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John Denver: Take Me Home, Country Roads
Bild: pixabay

John Denver: Take Me Home, Country Roads

André Lemmer
Ein Beitrag von André Lemmer, Pfarrer in der Pfarrei Sankt Elisabeth in Kassel
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Egal wo ich dieses Lied höre, mir bleiben genau zwei Möglichkeiten, dieses Lied zu genießen.

Entweder setze ich bei dem Refrain so laut ich kann ein und versuche alles aus mir rauszuholen. Oder ich versuche die Bilder, die mir John Denver mit seinem Song Country Roads vor meinem geistigen Auge entstehen lässt, still zu genießen.

Ich kann gar nicht sagen, was ich lieber mache. Schon seit meiner Jugend begleitet mich dieser Country-Song. John Denver hat ihn zusammen mit Bill und Taffy Danoff geschrieben und bereits 1971 veröffentlicht. Für John Denver war es der Durchbruch im Musikgeschäft, für viele Menschen die ultimative Hommage an die ländliche Heimat und ganz sicher für die meisten Hörer das "Driving home for Christmas" als Sommerversion.

Für mich ist es ein bisschen von beidem und noch etwas mehr. Denke ich doch bei diesem Song an die Lagerfeuerabende in meiner Jugend zu Hause. Mir fallen auch die schönen Momente mitten in der Natur ein. Ich bin sicherlich nicht alleine, wenn ich an die Partys denke, bei denen nicht John Denver, sondern Hermes Houseband das Lied in einer Popversion sangen. Und dann ist da noch mehr für mich. In meiner Jugend hatte das Lied etwas von Weite und von dem fernen Bundesstaat West Virginia, der in diesem Lied besungen wird. Heute weckt der Song doch andere Bilder. Es geht mir tatsächlich ums Heimkommen. Wenn John Denver das Lied singt, denke ich tatsächlich an meine Heimat in der Nähe von Marburg. Vieles hat sich dort in den letzten 18 Jahren verändert, seit ich von zu Hause ausgezogen bin. Neue Häuser wurden gebaut, alte abgerissen, Straßen verbreitert und Menschen, die früher zum Dorfbild meiner Heimat gehörten, sind auch weggezogen oder gar verstorben. Und doch gibt es viel, was sich nicht geändert hat. Mitten im Dorf die alte Linde, die Hügel um das Dorf mit Feldern, dem Wald und der Kirche, die mitten im Dorf steht.

Das hat für mich weniger mit Vergangenheitsromantik zu tun. Wie auch im Song geht es mir, wenn ich an meine Heimat denke, vielmehr um etwas Tieferes. Denver singt davon, dass das Leben dort in der Natur alt ist. Es war vor mir da und wird auch nach mir dort sein. Aber es hat in meiner Biografie große Spuren hinterlassen. Gleich den Bäumen, die dort wachsen, habe ich meine Wurzeln dort. Alles, was mir in den ersten 25 Jahren meines Lebens dort begegnet ist, hat mich stark geprägt. Die Menschen, die Landschaft und auch mein Glaube, den ich dort erlebt und gelebt habe, haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Meine Heimat beeinflusst dadurch auch heute noch, wie ich die Welt sehe und mit ihr umgehe.

Natürlich gibt es auch Erinnerungen an den Duft des Waldes nach dem Regen oder wie sich meine Haut angefühlt hat, wenn wir fertig waren mit der Heuernte oder die Prozessionen an Christi Himmelfahrt und Fronleichnam. Dabei finde ich interessant, welche Eindrücke sich doch in mir sammeln, wenn ich an meine Heimat denke. Zum Beispiel denke ich sehr oft an die Tage, an denen ich nach der Messe noch mal in die Kirche ging. Der Geruch von kaltem Weihrauch lag in der Luft. Beim Blick in den Kirchraum sah ich die Sonnenstrahlen, die sich der Sonntagmorgensonne wie hauchdünne weiße Tücher im verbliebenen Dunst des Weihrauchs einfingen.

