hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Nüchter, Ayleen

Eine Sendung von
Ayleen Nüchter,
Katholische Gemeindereferentin im PV St. Benedikt Hünfelder Land, Hünfeld

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Ein Himmel mitten unter uns

Es ist früher Morgen. Die Luft ist noch kühl, fast zart. Ein leichter Wind geht durch die Bäume, und irgendwo hört man schon die ersten Instrumente der Kapelle, die sich einspielen. Noch ist alles ruhig – aber man spürt: Gleich beginnt etwas.

Ein Morgen voller Erwartungen

Heute ist Christi Himmelfahrt. Ein besonderer Tag. Schon zu Hause liegt diese besondere Mischung aus Vorfreude und feierlicher Unruhe in der Luft. Meine Tochter steht vor ihrem Kleiderschrank und sucht mit ernster Hingabe ihr schönstes Kleid aus. Etwas Festliches soll es sein. Denn sie spürt: Heute ist nicht irgendein Morgen. Heute gehen wir mit. 

Prozession mit Blüten, Musik und Gemeinschaft

Langsam versammeln sich die Menschen. Familien, ältere Paare, Kinder, die ein wenig aufgeregt sind, weil sie gleich eine wichtige Aufgabe haben. Unter ihnen die Erstkommunionkinder in ihren weißen Kleidern und festlichen Anzügen – wie kleine Lichtpunkte in der Menge, feierlich, stolz, ein wenig ehrfürchtig. Auch meine Tochter steht da, aufmerksam und aufgeregt, das kleine Körbchen fest in den Händen. Darin Blüten aus dem Garten ihrer Oma – liebevoll gesammelt, sorgsam gepflückt. Weiß, rosa, gelb. Wie kleine Farbtupfer gegen den grauen Asphalt.

Wenn der Glaube sichtbar wird

Und dann setzt sich die Prozession in Bewegung. Vorne die Kapelle. Die ersten Töne von vertrauten Liedern, die man vielleicht nicht jeden Tag singt – aber die sofort da sind, wenn man sie hört. Dahinter die Kinder. Vorsichtig greifen sie in ihre Körbchen und streuen die Blüten auf den Weg. Auch meine Tochter wirft ihre Blüten mit einer Mischung aus Freude und Stolz. Schritt für Schritt entsteht ein bunter Teppich. Ein Weg aus Blüten, Musik und Hoffnung. Und mittendrin: die Monstranz. Und auch ich gehe mit. Und ich merke, wie mich das jedes Jahr neu berührt. 

Christi Himmelfahrt - wo der Himmel den Alltag berührt

Vielleicht wirkt das alles für Außenstehende ein wenig fremd. Menschen, die betend durch die Straßen ziehen. Die stehen bleiben, singen, weitergehen. Die etwas sichtbar machen wollen, was man doch eigentlich nicht sehen kann. Und doch liegt genau darin eine besondere Kraft. Denn was hier geschieht, ist mehr als ein Brauch. Es ist ein Ausdruck von etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt: Glaube, der sich nicht versteckt. Hoffnung, die sich zeigt. Eine Gemeinschaft, die sich auf den Weg macht.

Musik

Christi Himmelfahrt. Ein Fest, das auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu verstehen ist. Die biblische Erzählung berichtet davon, dass Jesus vor den Augen seiner Freunde „in den Himmel aufgenommen“ wird. Dass er entschwindet. Dass er nicht mehr so da ist wie vorher. Und höchstwahrscheinlich kennen Sie dieses Gefühl: Dass etwas zu Ende geht. Dass ein Mensch nicht mehr da ist, wie er einmal da war. Dass ich Abschied nehmen muss – zumindest von einer bestimmten Form von Nähe. Die Jünger damals stehen da und schauen in den Himmel. Ratlos. Sicher auch ein wenig verloren. Und genau da beginnt eigentlich die Botschaft dieses Tages. Denn Christi Himmelfahrt erzählt nicht davon, dass Jesus einfach weg ist. Sondern davon, dass sich seine Gegenwart verändert. Dass er nicht mehr an einen Ort gebunden ist. Nicht mehr nur hier oder dort. Sondern überall. Mitten im Leben.

Nicht weg – auf eine neue Weise da

Ich schätze, es ist schwer, das zu glauben. Weil wir so sehr an das Sichtbare gebunden sind. Weil wir gerne festhalten würden, was uns wichtig ist. Und bestimmt helfen mir gerade deshalb diese Prozessionen so sehr. Denn sie holen etwas Unsichtbares ins Sichtbare. Sie geben dem Glauben eine Form, die man sehen, hören, sogar riechen kann – in den Blumen aus Omas Garten, in der Musik, im gemeinsamen Gehen.

