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Kohl, Rüdiger

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Theologischer Referent der Stellvertretenden Kirchenpräsidentin der EKHN

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Der Charme des Unverfügbaren

„Das Leben ist kein Wunschkonzert“. Das sagt sich so leicht. Und es stimmt! In unserer Familie spüren wir gerade, was das wirklich heißt. Es ist eine aufregende Phase bei uns zu Hause. Unser 10-jähiger Sohn Linus wird nach den Sommerferien die Schule wechseln. Es ist der Übergang von der vierten in die fünfte Klasse. Aufregend für ihn – und auch für uns Eltern. 

Schulwechsel: Wie viel Planung ist sinnvoll?

Im Grunde bereiten wir uns schon seit Dezember vor. Dazu hatten wir ein Gespräch mit Linus´ Klassenlehrerin. Sie hat uns das Gymnasium als Schulform empfohlen und wir Eltern sind damit einverstanden. 

Bei uns in Frankfurt läuft es dann so weiter: Man füllt ein Anmeldeblatt aus und gibt zwei Schulen an, auf die das Kind gerne gehen würde. Die Schulen prüfen, wie viele Anmeldungen es gibt. Sind es mehr Anmeldungen als Plätze, entscheidet das Los. Vielleicht klappt es mit der Wunschschule. Oder aber nicht – das Leben ist eben kein Wunschkonzert. 

Wenn der Wunsch nicht erfüllt wird: Was bedeutet das für Familien?

Manche Kinder kommen nicht an ihre Wunschschule, sondern an eine, die noch freie Plätze hat. Möglicherweise mit einem langen Schulweg. Oder ganz ohne die alten Freunde. Eltern könnten dann Widerspruch einlegen oder sogar gegen die Entscheidung klagen. Aber das ist keine schöne Vorstellung. 

Dazwischen: Eine schwierige Übergangsphase

Wir Eltern merken: Linus hat die Grundschule im Kopf schon verlassen – aber die neue Schule ist noch weit weg. Es ist ein Weg mit vielen Etappen. 

Welcher Weg passt zu uns? 

Auf diesem Weg wollen wir uns gut informieren. Wir besuchen Info-Elternabende und Tage der offenen Tür. So wie vor drei Wochen. Wir stehen auf dem Schulhof. Meine Frau, unser Sohn und ich. Viele Familien sind da, ein riesiges Gewusel. Wir blicken auf das Gebäude, ein alter Bau, viel Glas. Wir gehen hinein und finden die Aula. Da spielt die Schulband einen Song als Willkommensgruß. Der Rektor stellt kurz die Schule vor. Dann führen uns ältere Schülerinnen und Schüler durch die Klassenräume. Sie erklären Fächer, zeigen Projekte. Sie wirken freundlich. Ich denke: „Die mögen ihre Schule.“ 

Woran merken wir, ob es wirklich passt?

Wir saugen die Atmosphäre auf. Wie gehen die Menschen hier miteinander um? Wie fühlt sich dieser Ort an – für unser Kind?

Linus raunt uns zu: „So groß alles hier. Viel größer als meine Grundschule.“ Ich spüre, wie unsicher er ist. Genauso wie wir. Und viele Familien in unserem Umfeld. 

Was zählt wirklich?

Wenn wir in diesen Wochen mit befreundeten Eltern sprechen, gibt es kein anderes Thema mehr: In acht oder neun Jahren zum Abitur? Englisch oder Französisch oder Spanisch als erste Fremdsprache? Welche Schule liegt im Ranking vorne? Diese Phase fühlt sich so intensiv an, weil es um unsere Kinder geht. Und weil wir merken: Wir können sie nicht vor allem bewahren. Und welchen Weg sie einmal einschlagen werden, können wir nicht wissen.

Lebensübergänge: Entscheidungen treffen und Kontrolle loslassen

Unser Sohn Linus wechselt die Schule. Für uns als Familie ist das aufregend. Wir bereiten vor. Wir wägen ab. Wir treffen Entscheidungen – und merken irgendwann: Wie es ausgeht, entzieht sich trotzdem unserer Kontrolle. 

Lebensübergänge und Ungewissheit: Warum wir nicht alles planen können

Diese Erfahrung kennen viele bei Übergängen im Leben: Beim Jobwechsel oder auf dem Weg in den Ruhestand. Wenn eine Beziehung zerbricht oder man sich neu verliebt. Wenn man auf einen Befund wartet – oder auf eine Zusage. Oft gibt es konkrete Erwartungen oder Hoffnungen. Manches ist planbar – anderes nicht. Manche sagen dann: „Wie es am Ende wird, entscheidet eine andere Macht.“

Unverfügbarkeit: Wo endet unsere Kontrolle?

Das klingt religiös. Und für mich als Christ ist es das auch. Aus meinem Glauben weiß ich: Es gibt Dinge, die wir nicht kontrollieren können – so sehr wir uns auch mühen. Die Wissenschaft hat dafür sogar ein Wort gefunden: unverfügbar. Ich merke: Ich wünsche mir Klarheit. Und stoße an Grenzen. Ich habe viel weniger Einfluss, als ich gerne hätte. Beim Schulwechsel. Im Beruf. In Beziehungen. In politischen Umbrüchen. Das meiste bleibt unverfügbar.  

Was sagt die Bibel über Gelassenheit?

