Der „Rückwärts-“ und der „VorwärtsAdvent“
Guten Morgen!
Da brennt heute also wieder die erste Kerze auf dem Adventskranz, wie schön! Ich gehöre auch zu denen, denen dieses Brauchtum heilig ist.
Für meine freundliche Bäckereiverkäuferin, die den besten Cappuccino in der ganzen Gegend zubereitet, reicht das allerdings nicht. Sie sagte dieser Tage, sie müsse dringend bis zum ersten Advent den Weihnachtsbaum aufstellen, sonst komme bei ihr nicht die richtige Stimmung auf. Ja, Sie haben richtig gehört, den Weihnachtsbaum! Ich habe ihr viel Freude gewünscht und nichts weiter gesagt.
Verwundert war ich aber schon und habe innerlich bisschen den Kopf geschüttelt: Weihnachtsbaum zum ersten Advent! Das war für mich ungefähr so, wie - Silvesterfeuerwerk an Heiligabend. Rituale und Brauchtum sehe ich an bestimmte Ereignisse und Daten gebunden, mit inhaltlichen Zusammenhängen verknüpft.
Vom Weihnachtsbaum zum Adventsbaum…
Ich habe dann daheim die gegenwärtigen Trends recherchiert. Meine freundliche Bäckereiverkäuferin steht keineswegs alleine da: Der Weihnachtsbaum mutiert tatsächlich zusehends zum Adventsbaum. Auf Weihnachtsmärkten und in den geschmückten Städten ist das ja schon lange so, nun also auch zunehmend in deutschen Wohnzimmern.
Ein Weihnachtsforscher erklärt diesen Trend mit mehreren Ursachen: Da sei einfach die große und eilige Lust auf diese „heimelige Stimmung“, die in krisenhaften und winterlichen Zeiten Wärme, Halt und Sicherheit verspricht. Außerdem, so der Forscher, füllten Leute die Leere, wenn die Halloween-Deko abgeräumt ist, dann eben direkt mit Weihnachten. Dies würde auch vielfach durch Social Media Posts und die dort tätigen InfluencerInnen gepusht.
Wer mit „Weihnachtscontent“ Geld verdient, sei natürlich an der ständigen Ausweitung seines „Geschäftsbereiches“ interessiert. Letztlich spiele aber auch eine Rolle, so der Forscher, dass viele Menschen immer weniger religiös gebunden seien und die inhaltlichen Bezüge vieler Bräuche und Rituale schlichtweg nicht mehr kennen.
Und da kam in mir der Wunsch auf, mir als Theologe und Kirchenmensch ein bisschen Zuständigkeit für „Weihnachtscontent“ zurückzuerobern…
Musik 1
Krippenspiel und Paradiesbaum
Der Weihnachtsbaum ist ursprünglich eng mit dem Christfest verbunden: Im Mittelalter wurde vor dem Krippenspiel, das die Geburt Jesu in Szene setzt, ein sogenanntes „Paradiesspiel“ aufgeführt. Als Kontrapunkt zur Rettung der Welt durch die Menschwerdung Jesu wurde die Vertreibung aus dem Paradies gespielt, also die Schuldgeschichte von Adam und Eva, die die Erlösung des Menschen erst nötig machte.
Wir erinnern uns, die Sache mit dem Baum der Erkenntnis und der verbotenen Frucht. Als Paradiesbaum diente im Spiel ein immergrüner Tannenbaum, an den man rote Äpfel hängte. Im 19. Jahrhundert wurde der geschmückte Christbaum dann zum Mittelpunkt der familiären Feier an Heiligabend. Katholischerseits waren solche Christbäume zunächst richtig verpönt, weil man Angst hatte, sie könnten der Krippe und der Jesusgeschichte die Schau stehlen. Aber bald strahlten sie in allen christlichen Häusern.
Wenn jetzt der geschmückte Tannenbaum seine symbolische Brauchtumsrolle hin zum Adventsbaum verwandelt, finde ich das gar nicht schlimm.
