hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1

Eine Sendung von
Manuel Neumann,
Katholischer Theologe

Rod Stewart: Sailing

Am Schreibtisch bei der Arbeit, unterwegs im Auto, beim Sport und zum Entspannen auf dem Sofa – Musik ist bei mir eigentlich immer dabei. Wahrscheinlich geht es vielen Menschen ähnlich wie mir – ich habe einfach gerne im Hintergrund meines Alltags Musik laufen.

Was da konkret läuft, hängt ganz vom Geschmack des Einzelnen ab. Was dem Einen gefällt, löst beim Anderen bisweilen Kopfschütteln aus. Menschen sind eben verschieden – und jeder hört eben die Musik, die zu ihm passt. Man könnte sagen: Sage mir, was du hörst – und ich sage dir, wer du bist. Es ist in etwa so wie bei einem Film: Da läuft im Hintergrund auch oft Musik. Und diese Musik unterstreicht Stimmungslagen, baut Spannung auf, transportiert Gefühle. Wenn ich zuhause in mein CD-Regal greife, dann wähle ich auch die Musik aus, die gerade zu meiner Stimmungslage passt. Das ist dann sozusagen der Soundtrack meines Lebens.

In letzter Zeit komme ich nur selten dazu, Musik in Ruhe zu genießen. Meine Arbeit als Pfarrer von drei Gemeinden nimmt mich ziemlich in Anspruch. Wenn ich denn mal Musik höre, dann ist es vor allem solche, die mich zur Ruhe kommen lässt. Und vor allem höre ich Musik, die mir sagt: es gibt ein Leben jenseits von gut gefüllten Terminkalendern. Im Soundtrack meines Lebens darf darum das folgende Lied auf keinen Fall fehlen:

Musik

O je, denken manche jetzt vielleicht: Schnulzenalarm!

Und vermutlich haben einige Zuhörer schon eine Idee davon, was für ein Mensch ich bin, wenn ich diese Art von Musik mag. Andere dagegen bekommen im gleichen Moment einen verträumten Blick. Und genau zu dieser Sorte Mensch gehöre auch ich. Schon die ersten Takte von Rod Stewarts „Sailing“ genügen, und schon bin ich mitten im Alltag ganz weit weg: Ich denke an weiße Wolken und eine goldene, tiefstehende Sonne. Ich haben einen weiten Horizont vor Augen, sehe Wellen unter und große weiße Segel über mir. Doch das Wichtigste ist: Alles wird für die Dauer des Liedes etwas langsamer und scheint im Rhythmus eines durch die Wellen gleitenden Segelschiffes zu schwingen.

[Ozean und Himmel, Wolken und Horizont, Schwerelosigkeit und Weite, Sehnsucht und Freiheit – keine Frage: Musikalisch bringt Rod Stewart all das auf den Punkt.]

Und wenn ich heute dieses Lied höre, dann träume ich nicht nur. Vielmehr habe ich ganz konkrete Bilder vor Augen: Am Beginn der Sommerfeien bin ich mit einer Gruppe Jugendlicher eine Woche über die Ostsee gesegelt. Das habe ich vor zwei Jahren zum ersten Mal gemacht – und habe mir ganz nebenbei selbst einen Jugendtraum erfüllt. Die ganze Woche auf dem Schiff bin ich mit einem ganz breiten Grinsen im Gesicht herumgelaufen. Wenn ich heute „Sailing“ höre, dann bin ich sozusagen wieder auf großer Fahrt.

Das ist mehr als nur eine schöne Urlaubserinnerung. Vielmehr sehe ich in einer solchen Segelfahrt ein ganz grundlegendes Bild: Der Mensch ist auf großer Fahrt, das Leben eine große Entdeckungsreise. Von genau diesem Segeln singt Rod Stewart und vom Fliegen wie ein Vogel. Und die Melodie schwingt dazu im passenden Rhythmus mit. Zugegeben, etwas gefühlsduselig ist das schon. Aber bei genauerem Hinhören auf den Text ist da gar nicht vom romantischen Segeltrip die Rede. Denn die Fahrt geht durch eine stürmische und aufgewühlte See. Die Wolken sind dunkel und die Nacht finster.

Es geht also im Lied gar nicht so sehr darum, das Segeln an sich zu genießen. Auch das Leben bewegt sich nicht immer in ruhigem Fahrwasser. Unsicherheiten und Widerwärtigkeiten gibt es oft mehr, als einem lieb ist. Und selbst unter mancher scheinbar friedlichen Oberfläche lauern Untiefen und Riffe. Und wenn ich auf mein Leben schaue, dann ist das oft eher die Fahrt im Speedboot als auf einem Segelschiff.

