GOTTESDIENSTÜBERTRAGUNGEN
Westhelle, Maike

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Studienleiterin, Hofgeismar

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Ansicht der Karlskirche in Kassel

Unerhört Neues blüht auf

hr4 Gottesdienstübertragung an Ostermontag, 6. April 2026, von 10:04 - 11:00 Uhr aus der Evangelischen Karlskirche in Kassel.

Hier bei hr4 können Sie im Radio und Internet live den Gottesdienst hören und mitfeiern.

Nach dem Gottesdienst können Sie mit Pfarrerin Maike Westhelle telefonieren. Sie ist von 11:00 bis 12:00 Uhr unter der Telefonnummer 0561 93781351 zu erreichen.

Mitwirkende:
Liturgie + Predigt: Pfarrerin Maike Westhelle
Moderation und Lesung: hr4-Moderator Hermann Hillebrand
Liturgische Mitwirkung: Justus Riese

Musiker*innen: Milena Lenger, Flöte; Martin Forciniti, Orgel und Klavier;
                         Göttinger Vokalensemble (24 Personen), Leitung: Andreas    
                         Jedamzik
Musikalische Gesamtleitung: Kantor Martin Forciniti

Kirchliche Leitung:
Pfarrerin und Rundfunkbeauftragte der EKKW Claudia Rudolff

Musik und Lieder:
Andreas Willscher, "Haec Dies“ für Flöte und Orgel  
EG 100, 1-4, Wir wollen alle fröhlich sein
Ehr' sei dem Vater und dem Sohn …
EG plus 77, Erleuchte und bewege uns …
EG plus 47, Gloria
Marin Marais, „Les folies“ für Flöte und Orgel
EG 116, 1-4, Er ist erstanden
Andreas Willscher, "Christ ist erstanden“, Chaconne, Fugato und Aria 
Improvisation zur Predigt (Klavier) 
EG 552, 1-5, Einer ist unser Leben
Germaine Tailleferre, Pastorale für Flöte und Orgel 
Georg Friedrich Händel, Halleluja (arrangiert für Orgel) 
Andreas Willscher, „Angelus Domini revolvit lapidem“ Toccata für Orgel  

Predigt von Pfarrerin Maike Westhelle:

dup – dii – dibiedie (Klavier spielt Löwenzahnsong an)

Liebe Gemeinde in der Karlskirche, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
wenn ich diese Melodie höre, passiert etwas vor meinem inneren Auge: Plötzlich beginnt sich der Asphalt zu wölben. Er bekommt eine Beule, die immer größer wird, und reißt auf. Grün wächst über das Grau der Straße und schließlich zeigt sich eine gelbe Löwenzahnblüte. An immer mehr Stellen bricht Löwenzahn durch die Asphaltdecke. Das, was eben noch starr und grau war, ist jetzt lebendig und bunt.

So startet die Kindersendung Löwenzahn. Als Kind habe ich sie geliebt. Vielleicht kennen Sie die alte Serie mit Peter Lustig auch noch oder schauen manchmal heute Kindern über die Schulter, wenn Fritz Fuchs rund um seinen Bauwagen Rätsel des Alltags entschlüsselt.

Der kraftvolle Kontrast zwischen Grau und Grün

Der Kontrast, ist groß: Asphalt und Straße sind zunächst unbewegt und starr. Dann wird alles lebendig und bunt. Wie wunderbar: das öde Grau wird aufgebrochen. Was für eine Kraft steckt in den kleinen Pflanzen.

Grün statt Grau. Lebendigkeit statt Erstarrung. Die grüne Trotzkraft der Schöpfung schafft Neues. Dafür steht der Löwenzahn – und noch viel umfassender Ostern. Hier blüht unerhört Neues auf.

