Mit Popsongs auf Sinnsuche: Robbie Williams - Angels
Ich sitze rum und frage mich,
ob vielleicht ein Engel mein Schicksal begleitet,
und ob die da oben wohl wissen,
was die Zukunft denn so für uns bereithält,
wenn wir erst mal alt und grau geworden sind?
Mir wurde nämlich immer erzählt,
dass sie ihre Flügel ausbreiten, um uns alle zu erlösen.
Aber wenn ich so in meinem Bett liege,
schießen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf
und ich komme zu dem Schluss,
dass die Liebe hier auf Erden wohl gestorben ist.
Dann liebe ich stattdessen eben einen Engel.
Erfolgreich und mitten im Leben fragt er sich: Was bringt die Zukunft?
Mir geht das unter die Haut, wie eindringlich und ernst Robbie Williams hier fragt:
Was hält die Zukunft denn so für uns bereit, wenn wir erst mal alt und grau geworden sind? Natürlich, für mich ist das eine Frage: Ich bin alt und grau. Aber Robbie Williams? Schön, erfolgreich, umschwärmt und mitten im Leben. Wie kann so jemand singen: „Aber wenn ich so in meinem Bett liege, schießen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf und ich komme zu dem Schluss, dass die Liebe hier auf Erden wohl gestorben ist.“ Ob er sich da selbst mit meint, ob dieses "Ich" Robbie Williams ist? Jedenfalls kommt er ganz schön persönlich und eindringlich rüber, dieser Song über die Engel. Er singt es glaubhaft und überzeugend, seine kraftvolle Stimme, das hämmernde Klavier und die leisen, melancholischen Geigen ziehen mich immer mehr in Bann, machen mich gespannt und dann passiert es, der Ausbruch, seine Botschaft:
Und bei allem, was ich so durchmache,
bietet sie mir Liebe, Schutz und Zuneigung,
ganz egal, ob ich jetzt richtig oder falsch liege
und den Wasserfall hinunterstürze,
wohin das Leben mich auch führt.
Ich werde am Leben nicht zerbrechen,
denn wenn ich sie um Hilfe rufe,
wird sie mich nicht im Stich lassen.
Denn ich liebe ja einen Engel.
Ein Engel, der einen kleinen Jungen an die Hand nimmt
Da fühlt sich einer beschützt – sind das die Engel, die hier gemeint sind? Das kommt aus tiefstem Herzen, wirkt befreiend für ihn - und befremdend für mich. Engel sollen mich beschützen?
Das war mal, damals, als ich als Kind in meinem Bett lag. Meine Mutter hat mit mir gebetet und am Ende stand die Bitte: "Heiliger Schutzengel mein, lass mich dir empfohlen sein." Das hat mich immer beeindruckt, unter Engel konnte ich mir etwas vorstellen. Die waren greifbar, dazu gab es schöne Bilderbücher und anschauliche Geschichten. Ein Bild hab ich vor allem vor Augen: Ein Engel mit großen Flügeln, der unsichtbar einen kleinen Jungen an der Hand nimmt und ihn vor Gefahren schützt, ihn im Schlaf bewacht. Aber heute, jetzt: Engel?
Und doch ist es sehr schön, was Robbie Williams von seinem Engel erzählt: Er liebt ihn, egal, ob er richtig oder falsch liegt – natürlich wünsche ich mir solch eine Person, so eine Liebe auch!
Er weiß, dass der Engel ihn nicht im Stich lassen wird
Robbie Williams spürt diese Liebe in ganz bestimmten Situationen. Kraftvoll, mit lauter Stimme beschreibt er diese: Er stürzt ab. Ein Wasserfall reißt ihn in die Tiefe. Für mich eine schreckliche Vorstellung: zu fallen, keinen Halt zu haben, unter Wasser gedrückt zu werden, hilflos zu sein!
Aber Robbie Williams weiß, er wird nicht zerbrechen: Der Engel wird ihn nicht im Stich lassen. Ein wunderschönes Gefühl, eine Sehnsucht, die er da beschreibt. Und vielleicht hat ja tatsächlich auch dieser erfolgreiche Robbie Williams solche Sehnsüchte nach Rettung – denn immer nur erfolgreich und glücklich war er nicht. In der Schule war er eher mittelmäßig. Einen Abschluss schaffte er nicht. In der berühmten Boygroup „Take That“ war er zunächst nur Ersatzmann. Sein Charme, seine Ausstrahlungskraft und sein spitzbübisches Aussehen machten ihn dann aber schnell zum populärsten Mitglied dieser Gruppe. Später wurde er einer der erfolgreichsten britischen Musiker und Entertainer, mit 68 Millionen verkauften Tonträger. Das war die eine Seite von ihm. Die andere: Drogen- und Partyexzesse, verbunden mit tiefen Depressionen. Und so ist er immer wieder gefallen, mehrere Jahre hindurch, den Wasserfall hinunter.