Wie kann ich damit gelassener umgehen? Eine Anregung finde ich in einer Geschichte aus der Bibel: Jesus ist in der Wüste. Allein. Er hat sich zurückgezogen – um sich innerlich zu sortieren. Er ahnt: Gott hat Großes vor mit ihm. Aber er steht erst ganz am Anfang seines Weges. Alles liegt vor ihm. Alles ist möglich – aber auch alles noch unsicher. Da kommt der Teufel zu ihm und sagt: „Du bist doch Gottes Sohn. Also: Verwandle Steine in Brot. Sorg dafür, dass nichts fehlt. Beherrsche die Welt.“ (Matthäus 4,1-11)

Innere Stimme der Kontrolle: Warum absolute Sicherheit verführerisch ist

Ich verstehe diese Geschichte so: Es gibt so etwas wie eine innere Stimme. Die flüstert Jesus ein, was ich mir auch manchmal heimlich wünsche: absolute Sicherheit. Kontrolle. Grenzenlose Macht – zumindest über mein Leben. So als könnte ich alles richten, alles verhindern, alles garantieren. Kann ich aber nicht. 

Offen bleiben für das Unverfügbare

Und Jesus auch nicht. Er verzichtet in der Geschichte. Er verzichtet darauf, so zu sein wie Gott und alles Menschliche abzulegen. Er bleibt offen für das, was kommt – auch für das, was unsicher und unverfügbar ist. Jesus vertraut darauf, dass es gut weitergeht. Darauf, dass Gott ihn trägt – auch da, wo er selbst nicht weiterkommt.

Solches Vertrauen wünsche ich mir auch – gerade an den unsicheren Übergängen im Leben. Da würde ich gerne gelassener bleiben. Das ist schwer. Gerade wenn es um die geht, die wir lieben.

Gelassenheit als unverfügbares Geschenk: Was kann ich aktiv tun?

Ich glaube: Auch Gelassenheit ist etwas Unverfügbares. Die kann ich mir nicht einfach vornehmen. Aber es hilft mir, mich bei aller Aufregung innerlich zu sortieren, so wie Jesus. Dann kann ich einer anderen inneren Stimme Raum geben, die sagt: Nimm die Grenzen der eigenen Verantwortung an. Du kannst nicht alles festhalten. Nicht jede Entwicklung steuern. Nicht jede Entscheidung absichern. Bleib offen für das, was kommt. 

Das sagt die Forschung: Warum Kontrolle uns unruhig macht

Das Leben ist kein Wunschkonzert. Nicht alles liegt in meiner Hand. Das fällt mir manchmal schwer. Und damit bin ich nicht alleine. Wir versuchen heute, alles verfügbar zu machen. Alles zu kontrollieren. Für alles gibt es Rankings. Prognosen. Bewertungen. Der Soziologe Hartmut Rosa hat das erforscht.[1] Er sagt: So versuchen wir, die Welt zu beherrschen. Genau das macht uns unruhig. 

Hartmut Rosa: Der Charme des Unverfügbaren

Hartmut Rosa sagt aber auch: Darin liegt der Charme des Unverfügbaren: Glücklich machen mich oft die Momente, in denen ich mich auf das Unverfügbare einlasse. Ein Gespräch, das plötzlich Tiefe bekommt. Ein Musikstück, das uns unerwartet trifft. Ein Ort, der mich still werden lässt.[2]

Unverfügbarkeit im Alltag: Warum uns gerade das Ungeplante berührt

Das, was mein Leben wirklich berührt, entzieht sich fast immer der Kontrolle. Natürlich ist nicht alles, was unerwartet eintrifft, schön und sinnvoll. Aber ich finde den Gedanken hilfreich: Wer sich dem Unverfügbaren hingibt, es als Chance begreift, wird möglicherweise belohnt – auf eine Weise, die ich ganz und gar nicht planen kann. 

Ein unerwarteter Moment, der alles verändert

So auch beim Tag der offenen Tür an der Schule, auf die mein Sohn Linus nach den Sommerferien vielleicht gehen könnte. Linus trifft dort zwei Freunde, die auch mit ihren Eltern da sind. Einer der beiden ruft ihm zu: „Komm, lass uns mal schauen, was es da hinten gibt.“ Sie laufen zu den Räumen, in denen die Betreuung am Nachmittag stattfindet. Wir reden noch ein wenig mit den Eltern und gehen dann hinterher. An der Tür ein Schild: „Schülerwohnung.“ Die drei Jungs spielen Tischkicker. Zwei Sozialarbeiterinnen lachen, erzählen, wie es nachmittags dort zugeht. 

Ich frage Linus: „Und, wie gefällt es dir hier?“ Er strahlt uns an: „Super. Die beste Schule.“ Bisher war diese Schule nur eine von mehreren Optionen. Jetzt ist sie für ihn ganz oben auf Platz eins. Wir alle wissen: Das Los wird wohl entscheiden. Doch unser Sohn genießt, dass er sich hier wohlfühlen könnte. Also drücke ich ihm die Daumen. 

Gelassen zuschauen und Gott vertrauen: Schule des Lebens und Unverfügbarkeit

In diesen Wochen merke ich: Manchmal muss ich im Leben gelassen zuschauen, was passiert. Und dabei auf Gott vertrauen, dass es gut weiter geht. Denn wir haben nicht alles in unserer Hand. Mit diesem Wissen hat Linus den Anmeldezettel vor drei Tagen abgegeben. Es ist kein Wunschzettel. Aber das ist ja eine wichtige Erkenntnis in der Schule des Lebens: Wenn wir dem ‚Unverfügbaren‘ Raum geben, dann werden wir möglicherweise sogar beschenkt. 


[1] Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, Berlin 2020.
[2] Ders., Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.