Die Auferstehung im Garten: Das Gartengrab im Johannesevangelium

Genau das ist heute das Thema. In der Schriftlesung haben wir davon gehört. Die Auferstehung findet in einem Garten statt. Denn im Johannesevangelium ist vom Gartengrab die Rede. Ein reicher Mann hatte seine Grabstätte für Jesus zur Verfügung gestellt. Eine in den Felsen geschlagene Höhle mit mehreren Abteilungen, drumherum ein schön gepflegter Garten. Bis heute wird ein ähnlich gestalteter Ort in Jerusalem als dieses Gartengrab verehrt.

Maria Magdalena: Der frühe Morgen am leeren Grab

Szenenwechsel: Maria geht allein zum Grab. Sie ist mit feinem Öl gekommen, um den Leichnam zu salben. Aber sie sieht etwas Unerwartetes: Der Stein vor dem Grabeingang ist zur Seite gewälzt. Das Grab ist leer!

Atemlos läuft sie zu Petrus und Johannes, um ihnen das zu berichten. Die beiden sind skeptisch, kommen aber mit. Das wollen sie natürlich selber sehen. Sie zweifeln, ob Marias Worten zu trauen ist.

Natürlich ist ihr zu trauen! Maria ist zwar aufgewühlt und traurig, aber nicht verwirrt. So schnell, wie sie hinrennen, sind die beiden auch wieder weg. Petrus und Johannes schauen nur kurz.

Allein am Grab: Marias beharrliche Suche

Aber Maria bleibt. Allein am Grab. Sie kann es immer noch nicht fassen. Sie muss nochmal hineinschauen. Vielleicht hat sie etwas übersehen?

Offensichtlich. Denn jetzt sind da Engel. Leuchtend weiß, himmlisch anzusehen. Sie fragen voller Mitgefühl: Warum weinst du?

Was ist das für eine Frage?! Man hat ihr Jesus weggenommen. Den Lehrer, den Meister, den Mann, der Herzen berührte - auch ihres. Maria dreht sich weg. Hier ist Jesus nicht.

Die entscheidende Begegnung: Jesus spricht Marias Namen

Dafür ist eine neue Gestalt im Garten aufgetaucht. Vielleicht der Gärtner. Auch er erkundigt sich besorgt nach Maria. Als sie ihm von ihrer Trauer erzählt, spricht er sie nochmal an: „Maria“. Er nennt ihren Namen. Und jetzt erkennt Maria die Gestalt. Nicht am Aussehen. Nicht an der Haltung. Es ist die Vertrautheit – in seiner Stimme und mit ihrem Namen. Die Beziehung ist so lebendig wie immer. Auch wenn Jesus nicht mehr derselbe ist wie vor der Kreuzigung. Maria erkennt den Menschen, mit dem sie so viel erlebt hat. Diese besondere Liebe ist noch da.

Musik 

Moderne Ikonenmalerei: Kelly Latimores Darstellung von Maria und Jesus

Der amerikanische Künstler Kelly Latimore hat sich auf das Malen von modernen Ikonen spezialisiert. Die Szene mit Maria und Jesus im Garten hat er eindrücklich ins Bild gebracht. Jesus kniet in der Dämmerung des Morgens neben drei Pflanzensprösslingen. Mit seiner Hand schützt er sie. Maria steht daneben. Beide blicken sich liebevoll und zugleich traurig an.

Jesus als Gärtner: Symbol für gelebte Liebe und Nähe

Der auferstandene Jesus als Gärtner. Das ist kein zufälliges Bild. Jesus ist tatsächlich ein Gärtner. Er hat gesät und gepflanzt während seiner Zeit mit den Menschen. Gezeigt, wie das mit der Liebe untereinander funktioniert. Jesus hat Kinder  nicht weggeschickt. Den unbeliebten Zöllner Zachäus nicht ignoriert. Statt dem moralischen Zeigefinger zu erheben, hat er ehrliche Gespräche geführt, bei gutem Essen und Wein.

Diese Art des Miteinanders hat den Menschen die Idee des Reichs Gottes in die Herzen gepflanzt.