In theologischer Verantwortung für „Weihnachtscontent“ wäre mir wichtiger, wenn uns Menschen wieder mehr bewusstwürde, um was es im Advent eigentlich geht. Es wenigstens mal wissen…
Zwei verschiedene Arten von Advent…
Ich kenne tatsächlich zwei sehr verschiedene Arten von Advent. In der ersten Art, die meiner Meinung nach heute bei uns vorherrscht, bereiten sich Menschen auf Weihnachten als „Fest der Liebe und der Familie“ vor. Sie besorgen Geschenke, backen, putzen, kochen, planen die Familientreffen. Als Vorgriff auf die Festtage gibt’s betriebliche Weihnachtsfeiern, Weihnachtsmarkt mit Freunden, vielleicht ein vorweihnachtliches Konzert. Diese Art Advent gestaltet sich oft eher hektisch als besinnlich. Darüber stöhnt man, findet es aber trotzdem schön…
In dieser Art Advent, gibt es auch noch – beim einen mehr, beim anderen weniger – Spurenelemente von Jesus- und Kirchenbezug: viele stellen daheim Weihnachtskrippen auf, hören Weihnachtslieder oder singen sie sogar und so viele Leute wie sonst nie besuchen zu Weihnachten einen Gottesdienst. Und vielleicht erzählen sie ihren Kindern sogar: Weihnachten ist das Fest der Liebe, weil Jesus diese Liebe in die Welt gebracht hat; vielleicht lesen sie sogar an der Krippe die Geschichte aus der Bibel vor. Wie gesagt, beim einen mehr, beim anderen weniger. Im Trend wohl eher weniger, weil bei vielen Leuten das „Fest der Liebe“ auch „ohne Jesus“ funktioniert.
Ankunft Jesu – Vergangenheit oder Gegenwart?
Ich nenne diese Art den „RückwärtsAdvent“. Advent heißt ja übersetzt: Ankunft Jesu. Die wird hier vor allem in Rückwärtsperspektive wahrgenommen und gefeiert: Vor über zweitausend Jahren kam Jesus zur Welt und wir feiern heute an Weihnachten seinen Geburtstag von damals.
Dagegen ist eigentlich nichts zu sagen, gäbe es da nicht das Problem, die Geburt Jesu nur als historisches Damalsereignis zu sehen. Hat seine Ankunft auch eine Gegenwart? Und hier kommt die zweite Art Advent ins Spiel: Es gibt nämlich tatsächlich auch einen „VorwärtsAdvent“. Der hat es allerdings schwer, gefühls- und gedankenmäßig in unseren Herzen anzukommen…
Musik 2
Advent als Weltende und Jüngstes Gericht…
Biblisch und kirchlich gesehen geht’s im Advent um mehr als den Blick zurück auf Weihnachten vor 2000 Jahren. Es geht auch um einen Blick nach vorne: auf die Wiederkehr Jesu, die er seinen Jüngerinnen und Jüngern versprochen hat. Weil diese Wiederkehr aber mit dem Ende der Welt und dem sogenannten „Jüngsten Gericht“ verbunden wäre, ist unsere Sehnsucht nach dieser Art Weihnachten nicht sehr groß. Wir leben halt zu gerne und das ist auch gut so.
Wer am heutigen ersten Adventssonntag irgendwo auf der Welt einen katholischen Gottesdienst besucht, der hört aus der Bibel in dramatischen Worten von genau diesem zukünftigen Advent:
„Die Sonne verfinstert sich und die Kräfte des Himmels werden erschüttert. Und man wird den Menschensohn auf den Wolken kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Seine Engel werden die von ihm Auserwählten zusammenführen, von einem Ende des Himmels bis zum andern. Seid also wachsam! Und haltet euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ (Auszüge aus Matthäus 24, 29-44)
Viele Adventslieder singen von diesem zukünftigen Weltende-Advent.
Ich bin schon gerne Theologe und Kirchenmensch und mir ist wichtig, was die Bibel über Advent und Weihnachten sagt. Aber nach einer Wiederkunft Jesu, die das Ende der Welt bedeutet, sehne ich mich trotzdem nicht.
Bleibt mir also auch nur, den Rückwärts-Advent zu feiern, Jesu Ankunft vor 2000 Jahren?
…damit Jesus heut in mir zur Welt kommt
Mein persönlicher Advent versucht die beiden Arten zu verbinden: Ich feiere nicht in erster Linie die DamalsGeburt Jesu. Darum stelle ich persönlich auch keine Krippe auf. Ich wünsche und erwarte schon seine aktuelle Wiederkehr in die Welt von heute. Aber nicht als allgemeines Weltende und „Jüngstes Gericht“, sondern als seine Wiederkehr in meinem Herzen! Advent heißt für mich: Ich bereite mich darauf vor, dass Jesus heute und immer wieder in mir zur Welt kommt und durch mich zu anderen Menschen.
Auf dem Weg dahin versuche ich, mich möglichst wenig vom HektikAdvent ergreifen zu lassen. Jesus wird nur bei mir ankommen können, wenn ich auch selbst bei mir angekommen bin, in mir ruhe.
Meine Frau ist Künstlerin. Sie hat aus goldfarbenen Keramikschalen mit Gesichtern darin ein Projekt gestaltet, das sie „Chor der Stille“ nennt. Darüber steht: „Wenn die Welt zu laut, geschäftig, lärmend oder anstrengend wird, dann tauche ein in den ‚Chor der Stille‘“
Das will ich versuchen in diesem Advent, damit Platz und Ruhe wird in meinem Herzen und Jesus einziehen kann. Dann ist Weihnachten.
Musik 3