hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Pilz, Sebastian

Eine Sendung von

Katholischer Referatsleiter Diakonische Pastoral / Seelsorge in besonderen gesellschaftlichen Herausforderungen, Fulda

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Jemand gießt Wasser in ein Glas.

Wenn in Diskussionen das Trinkwasser fehlt

Den Urlaub planen ist an sich eine schöne Sache. Doch kann es auch anstrengend werden. Zumindest ist das bei meiner Familie gerade so: Meine Kinder sind 20, 19 und bald 16 Jahre alt und da gehen die Interessen weit auseinander. Das wurde neulich in einem Gespräch beim Mittagessen sehr deutlich.

Urlaubsplanung und eine Menge Diskussionen 

In Bezug auf die Urlaubsplanung macht meine Älteste sofort klar: Der Oktober ist gar kein guter Termin. Da beginnt sie ihr Studium und da muss noch einiges vorbereitet werden. Mein mittlerer Sohn stimmt dem zu, weil er da seine Ausbildung anfängt. Doch auch er will keinesfalls in den Sommerferien wegfahren. Da hilft er in der Landwirtschaft und im Sommer ist immer viel zu tun. Davon ist dann auch mein Jüngster überzeugt - nur eben nicht mit Blick auf die Landwirtschaft, sondern eher mit Blick auf einen Ferienjob am Bau. 

Konflikt ohne Lösung

Die Termindiskussion kommt zu keinem Ergebnis und geht fließend in die Ortssuche über. Nordsee, Ostsee, eine Städtetour – da können sich meine Tochter und ich einiges vorstellen. Doch meine Frau und die Jungs winken ab. Die uns gut bekannte Hütte auf etwa 1000 Meter in der Steiermark wäre das Höchste der Gefühle, doch dafür plädiert dann nach einigem Hin und Her nur meine Frau. Ich kann da mitgehen, doch bitte nicht im Oktober, wenn es oben auf den Bergen schon Schnee gibt. Sofort wenden beide Jungs ein, dass Wandern an sich schon okay wäre, doch meine Tochter und wir Eltern seien halt immer so langsam unterwegs. Das bringt gleich meine Tochter auf die Palme: Sie sei in den vergangenen Jahren immer den Kompromiss eingegangen und mit in die Berge gefahren und nun wolle sie mal in eine Stadt. 

Wenn Emotionen das Gespräch bestimmen

Die Emotionen erreichen nun peu à peu den Höhepunkt, als dann die Frage nach zusätzlichen Mitreisenden aufkommt. Der Mittlere möchte seine Freundin mitnehmen, da ja die Hütte entsprechend Platz bietet. Der Jüngste bringt seinen Cousin mit ins Spiel, für den ja auch noch ein Bett da sei. Die Diskussion wird immer lebhafter. Ich will gerade noch finanzielle Aspekte weiterer Mitreisender einbringen, als meine Frau entnervt die wüste Diskussion vertagt. Ergebnisse: Fehlanzeige - stattdessen viel emotionaler Meinungsaustausch. 

Meine Frau und ich stehen nun vor einer echten Herausforderung. Einerseits ist es vollkommen okay, dass alle Familienmitglieder nun getrennt ihren Urlaub selbst planen und mitnehmen, wen sie wollen. Andererseits schätzen wir den gemeinsamen Urlaub als wertvolle Familienerfahrung und möchten deshalb zumindest versucht haben, eine Lösung zu finden. Ratlos sitzen wir zu zweit nach der Diskussion da, starren in unsere Kaffeetassen und fragen uns: Wie soll es weitergehen? 

Musik

In solchen Momenten greife ich manchmal auf alte Erzählungen zurück. Nicht, weil ich denke, dass man heutige Familienfragen eins zu eins mit der Bibel lösen kann, sondern weil in diesen jahrtausendealten Texten oft erstaunlich viel Erfahrung mit menschlichen Konflikten steckt.

Konfliktlösung in der Wüste. Was Mose anders macht

Eine dieser Erzählungen handelt vom Volk Israel auf dem Weg durch die Wüste. Eine Extremsituation: Hitze, Unsicherheit, Durst. Die Nerven liegen blank. Es gibt Streit – diesmal ganz konkret um Wasser. Ihr Anführer Mose weiß nicht mehr weiter und klagt Gott sein Leid. Und die Antwort, die er bekommt, ist überraschend schlicht: „Geh am Volk vorbei und nimm einige von den Ältesten mit.“

Dieser Satz fasziniert mich, weil Gott dem Mose rät, das Volk – sprichwörtlich gesagt – „links liegen zu lassen“. Scheinbar bringen Diskussionen mit dem gesamten Volk nichts mehr. Stattdessen soll Mose jene mitnehmen, die damals für die einzelnen Stämme die Verantwortung tragen - die Ältesten. Und das tut er: Er geht also mit einer kleinen Gruppe von Volksvertretern weg, hinüber zu einem Felsen, wie es im Text heißt - kurzum an einen anderen Ort. Dort finden sie später dann auch Wasser. 

„Geh am Volk vorbei“

Mich spricht dieser Satz an, denn er beschreibt etwas sehr Menschliches: Wenn alle gleichzeitig reden, wenn Emotionen hochkochen und Fronten sich verhärten, dann hilft es manchmal nicht, noch lauter zu diskutieren, sondern den Kreis zu verkleinern, mit einigen Verantwortlichen neu anzusetzen und den Ort zu wechseln. 