Eine neue Zeit beginnt: Jesus ist nicht mehr allein im Fokus

Das Bild von Maria und Jesus im Garten zeigt auch: Jetzt beginnt eine neue Zeit. Jesus ist nicht mehr allein im Fokus. Maria – und mit ihr die anderen, die Jesus nachfolgen – übernehmen nun eine wichtige Rolle. 

Der Auftrag an die ersten Christinnen und Christen

Der Auferstandene ist kein Held oder Macher. Jetzt handeln die, die mit ihm unterwegs waren. Sie bewahren das Gepflanzte und geben die Liebe weiter. Indem sie anderen Respekt erweisen- sich für den Frieden einsetzen – einander vergeben. Mit der Liebe Gottes im Herzen ziehen sie in die Welt. Unerhört Neues wird hier geschildert.

Die Engel und Jesus erscheinen nicht Petrus und dem Lieblingsjünger. Obwohl die beiden mit Maria zum Grab gekommen waren. Nein, ausgerechnet Maria begegnen die Himmelsboten. Einer Frau.

Jesus als demütiger Gärtner: Ein radikales Bild

Noch etwas ist wirklich unerhört: Dieses Bild ist anstößig. Kelly Latimore ist einer der wenigen Künstler, der es ganz realistisch malt: Jesus erscheint nicht in einer machtvollen Position, sondern als schlichter Gärtner. Diese Bild ist anstößig. Jesus kniet vor seinen Pflanzen und vor Maria. Herrscher und Mächtige knien aber nicht, sie machen sich nicht die Hände schmutzig. Aber Jesus ist kein solcher Herrscher.

Maria als Botin 

Jesus macht nicht sich, sondern die Pflanzen und Maria groß. Durch seine Haltung und durch seine Botschaft: Geh, erzähle. Gestalte weiter, was ich gesät und gepflanzt habe. Genau das macht Maria. Sie erzählt – begeistert und lebendig von diesem unerhört Neuem: Jesus lebt. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Liebe geht weiter-sie ist Gottes lebendige Trotzkraft, die über den Tod hinausgeht.

Marias Erbe heute: Wo Samen von Liebe und Hoffnung wachsen

Bis heute erzählt Maria davon. Sie heißt jetzt oft anders. Und sie erzählt nicht nur – sie arbeitet daran, dass der Same von Liebe und Hoffnung aufgeht. Mitten im ganz normalen Leben.

Viola und Maryam schließen jeden Donnerstagnachmittag die Tür des Stadtteilszentrums auf. Einige Kinder stürmen gleich in die Spielecke, aber vor allem kommen die Frauen. Kaffee gibt es und natürlich Cai, süßen schwarzen Tee. Gebäck und Datteln. Auf dem Tisch liegt ein dickes Wörterbuch. Es ist voller Bilder. Alltagsgegenstände, Sportgeräte, Lebensmittel – alles Mögliche ist hier abgebildet. Immer wieder greift eine der Frauen danach, wenn die Verständigung nicht gelingen will. 

Heute gibt es einen großen Tisch mit Menschen, die Farsi sprechen. Man sieht den Frauen die Sorgen an. Weiß jemand etwas Neues aus dem Iran? Wie geht es den Familien und Freunden vor Ort?

Trotzkraft im Alltag: Frauen, die einander stärken

„Miteinander kriegen wir Trotzkraft zum Weitermachen. Manche Frauen blühen hier richtig auf,“ sagt Viola. Die Frauen erzählen von den Kindern, von den Schwierigkeiten beim Bürgergeld, von den Fortschritten im Sprachkurs. Sie helfen sich gegenseitig beim Ausfüllen von Papieren und lachen zwischendurch laut.

Hoffnung weitergeben: Engagement für ein gleichberechtigtes Leben

Gerade die Frauen, deren Wurzeln im Iran liegen, brauchen das in dieser Zeit. Ihr gleichberechtigtes und freies Leben macht auch anderen Mut. Sie hoffen fest darauf: Die Gewalt wird nicht siegen!
Deshalb engagiert sich Viola für diesen Treffpunkt. Damit sich die Frauen gegenseitig stärken. Damit Liebe und Hoffnung weiter wachsen.

