hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1
Meier, Johannes

Eine Sendung von
Johannes Meier,
Evangelischer Pfarrer und Journalist, Kassel

Ein Astronaut schwebt im Weltraum über der Erde. Die planetarische Oberfläche ist sichtbar, während ein Sonnenstrahl im Hintergrund leuchtet. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Weite und Erkundung im All.

a-ha: Minor Earth, Major Sky

Am einem Sonntagmorgen ist meine Welt meistens klein und ganz gemütlich. Sie beschränkt sich aufs kuschelige Bett, etwas später dann auf die Küche oder vielleicht den Balkon mit einem liebevoll gedeckten Frühstückstisch. Ich und mein Milchkaffee. Im Hintergrund läuft das Radio, mein Lieblingssender, gute Musik. Bei den englischen Texten höre ich nicht so genau hin. Ich habe meistens keine Ahnung, wovon da jetzt gesungen wird – und vielleicht ist das manchmal auch ganz gut so.

Musik 1


I can't see me in this empty place 
Just another lonely face 
I can't see me here in outer space 
It's so hard to leave a trace (0:26)

Heute morgen will ich genauer hinhören, wovon dieser Song der norwegischen Band a-ha erzählen mag. Egal ob der Text nun zu meiner wohligen Sonntagmorgenstimmung passt – oder vielleicht nicht. übersetzt lauten diese ersten Textzeilen ungefähr so: 

Ich kann mich überhaupt nicht sehen in diesem leeren Ort, 
nur ein weiteres, einsames Gesicht ... 
Ich kann mich hier draußen im Weltall einfach nicht sehen. 
Und es ist fast unmöglich, hier eine Spur zu hinterlassen.

Oha, so kann's gehen. Mit einem Mal katapultiert mich dieser Popsong mitsamt meinem Milchkaffee ganz weit fort – hinein in die unendlich kalten Weiten des Universums. Ich blicke zurück auf diesen kleinen, blauen Planeten inmitten des schwarzen Nichts. Mit über 100.000 Kilometern pro Stunde rast die Erde auf ihrer endlosen Umlaufbahn um die Sonne. Wir sagen: Die Sonne – und doch ist sie in Wahrheit nur eine von Milliarden von Sonnen, aus denen allein unsere Galaxie besteht. Der britische Astrophysiker Stephen Hawking wiederum rechnet mit gut und gerne 100 Milliarden Galaxien im Universum, in dessen sichtbarem Bereich rund 70 Trilliarden Sterne leuchten sollen. 70 Trilliarden, das ist eine Zahl mit 22 Nullen.
Ganz ohne kosmischen Zahlenwirrwarr fasst der Schriftsteller Douglas Adams in einfache Worte, was das bedeutet. Sein satirischer Kultroman „Per Anhalter durch die Galaxis“ beginnt ganz schlicht und eindeutig so: „Das Universum ist groß. Verdammt groß. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gewaltig, ungeheuer, umwerfend groß es ist.“ 

Ok, hab ich verstanden, alles klar. Aber nun ist mir kalt. Wo bitte finde ich in diesen unendlichen Weiten jetzt meinen Frühstückstisch wieder? Das dürfte schwer werden, wo doch schon meine Galaxie, erst recht mein Sonnensystem und sowieso mein Heimatplanet nur ein unbedeutendes Staubkorn inmitten der Unendlichkeit ist. Und da bilde ich mir ein, auf dieser Welt irgendeine Rolle zu spielen, was für eine absurde Selbstüberschätzung. Doch ich möchte so gerne mehr als ein Staubkorn, ja, ich möchte bedeutend sein, wenigstens ein bisschen! Und ich möchte Spuren hinterlassen! – Das kriegt ja sogar mein Kaffeebecher hin: Nachdenklich betrachte ich den hellbraunen Galaxie-Kringel auf meinem Sonntagstischtuch – während im Radio weiter dieser ungemütliche Song läuft…

Musik 2

And I try and I try and I try 
But it never comes out right 
Yes I try and I try and I try 
But I never get it right

It's a 
Minor earth major sky 
Minor earth major sky

I can't see me in this lonely town 
Not a friendly face around 
Can you hear me when I speak out loud 
Hear my voice above the crowd?