Die Verantwortung bündeln

Es gilt also, einen Schritt aus der Wüste der Vorwürfe herauszutreten. In solchen Auseinandersetzungen fehlt im übertragenen Sinne das Trinkwasser. Und zwar das Wasser, das für lebendiges Zusammenleben und konstruktive Suche nach einer Lösung steht. Inmitten des reißenden Stromes von Äußerungen sitzt man dann, sinnbildlich gesprochen, auf dem Trockenen. Aus dieser Situation mit einer kleineren Gruppe auszubrechen, ist schwer, kann aber der Weg zur Lösung sein. Vielleicht hat es auch damals bei Mose so funktioniert, indem er sich mit den Ältesten – abseits vom Volk – wieder einig wurde und sie dann auch Wasser fanden.

Der Stab als Erinnerungsanker 

In der biblischen Erzählung gibt es noch ein weiteres Detail, das ich bemerkenswert finde. Mose soll zu diesem Treffen mit den Ältesten seinen Stab mitnehmen. Erst einmal ist das nichts Besonderes – ein einfacher Wanderstock, wie ihn damals viele bei sich trugen.

Doch steckt darin allerdings eine Erinnerung: Mit genau diesem Stab hatte Mose zuvor, so wird erzählt, das Meer geteilt, damit sein Volk vor den Verfolgern fliehen konnte. Der Stock steht also für eine wichtige Erfahrung: Sie haben schon einmal eine ausweglose Situation überstanden.

Manchmal hilft es also, bei schwierigen Beratungen etwas mitzunehmen, das an gute Erfahrungen erinnert - ein Gegenstand, ein Ort, ein Gedanke. Etwas, das sagt: „Wir sind nicht nur im Streit verbunden, sondern auch in dem, was wir schon gemeinsam miteinander geschafft haben.“

Der Stab ist in dieser Geschichte so etwas wie ein Erinnerungsanker. Er macht deutlich: Ihr habt Gründe, unterwegs zu sein, und ihr habt schon erlebt, dass Lösungen möglich sind. Das schafft Vertrauen – und manchmal ist genau das das „Wasser“, das einer festgefahrenen Situation fehlt.

Musik

Wie komme ich nun mit meiner Familie zu einer Lösung bei der Urlaubsfrage? Ich habe den Eindruck, dass es - wie bei Mose - keinen Sinn macht, noch einmal mit allen darüber zu sprechen. Vielmehr wäre eine kleine Gruppe gut. Bei meiner fünfköpfigen Familie finde ich zwei Personen passend. Doch wer sind die Richtigen? Nahliegend wären meine Frau und ich. Wir sind ja irgendwie die Ältesten, haben zumindest bisher immer die Verantwortung getragen - und das auch finanziell. Doch zwei unserer Kinder sind nun mal volljährig. 

Ein fairer Kompromiss

Deshalb sprechen wir einen Tag später noch einmal alle miteinander, und zwar nur darüber, welche zwei Personen aus unserer Familie in einem anderen Rahmen nach einer Lösung beraten. Meine Frau und mein jüngster Sohn werden auserkoren. Und tatsächlich haben sie wenige Tage später eine Lösung parat: Es soll zwei Wochen im Sommer die Hütte in der Steiermark gebucht werden, weil sich dort viele Interessen vereinen lassen. Die Städte Wien und Graz liegen in erreichbarer Nähe. Es kann in Seen gebadet werden und bei Wandtouren müssen nicht alle mitgehen. Zudem können die Kinder später anreisen oder früher fahren, wenn mindestens alle fünf Tage gemeinsam da sind. In diesen fünf Tagen sind auch keine anderen Personen willkommen. An den anderen Tagen kann pro Kind maximal eine Person zusätzlich kommen, wenn sie sich an den Kosten für Hütte und Lebensmittel beteiligt. 

Gelebte „Familien-Demokratie“ – nicht immer einfach

Diese Lösung klingt kompliziert, doch alle finden sie fair und gut. Auch mir gefällt sie. Gerade die Fünf-Tage-Regel: Die sichert mir persönlich das Wichtigste, nämlich die schönen Stunden im Urlaub gemeinsam als Familie. Diese sind wie mein Trinkwasser im Durst des manchmal trockenen Familienalltags. Ja und irgendwie ist die Hütte in der Steiermark auch wie ein Holzstab im biblischen Sinn für mich: Ein Ort, wo ich auch im Glauben Gott nahe bin, ich aufatmen kann und wunderschöne Erinnerungen habe. Ich bin gespannt, wie der Urlaub in diesem Sommer wird. Auf jeden Fall habe ich die Hütte nun gebucht und ich freue mich riesig auf den Urlaub.

Vielfalt, die Lösung bringt

Genauso froh und stolz bin ich aber auch über den Weg hin zu dieser Lösung. Gerade mit Blick auf das Zeitgeschehen wird mir am Beispiel meines Familienalltags klar, wie wichtig die Übergabe von Verantwortung ist. Kleine Gruppen finden in einer Demokratie Lösungen, zu denen große im Getöse von Meinungen und Strömungen oft nicht in der Lage sind. Insofern sind politische Gremien das Trinkwasser für die Demokratie. Dabei ist eine gute und ausgewogene Zusammensetzung solcher Kreise wichtig - besonders mit Blick auf Frauen. Und das nicht nur am heutigen internationalen Frauentag.