Wenn ich an meine Heimat denke, dann sind es oft diese ganz besonderen persönlichen Eindrücke, die mich ein bisschen schwelgen lassen. All meine Erinnerungen drehen sich dann um meine Heimat, so wie Denver es in der ersten Strophe singt. Und mir ist es sehr wichtig, dass ich ab und zu mal wieder nach Hause komme, um diese Erinnerungen aufzufrischen. In meiner Familie ist es dann so, wenn wir abends zusammensitzen. Wir erzählen uns lustige und manchmal auch ernste Geschichten aus der Zeit, die wir eigentlich Vergangenheit nennen. Denn es geht natürlich darum, gemeinsam zu lachen und sich vor dem Vergessen zu schützen. Aber es geht vor allem darum, sich zu vergewissern, wo ich herkomme, wo das Fundament meiner Persönlichkeit liegt. Mir ist das wichtig, damit ich in meinem Beruf als Priester aber auch gegenüber neuen und alten Freunden authentisch bleibe. Die scheinbar unbekümmerten Tage, an denen ich früh morgens mit meinen Freunden loszog und all das versuchte zu entdecken, was heute für mich Heimat ausmacht. Wenn wir dann abends spät zurückkamen mit zerkratzten Beinen und dreckigen Klamotten, musste ich mir sicher das ein oder andere Mal von meinen Eltern etwas anhören. Im Nachhinein aber waren das durchaus sehr erfolgreiche Tage, die in mir eine gesunde Neugier erhalten haben und wegen denen ich gerne immer wieder nach Hause fahre.

Der Blick zurück ist für mich also notwendig, um den Blick nach vorn zu schärfen. Je besser ich mich kenne, umso besser weiß ich die Richtung, in die ich gehen möchte.
Mir gibt das Sicherheit. Dass die Heimat dabei auch ein bisschen verklärt wird, weiß auch schon John Denver, der gleich in der ersten Strophe singt, die Heimat sei fast wie der Himmel.
Vielleicht, weil er eben auch das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit kennt, was viele ergreift, wenn sie an ihre Heimat denken. Diese Sicherheit ist für mich Ursprung, Weg und Ziel.

Mir ist es wichtig, dass all die Eindrücke, die für mich wichtig waren, auch anderen Menschen zur Verfügung stehen. Sorglose Lagerfeuerabende, Feste und Feiern und das beständige der Natur um mich herum. Immer wieder wird mir bewusst: Wenn ich all das brauchte, um so zu werden wie ich bin, sollte das auch anderen möglich sein. Der sorgsame Umgang mit meiner Umwelt und mit der Natur wird aus diesem Gedanken heraus zu einer wichtigen Aufgabe.

Auch ein Umfeld aufzubauen, in dem junge Menschen diese Sicherheit und Geborgenheit erfahren, wird mir immer wichtiger. Ich wünsche das in meinem persönlichen Gebet oft den Kindern, die ich Taufe und freue mich, wenn ich erlebe, dass es genau so auch für viele ist.

Die Freude am nach Hausekommen ist leider nicht jedem Menschen gegeben. Zumindest wenn es um die Heimat geht. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die nicht so gute Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend haben und vielleicht möglichst viel Distanz zwischen sich und die Heimat bringen wollen. Wenn ich solchen Menschen begegne, ist es mir dann ganz besonders wichtig, von einer Heimat zu sprechen, die auch in ihnen eine Freude wecken kann.

Denn auch wenn ich für meine Heimat sehr dankbar bin, in die ich hinein geboren wurde, so geht es mir als Christ noch um eine andere Heimat. Ich will später einmal, wenn ich den Weg meines Lebens hier zu Ende gegangen bin, mit Freude in die letzte Heimat gehen. Ich meine den richtigen Himmel. Dort wo ich in Sicherheit und Geborgenheit sein darf, wie ich bin. Wo all das, was mich ausmacht, einfach angenommen ist.

Auch wenn meine erste Heimat die ist, die mich bisher am meisten geprägt hat und ich dankbar für die vielen schönen Momente bin, die ich dort erleben durfte, so gibt es doch diese letzte Heimat, zu der ich gehöre. Meine erste Heimat ist es, die mich geprägt hat. Ich bin dankbar für all die schönen Momente, die mich zu dem gemacht haben, der ich bin. Ich kenne aber noch eine weitere Heimat, zu der ich unterwegs bin. Nicht die Landstraßen, aber die Straße meines Lebens soll mich dann dahin bringen, wohin ich eigentlich gehöre, wie John Denver singt. Diese Heimat ist nicht wie der Himmel, es ist der Himmel. Bis ich dort ankomme, was sicher noch ein gutes Weilchen dauert, ist es meine erste Heimat, die mir die Richtung gibt und zu der ich gerne immer wieder zurückkehre. Bei der ich dankbar bin für jeden Hügel und Baum,

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