Und ich versuche es, ich versuche es immer wieder 
Aber es funktioniert nie richtig 
Ja, ich versuche es, ich versuche es wirklich 
Aber ich kriege es einfach nicht hin

Die Erde ist so klein – und der Himmel so weit... 
Die Erde ist so gering – und der Himmel so bedeutend

Ich kann mich in dieser einsamen Stadt gar nicht sehen.
Nicht ein freundliches Gesicht ist um mich herum ... 
Kannst Du mich hören, wenn ich rufe? 
Härst Du mich überhaupt heraus aus der riesigen Menge?

Das klingt nach einem Alptraum: Man möchte laut schreien – aber es gelingt nicht, man bleibt stumm und starr. Alles ringsumher erscheint fremd, man fühlt sich verloren. Kennen sie das? Ich glaube, jeder hat schon einmal solch einen beunruhigenden Traum gehabt. Irgendwann schreckt man dann hoch: Wo bin ich? Erst im Licht der Nachttischlampe verlieren sich die düsteren Traumbilder allmählich, beruhigt sich der Herzschlag wieder. Zu Hause. Im Bett. Alles in Ordnung. Oder etwa nicht? – Manchmal schleichen sich diese nächtlichen Alptraumgefühle ja auch ins tägliche Leben ein. Dann kriecht das Verlorensein um die anonymen Wohnblöcke der Städte oder durch die viel zu leeren Zimmer eines großen Einfamilienhauses, in dem jetzt nur noch eine einsame Witwe wohnt. Dann lauert die Sinnlosigkeit in trostlosen Amtsfluren und die Sprachlosigkeit verjagt Kollegialität aus Büros und scheucht Arbeitsfreude aus Betrieben.

Musik 3

And I try and I try and I try 
But it never comes out right 
Yes I try and I try and I try 
But I never get it right

Ich versuche es, ich gebe mein Bestes. Aber was kann ich schon bewirken? Ich bin doch nur ein kleines, unbedeutendes Rädchen im riesigen Räderwerk, ein Staubkorn im Universum. Minor earth, major sky. – Kann es sein, dass die Band A-Ha hier eine zeitgemäße Hymne zum allgemeinen Burnoutsyndrom anstimmt?

Musik 4

It's a 
Minor earth major sky 
Minor earth major sky

Minor oder major – gering oder bedeutend. Doch vielleicht kann dieser Songtext auch musikalisch gedeutet werden: Minor lässt sich nämlich auch mit Moll und major mit Dur übersetzen. Der Alltag auf der Erde ertönt trist in Moll, der Himmel darüber erklingt strahlend in Dur. Grenzenlose Freiheit „über den Wolken“ – davon sang ja auch schon Reinhard Mey. Darunter blieben alle unsere Sorgen und Ängste verborgen und „alles was uns groß und wichtig erscheint“, würde plötzlich „nichtig und klein“. Nach Burnout klingt das nicht, im Gegenteil: Der Blick aus oder in den Himmel kann wie eine heilsame Medizin wirken gegen allzu erdenschwere und enge Gedanken. Auch der harte und fordernde Beat, mit dem uns die Band A-Ha durch ihren Song treibt, hält in der Himmelsperspektive endlich einmal inne, die Musik entspannt sich, taucht ein in unendliche Weiten.

Musik 5

It's a 
Minor earth major sky 
Minor earth major sky

Sprecher: 

HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel! (...) Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Autor: 

So beteten die Menschen schon vor tausenden von Jahren zu Gott: Voller Staunen und Ehrfurcht angesichts des weiten Himmels, der sich über ihrem kleinen und begrenzten Leben spannte. Auch ohne Raumfahrt und die Erkenntnisse moderner Astrophysik hatten sie offenbar ein Gespür für die unendlichen Dimensionen des Firmaments. Doch verloren fühlten sie sich nicht: Der Himmel, der Mond und die Sterne – alles ist doch von Gott geschaffen, sagt der Beter des 8. Psalms. Und mitten hinein in diese wunderbar-weite Schöpfung gehöre dann eben auch ich als Mensch. „Klein aber oho“ – nämlich vielmehr als nur ein unbedeutendes Staubkorn: Ein geliebtes Kind Gottes!