bruchstück, also immer nur ein Teil des Ganzen. Und doch bekomme ich eine Ahnung davon, was hier gemeint sein könnte.

Scherben, die von etwas Ganzem erzählen

In Museen gibt es oft Tonscherben zu sehen – Geschirr aus dem Mittelalter, Töpfe und Krüge aus vergangenen Jahrhunderten. Oft sind diese Töpferwaren zerbrochen. Ausgestellt werden können nur noch die Scherben, die Bruchstücke, die Fragmente. Sie sind ein Teil des Ganzen, aber dadurch nicht weniger wertvoll. Als Fragmente sind sie bedeutende Fundstücke, die über die Vergangenheit erzählen. Als Fragmente sind sie an sich wertvoll und irgendwie doch „ganz“ – ganze Fragmente.

Kann man das Leben wirklich vollenden?

Wenn ich auf das Leben schaue, dann stelle ich etwas Ähnliches fest: Wenn ein Leben zu Ende geht, wenn ein Mensch stirbt, dann entsteht oft der Eindruck: Dieses Leben war noch nicht fertig. Es hat geendet, als es noch Fragment war – das noch nicht vollendete Lebenswerk bleibt dann unvollendet, fragmentarisch.

Von Menschen, die Großes erreicht haben, heißt es, sie hätten ihr Lebenswerk abgeschlossen. Aber kann das Leben jemals abgeschlossen sein? Vermutlich geht es den meisten Menschen so, dass sie am Ende ihres Lebens feststellen, dass Dinge unvollendet geblieben sind – verpasste Chancen, falsche Entscheidungen, Dinge, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können: alles gesammelte Bruchstücke. 

Glaube, der trägt: Gott vollendet unser fragmentarisches Leben

Vielleicht bleibt Leben immer Fragment bzw. Teil eines großen Ganzen, das hätte Wirklichkeit werden können. Es ist ganz normal, dass das Leben letztlich unvollendet bleibt. Christen glauben an eine Vollendung nach dem Tod; an ein Ganzwerden durch Gottes Zutun. Ein tröstlicher Gedanke, wenn ich nicht alles selbst erreichen muss: Denn da ist einer, der dafür sorgt, dass das Fragment meines Lebens in seiner Bruchstückhaftigkeit immer auch vollständig ist.