Der Weg ist also nicht das Ziel. Das Leben ist nicht Selbstzweck. Vielmehr geht es um die große Sehnsucht des Ankommens – um den Hafen am Ende der Reise. Und es geht um den, der dort im Hafen auf mich wartet: „Kannst Du mich hören?“ heißt es im Lied, und: „Ich verzehre mich nach Dir. Pausenlos rufe ich nach Dir, um Dir nahe zu sein, um bei Dir zu sein.“ 

Auf einmal nimmt das Lied eine ganz unerwartete Wendung …

Musik

Wo soll die Reise hingehen? Welchen Hafen steuere ich an? Wo ist mein großes Ziel? Lohnt es sich, dieses Ziel anzusteuern? Und – die wichtigste Frage überhaupt – wartet dort jemand auf mich?

Ein Schiff ohne festen Kurs und ohne Ziel wird sich irgendwann in den Weiten des Meeres verlieren. Sich einfach treiben lassen – im Leben geht das auch nicht. Jeden Tag muss ich Entscheidungen treffen, die Segel setzen, den Kurs bestimmen. Ich setze mir kurzfristige Ziele und bestimme, was ich bis zum Abend geschafft haben will. Darüber hinaus darf ich aber auch die größeren Ziele nicht aus dem Auge verlieren. Ich muss einen Plan haben, wo ich nächste Woche, nächsten Monat und nächstes Jahr sein will.Und es ist sicher auch gut, eine Idee davon zu haben, wo ich mich heute in 5 oder zehn Jahren sehe. Vielleicht muss ich heute schon den Kurs verändern, um diese großen Ziele zu erreichen.

Natürlich kann immer was dazwischenkommen. Es gibt Flauten, in denen sich gar nichts mehr bewegt. Und dann kämpfe ich wieder mit Gegenwind und Unwettern. Ich komme vom Kurs ab und muss ihn neu bestimmen. Und manchmal spielt vielleicht sogar die Kompassnadel verrückt, die Sterne verbergen sich hinter dunklen Wolken, und es fehlt jede Orientierung.

Deshalb ist es gerade mitten im Alltagsgeschäft von Bedeutung, die großen Ziele nicht ganz aus dem Auge zu verlieren. Wenn das nämlich geschieht, werde ich zum Gefangenen all jener kleinen Aufgaben, die mich immer und überall umgeben. Und das Schiff segelt einfach weiter, ohne Kurs und Ziel bis – ja, was eigentlich? Bis die Vorräte ausgehen? Bis das Schiff irgendwann einfach untergeht, verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen?

Wer will schon, dass es so endet? Aber gibt es eigentlich eine Alternative? Im Lied „Sailing“ wird jedenfalls eine angedeutet. Denn am Ende wird das bisher unbestimmte „Du“ am Ziel der Fahrt mit Leben gefüllt:

Musik

„Wir segeln“, singt Rod Stewart, „durch stürmische Gewässer, um bei Dir zu sein, um frei zu sein.“ Und dann wird das Lied plötzlich zum Gebet, wenn es heißt: „O Herr, um bei Dir zu sein, um frei zu sein!“ 

Als Christ glaube ich fest: Am Ende der Fahrt steht nicht der Untergang. Am Ziel wartet ein lebendiger Gott auf mich. Und eben darin liegt für mich die wahre Freiheit: Leben im Wissen um das große Lebensziel. Auf Wind und Wellen habe ich keinen Einfluss – und trotzdem setze ich jeden Tag neu die Segel. Denn ich bestimme den Kurs, und ich habe ein Ziel.

Rod Stewart singt letzten Endes von der Sehnsucht nach diesem großen Ziel, er singt von der Sehnsucht nach Gott. Am Ende aller Fahrten und jenseits aller kurzfristigen Ziele wartet dieser Gott auf die Heimkehr des Menschen. Darum gehört „Sailing“ zum Soundtrack meines Lebens. Ich finde darin meine eigene Sehnsucht wieder. Und ich finde mich mit meinem Glauben wieder: In einem Psalm, einem alten Lied in der Bibel, heißt es ganz sinngemäß: „Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht / nach dem Tempel des Herrn. Mein Herz und mein Leib jauchzen ihm zu, / ihm, dem lebendigen Gott.“ (Ps 84)