hr2 ZUSPRUCH
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Wiesheu, Annette

Eine Sendung von
Annette Wiesheu,
Katholische Studienleiterin an der Akademie des Bistums Mainz in Darmstadt

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Im Vordergrund: Ein Junge blickt entsetzt in die Kamera, überall brennt es lichterloh. Man sieht im Hintergrund sechs Soldaten...

Erinnerung

Ich reise sehr gerne und schon seit meiner Kindheit bin ich viel in den Ländern Europas unterwegs. Bei diesen Reisen bin ich fast jedes Mal an Orte gekommen, die in irgendeiner Weise mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben. An solchen Orten wird mir deutlich: Wie dieser Krieg und die Verbrechen, die mit ihm einhergingen, auch heute noch präsent sind bei den europäischen Nachbarn, die den Krieg erlitten haben – diesen furchtbaren Krieg, der heute vor 87 Jahren mit dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen begann. 

Sie erinnert an die vielen jüdischen Schülerinnen und Schüler

In diesem Sommer zum Beispiel war ich in Frankreich, an der Küste der Normandie. Dort sind im Juni 1944 die Truppen der Alliierten gelandet und hat die Befreiung Westeuropas von der deutschen Besatzung und der Nazi-Diktatur begonnen. Riesige Soldatenfriedhöfe, zahlreiche Gedenkstätten und Ausstellungen entlang der Küste erinnern an die dramatischen Ereignisse und die Schlacht um die Normandie. Oder: Vor einigen Wochen war ich in Paris – und bei einem Abendspaziergang durch das malerische Stadtviertel Marais bin ich auf eine Gedenktafel an einer ehemaligen Schule gestoßen. Sie erinnert an 165 jüdische Schülerinnen und Schüler, die im Juli 1942 in deutsche Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden – und an einen ihrer Lehrer, der versuchte, wenigstens einige Kinder zu retten.

Für einige Minuten stand das ganze Land still

Und vor zwei Jahren war ich an einem 1. August in Polen – dem Jahrestag des Beginns des Warschauer Aufstands. Um 17 Uhr, zu der Uhrzeit, als der verzweifelte Aufstand gegen die deutsche Besatzung damals begann, sind im ganzen Land die Sirenen gegangen. Für einige Minuten stand das ganz Land still – Autos hielten an, Menschen blieben stehen, senkten schweigend die Köpfe, sprachen ein Gebet. 

Sie verdienen es, gewürdigt zu werden

Ich muss an diese Erlebnisse denken, natürlich weil heute der Jahrestag des Kriegsbeginns ist. Und ich muss auch daran denken, weil es bei uns immer lautere Stimmen gibt, die das Erinnern in Frage stellen. Stimmen, die einen Schlussstrich fordern oder auch ein anderes Erinnern wollen, das vor allem auf die eigenen Leiden blickt und nicht die Frage nach der Verantwortung stellt. Unsere Nachbarn haben den Krieg nicht vergessen. Die Millionen unschuldiger Opfer – sie verdienen es, gewürdigt zu werden. Und die Erinnerung an sie – sie muss auch eine Mahnung sein: Wohin Hass und Hetze, wohin Nationalismus und die Missachtung der Menschenwürde führen können. Und wie kostbar der Friede ist.