hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1
Rieth, Stephanie

Eine Sendung von
Stephanie Rieth,
Bevollmächtigte des Generalvikars und Dezernentin im Bistum Mainz

00:00
00:00

Andreas Bourani - Auf anderen Wegen

Ein Mann sitzt da alleine in einem Bus. Draußen ist es grau, trüb. Regen rinnt an den Scheiben entlang. Dann hält der Bus an, der Mann steigt aus und läuft ein Stück, langsam, nachdenklich. Man sieht ihn in einem Café, dann wieder auf der Straße und am Meer. In einer Tankstelle beugt er sich mit dem Tankwart über eine Landkarte und studiert einen Weg, dann läuft er wieder und er singt dabei, dieses Lied, dieses –wie ich finde – wunderschöne, melancholische Lied.

Du willst gehen, ich lieber springen 
Wenn du redest, will ich singen 
Du schlägst Wurzeln, ich muss fliegen 
Wir haben die Stille um uns totgeschwiegen 
Wo ist die Liebe geblieben 
Ich fühl' mich jung und du dich so alt 
fallen wir um, uns fehlt der Halt 
Wir müssen uns bewegen 
Ich bin dafür, du dagegen 
Wir gehen auf anderen Wegen

Mein Herz schlägt schneller als deins, 
sie schlagen nicht mehr wie eins 
Wir leuchten heller allein, vielleicht muss es so sein.

„Auf anderen Wegen“, so heißt der Popsong, mit dem ich mich heute auf Sinnsuche begebe, hinein in die großen Gefühle von Lieben, Hassen und Verzeihen. Der Mann, der da im Video läuft und singt, ist Andreas Bourani, ein deutscher Musiker und Liedermacher mit nordafrikanischen Wurzeln. Spätestens seit der Fußball-WM in Brasilien ist er bei uns kein Unbekannter mehr. Sein WM-Song „Ein Hoch auf uns“ hätte besser nicht passen können zu uns als Fußball-Weltmeister.

Er hat ein Gespür für Situationen, bei denen viel auf dem Spiel steht

Es scheint seine Stärke zu sein, Situationen zu deuten, in denen viel auf dem Spiel steht. Er hat ein Gespür für Stimmungen und kann sie über die Musik hörbar und spürbar machen. „Ich will das Leben spürbar machen“, so hat er es selbst einmal gesagt. Und dieser Song hier fühlt sich nach Wehmut und Einsamkeit an. Ein Mann denkt über seine gescheiterte Beziehung nach, bewegt alles in seinem Herzen. Und das sieht man im Video: Der Mann geht allein hinaus in die raue Umgebung. Und man hört es im Song: Wie ein Herzschlag untermalt die immer gleiche Tonfolge das ganze Lied: Dam, dam, dam, dam.

Wenn ich dieses Lied höre, sehe ich vor meinem inneren Auge noch ein anderes Bild. Ich sehe einen Küchentisch, an dem ein Paar sitzt. Ein Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat. Der eine blättert in der Zeitung, während die andere gedankenverloren in der Kaffeetasse rührt. Ab und zu geht der Blick in die Ferne, am anderen vorbei. So sieht das ja an vielen Küchentischen aus.

Wir haben die Stille um uns totgeschwiegen

Es herrscht Stillschweigen. Und die zwei Menschen schweigen nicht vertraut und verschworen, weil sie daran denken, was sie zusammen erlebt haben, was sie verbindet. Es ist ein resigniertes Schweigen, ein Schweigen, das die Kehle zuschnürt. Zwei Menschen finden einfach keine Worte mehr miteinander und füreinander. „Wir haben die Stille um uns totgeschwiegen“, so beschreibt es Andreas Bourani. Und dann steht in meinem Bild zu diesem Lied der eine auf und die andere bleibt sitzen. „Ich geh dann mal. Es wird heute später bei mir, warte nicht auf mich!“

Da war man einst von ewiger Liebe erfüllt – und dann lebt man sich auseinander, mitten im Alltag. Der Zauber des Anfangs ist schon lange vorbei. Liebesbriefe oder stundenlange Telefonate, in denen man über alles und jedes geredet hat, nur um die Stimme des anderen zu hören, sie sind Vergangenheit.

Der Alltag entzaubert, Konflikte entstehen

Durchschnittlich acht Minuten sprechen Paare heute miteinander über sich und ihre Beziehung, so sagen es Studien. Die restliche Kommunikation ist ja vor allem Organisation: „Kannst du heute die Kinder zum Sport bringen, ich habe noch einen Arzttermin, dafür erledige ich danach noch den Einkauf!“ „Übrigens, ich bekomme nächste Woche Donnerstag doch nicht frei. Das gemeinsame Frühstück in der Stadt holen wir dann nach, irgendwann!“

Der Alltag entzaubert. Konflikte entstehen. Grundsätzlich wird es den meisten Paaren so gehen. Das passiert und gehört zum natürlichen Verlauf der Dinge. Keine Liebe bleibt immer im Hoch.

Aber nicht immer gelingt es Paaren, an dem festzuhalten, was trotz allem trägt – durch die Tiefs hindurch, über die Durststrecken hinweg.