Unterwegs mit der ganzen Gemeinde

Wenn die Kapelle spielt und die vertrauten Lieder durch die Straßen klingen, dann ist das mehr als Musik. Es ist Erinnerung. Es ist Heimat. Es ist ein Klang, der Menschen verbindet – über Generationen hinweg. Wenn die Kinder ihre Blüten streuen, dann ist das mehr als ein schöner Brauch. Es ist ein Zeichen von Hingabe. Von Freude. Auch von einer kindlichen Selbstverständlichkeit, die uns Erwachsenen manchmal verloren geht. Gerade im stolzen Blick meiner Tochter sehe ich etwas davon: dieses leise Wissen, dass auch kleine Hände etwas Bedeutendes tun können. Und wenn die Monstranz getragen wird – still, würdevoll –, dann ist das für mich jedes Mal ein ganz besonderer Moment. Denn sie steht für etwas, das man nicht beweisen kann. Und doch trägt sie eine tiefe Gewissheit in sich: Gott ist da. Nicht irgendwo weit entfernt. Nicht nur in besonderen Momenten. Sondern hier. Jetzt. Auf diesem Weg.

Christi Himmelfahrt im Altenheim – ein Weg, der berührt

Ich erinnere mich an eine Prozession, bei der wir nicht durch sonnige Straßen gingen, sondern durch lange, schlichte Flure: ein Altenheim. Die Türen standen offen. Manche Bewohner saßen in ihren Zimmern, andere standen an den Türrahmen. Und wir sind langsam hindurchgezogen. Die Musik klang gedämpfter, die Schritte vorsichtiger. Und doch war da etwas unglaublich Dichtes in diesem Moment. Manche Bewohner haben leise mitgesungen. Andere einfach nur geschaut. Und in einigen Augen habe ich etwas gesehen, das mich tief bewegt hat: eine Mischung aus Dankbarkeit, Sehnsucht und Frieden.

Musik

Kleine Blüten, großer Himmel: Gottes Gegenwart wirkt in kleinen Gesten

Da habe ich verstanden: Diese Wege, die wir gehen, sind nicht nur äußerlich. Es sind auch innere Wege. Christi Himmelfahrt bedeutet nicht: Jesus ist weg. Vielmehr bin ich überzeugt davon: Er ist uns näher, als wir denken. Nicht zu greifen. Aber da. In einem Blick. In einem Lied. In einem Moment der Stille. Vielleicht ist es genau das, was wir heute brauchen. In einer Zeit, in der so vieles laut ist, schnell, unübersichtlich. Ein Innehalten. Ein gemeinsames Unterwegssein. Ein Erinnern daran, dass wir nicht alles allein tragen müssen.

Die Prozession ist kein Spektakel. Sie ist kein großes Ereignis, das Schlagzeilen macht. Und doch geschieht dort etwas, das leise wirkt – und vielleicht gerade deshalb so tief. Menschen gehen gemeinsam. Sie teilen einen Weg. Für eine Zeit sind sie verbunden – unabhängig davon, was sie sonst trennt. Alt und jung. Laut und leise. Suchend und glaubend. Und über allem liegt diese leise Ahnung: Wir sind getragen.

Ich frage mich manchmal, ob genau das die eigentliche Bewegung von Christi Himmelfahrt ist. Nicht nach oben – irgendwo in einen fernen Himmel. Sondern nach innen. Und nach außen zugleich. Nach innen, weil sich etwas in uns bewegt. Eine Sehnsucht vielleicht. Eine Hoffnung. Ein Vertrauen, das wir nicht immer erklären können. Und nach außen, weil dieser Glaube nicht für sich bleiben will. Weil er sich zeigen möchte – in kleinen Gesten, in Begegnungen, in dem, was wir tun. Die Blüten, die die Kinder streuen, sind dafür ein schönes Bild. Jede einzelne für sich unscheinbar. Schnell verweht. Und doch entsteht gemeinsam etwas Wunderschönes. Ein Weg, der bunt wird. Lebendig. Einladend. So wie heute, wenn meine Tochter ihre Blüten auf die Straße fallen lässt – voller Stolz, voller Ernst, voller Freude. 

Vom Festtag zurück in den Alltag – mit Christi Himmelfahrt im Herzen

So könnte es auch mit unserem Leben sein. Nicht die großen, perfekten Momente sind es, die alles verändern, sondern die vielen kleinen Gesten. Ein freundliches Wort. Ein offenes Ohr. Ein Schritt auf den anderen zu. Vielleicht ist genau darin der Himmel zu finden, von dem wir sprechen. Nicht fern. Nicht unerreichbar. Sondern mitten unter uns. Ich gehe weiter. Schritt für Schritt. Nur ein paar Blüten liegen noch auf dem Weg. Und doch ist etwas geblieben. Ein wenig Ruhe. Ein Gefühl von Verbundenheit. Die leise Gewissheit, nicht allein unterwegs zu sein. Christi Himmelfahrt erzählt genau davon: Dass Gott nicht fern ist. Nicht irgendwo über den Wolken. Sondern mitten unter uns. Manchmal verborgen. Manchmal kaum spürbar. Aber da. Und das kann schon reichen. Für heute. Und für den nächsten Schritt.