Nach dem tiefen Fall schafft dieser Song eine Art Rettung
Aber gerade mit diesem Song schafft er 1997 eine Art Rettung. Er ist wieder da. Jetzt ganz allein, ohne Gruppe, der Anfang einer der erfolgreichsten Pop-Karrieren in der Musikgeschichte. Und er gibt dem Song den Titel: "Angel": Engel, sie sind ganz wichtig für ihn, sie halten ihn. Und in seinem Song vermittelt er mir das Gefühl, dass er sie vor sich sieht, dass er sie lokalisieren kann, dass sie greifbar für ihn sind.
Wenn ich mich schwach fühle,
und ich mit all meinem Leid in einer Sackgasse gelandet bin,
dann schau ich nach oben, und weiß,
dass ich für alle Zeiten mit Liebe gesegnet sein werde.
Und während dieses Gefühl in mir zu wachsen beginnt,
gibt sie mir die nötige Kraft,
und wenn die Liebe wirklich gestorben ist,
dann liebe ich eben stattdessen einen Engel.
Im Blickkontakt, im Dialog zu leben mit jemandem, der mich unterstützt, der mich immer liebt, das wünsche ich mir auch.
Natürlich erlebe ich das mit meiner Frau, meinen Kindern und Freunden. Aber manchmal bleibt auch eine Leerstelle. Denn wer sollte mir die Fragen beantworten, warum ich nicht so bin, wie ich sein möchte, warum Menschen, die ich liebe, sterben, warum ich krank werde, warum das Leben plötzlich zu Ende ist? Da bin ich ratlos, ich fühle mich schwach und mein Schmerz hört nicht auf. Gefühle, die ich auch in mir spüre, wenn ich „Angels“ höre.
Engel bieten mir Hilfe bei Schwäche und Schmerz
Und ich höre in dem Song auch, wie mir Hilfe in Schwäche und Schmerz angeboten wird. Da ist ein Ansprechpartner, ein Wesen, das Robbie Williams sich vorstellen kann, mit dem er kommunizieren kann. Wenn er nach oben schaut, wird er mit Liebe gesegnet sein. Besonders in den Situationen, in denen man sich schwach und ratlos fühlt. Er gibt seinem Fantasiegebilde einen Namen, eine Chiffre: Er nennt sie: Engel.
Mir gefällt diese Lösung. Für mich ist sie einleuchtend, ja sogar lebensnotwendig. Auch ich brauche solch eine überirdische Gestalt, die mir hilft, mir beisteht, mich beschützt. Früher war das auch ein Engel. Im Laufe meines Lebens aber hat sich die Gestalt gewandelt, sie wurde facettenreicher. Aus einer Fantasiegestalt wurde eine reale Person, eine Person, die gelebt hat, auf Menschen gewirkt hat. Die Freunde und Freundinnen beschreiben diese Person als eine, die das Leben genossen hat und für die der Tod somit eigentlich nicht akzeptabel war. Ich meine Jesus.
Die Nähe zu Jesus stärkt meinen Lebensmut
Er hat nach dem Sinn des Lebens gefragt und eine Antwort vorgelebt. Er hat andere von ihren Schmerzen befreit und ihre Traurigkeit geheilt. Jesus ist die Person, die denen, die es wollten, seine unverbrüchliche Zuwendung zusichert, ihnen Hoffnung und Halt gegeben hat. Er sprach davon, dass mit ihm eine neue Welt beginnen würde, dass diese Welt sich zum Guten wenden würde, dass am Ende dieser Welt keine Tränen und Trauer mehr sein müssten. In diese neue Welt werde er uns begleiten, uns begleiten über seinen Tod hinaus.
Diese Nähe spüre ich auch heute noch: In Gemeinschaft mit anderen, in Ritualen im Gottesdienst, in der Schönheit der Natur, in Momenten des Glücks oder Leids. Aber auch alleine, in dem direkten Gespräch mit ihm, dem Gebet, da ist diese Nähe Jesu für mich greifbar. Sie gibt mir Lebensmut.
So würde ich ein Lied über Nähe und Rettung nicht den Titel: "Angels", sondern "Jesus" geben. Aber vieles von dem, was Robbie Williams besingt, käme trotzdem drin vor.