Dann bleibt die Liebe manchmal auf der Strecke

Manchmal verlieren Partner ihr Gespür füreinander und es geht auseinander. Da spürt der Eine: Ich bin einfach nur müde, fühle mich alt. Und er zieht sich ins Schneckenhaus zurück. Der andere will sich aber bewegen, etwas erleben und hat das Gefühl, raus zu müssen. Wo so etwas passiert, bleibt irgendwann die Liebe auf der Stecke.

Wo ist sie hin, die Liebe, wo ist sie geblieben? Diese Frage stellt sich auch Andreas Bourani, und er stellt fest: Die Herzen schlagen nicht mehr wie eins.

Mein Herz schlägt schneller als deins, 
sie schlagen nicht mehr wie eins 
Wir leuchten heller allein, 
vielleicht muss es so sein

Sind ein festgefahrenes Ritual, 
das immer stärker brennt 
und ich frage nicht mehr nach, 
was uns verbindet oder trennt, 
weil ich weiß, wir fahren weiter im Kreis

Sich nur noch im Kreis drehen, hinterlässt Leere

Rituale sind ja eigentlich etwas Schönes, man kann sich darauf freuen, sie schaffen Verbundenheit und helfen dabei, wichtige Dinge nicht aus dem Blick zu verlieren. Wenn das Ritual aber zur bloßen Wiederholung wird, weil alles automatisch geschieht, unhinterfragt, weil mir nichts mehr anderes einfällt, dann tut es nicht mehr gut, dieses Ritual. Dann ist es ein Ritual, das immer stärker brennt, wie es Bourani singt. Brennen, das heißt für mich hier: wehtun, verletzen, die Persönlichkeit missachten, die eigene wie die des anderen. Viele Paare bleiben trotzdem zusammen, trennen sich nicht, leiden still vor sich hin, resignieren und denken, es muss so sein. Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Vielleicht spielt tatsächlich dieser biblische Anspruch bei dem ein oder anderen eine Rolle. Aber oft sind Menschen auch zu bequem, haben Angst vor der Veränderung oder vor dem Alleinsein und ziehen deshalb keine Konsequenzen. Und so fahren sie weiter im Kreis.

Andreas Bourani zeigt mit seinem Song einen anderen Weg auf.

Wir müssen atmen, wieder wachsen 
bis die alten Schalen platzen
und wo wir uns selbst begegnen, 
fallen wir mitten ins Leben 
Wir gehen auf anderen Wegen.

Gut ist das, was zu mehr Leben führt, auch und gerade in der Liebe. Da, wo wir uns selbst begegnen, da, wo wir einander ermöglichen, selbst vorzukommen. Wenn wir uns nicht verstellen müssen, ehrlich zu uns und zueinander sind, da wird neues Leben möglich. Oder wie Bourani es sagt: da fallen wir mitten ins Leben. Er ermutigt dazu, gegen die verkrusteten Rituale zu atmen, zu wachsen, bis die alten Schalen platzen.

Auf anderen Wegen heißt dann auch: manchmal ist die Trennung der richtige Weg. Der Weg, der dem Leben dient:

Und sich trennen hat für den Sänger sehr viel mit Liebe zu tun:

Ich geb' dich frei Ich werd' dich lieben 
Bist ein Teil von mir geblieben 
Geb' dich frei Ich werd' dich lieben 
Frei - ich werd' dich lieben

Ich gebe dich frei und bleibe doch verbunden

Ich geb dich frei, ich werd dich lieben. Bist ein Teil von mir geblieben. Für mich spricht daraus eine tiefe Achtung und Respekt vor dem Anderen und Anerkennung dessen, was war und was ist. Wir waren einander verbunden und werden es in einer besonderen Weise immer bleiben. Du hast Spuren in meinem Leben hinterlassen, die auch eine Trennung nicht auslöscht. Ich gebe dich frei, damit du wieder leben kannst, damit ich wieder leben kann. Das ist Liebe.

Ja, da ist schon etwas dran und so wie Andreas Bourani davon singt, geht mir das Lied unter die Haut. Und doch lässt es mich auch sehr nachdenklich zurück.

Um der Liebe willen würde ich mir für mich wünschen, in einer solchen Situation doch noch einmal ganz andere Wege zu finden.

Neue Wege gehen, um wieder zusammen zu finden

Ich würde mir dann wünschen, mit meinem Mann zu erkennen, was ist: wo Liebe ist, wo Hass ist. Ich würde mir auch wünschen, aus den Ritualen herauszukommen, die nicht gut tun. Vielleicht heißt das, neue Rituale miteinander zu schaffen. Vielleicht heißt das auch Trennung, aber vielleicht darf sie auch vorübergehend sein, die Trennung – ehrlich, aber auf Zeit. Es kann sein, das bedeutet: Manche Wege muss ich alleine und anders gehen, ein Rückzug eben, um irgendwann wieder zusammen zu finden. Vielleicht brauche ich dazu auch die Hilfe von anderen. Und ganz sicher brauche ich dazu die Kraft, immer wieder zu verzeihen, nicht aufzugeben und auf das Herz zu hören, mein eigenes und das des anderen.

Und vielleicht lohnt sich dann dieser ganze Aufwand. Ich glaube daran, um der Liebe willen und weil ich überzeugt bin: Wir haben uns einander anvertraut und Gott ist mit uns beiden unterwegs.