Musik: 

Jesus stärkt Maria – und die Frauen seiner Zeit

Jesus hat Maria und damit die Frauen stark gemacht. Etwas Unerhörtes in der damaligen Zeit. Mir scheint: Das brauchen wir auch heute. Damals wie heute sind es mächtige Männer, die die Welt mit Krieg und Gewalt überziehen. 

Ostern ist Gottes Einspruch gegen Tod und Gewalt. Jesus endet nicht am Kreuz. Die Mächtigen behalten nicht das letzte Wort. Unerhört ist das in den damaligen Augen. Bis heute ist es für viele schwer zu glauben, dass Liebe die stärkste Macht ist.

Die Liebe wächst weiter

Maria erzählt, wie sie Jesus begegnet ist. Und die anderen spüren: Die Liebe wirkt weiter. Das, was Jesus in die Menschen gepflanzt hat, blüht auf. Deshalb wird das Kreuz zum Hoffnungsbaum

und zum Symbol der Liebe Gottes. 

Der Hoffnungsbaum von der Documenta – Kunst als Symbol der Auferstehung

Nur etwa hundert Meter Luftlinie von uns hat ein Documenta-Künstler so einen Hoffnungsbaum gestaltet. Der Penone-Baum trägt in seiner Krone einen wuchtigen Stein. Einen enormen Findling. Größer und schwerer als man es einem Baum zutrauen würde. Der Baum mit dem riesigen Stein ist das Pendant zum Löwenzahn, der den Asphalt durchbricht.

Eine eigentlich kleine, zarte Pflanze kann so viel bewirken. Den Teer mit ihrer Lebendigkeit aufbrechen. Oder etwas eigentlich viel zu Schweres tragen. Leben blüht auf udn wächst gegen das Schwere in der Welt.

Hoffnung weitergeben – Kerzen für die Ukraine

Die Anhänger Jesu pflanzen trotz aller Last Hoffnung und Liebe. Damals wie heute. Maria hat das durch Erzählen getan. Wir im Gottesdienst machen das durch Gebet und Gesang. Manche lassen Nächstenliebe ganz praktisch werden. Davon erzählt uns Justus:

“Bei uns an der Schule steht ein großer Karton. Wir sammeln darin Kerzen und Kerzenreste. Adriana hat uns dazu angestiftet. Sie ist vor drei Jahren aus der Ukraine geflohen und arbeitet jetzt bei uns in der Kantine. Aus dem Wachs werden Büchsenkerzen. Mit Pappe und Holzstückchen. Die spenden Licht und wärmen, in den Häusern, die keinen Strom haben und auch an der Front. Denn: Drohnen können die Büchsenkerzen nicht orten. 

Auf diese Weise können wir den Menschen in der Ukraine wenigstens ein klein wenig helfen. Licht und Wärme – wenigstens etwas Leben in all dem Elend. Nächste Woche kommen unsere Osterkerzen in den Karton. Damit möchte ich meine Hoffnung teilen: Das Leben wird siegen. Es wird wieder Frieden”

Ostern: Neues Leben wächst mitten im Grau

Becherkerzen, Löwenzahn, ein Kreuz als Hoffnungsbaum – mitten im Grau, im Starren, sogar im Tod blüht neues Leben auf. Unerhörte Trotzkraft, die Gott schenkt. Genau das feiern wir an Ostern. Nicht zufällig im Frühling, wenn sich draußen immer mehr Knospen entfalten und die kleinen Setzlinge immer kräftiger werden. Wir feiern, weil Jesus Leben gepflanzt hat, das unerhört neu aufblüht. Wir feiern die Liebe Gottes, die kein Ende hat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsere Liebe. Amen.