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Luther und Katharina von Bora - eine Ehe mit Modelcharakter

Luther und Katharina von Bora - eine Ehe mit Modelcharakter

Ein Beitrag von Gisela Brackert, Journalistin und Autorin im Ruhestand, evangelisch, Frankfurt

In drei Jahren werden die Protestanten in aller Welt ein großes Jubiläum feiern. Dann ist es 500 Jahre her, dass der gelehrte  Augustinermönch Martin Luther seine theologischen Bauchschmerzen über die Käuflichkeit der göttlichen Gnade in 95 Thesen öffentlich machte. Von Wittenberg aus brachte er einen Stein ins Rollen, der die geistliche und politische Landkarte der Welt für immer veränderte. Aus dieser großen und dramatischen Geschichte möchte ich einen Aspekt herausgreifen, dessen Prägekraft bis heute unterschätzt wird. Nämlich Luthers Ehe mit Katharina von Bora.

Das war nicht nur das private Lebensbündnis zweier bedrängter Menschen, die beide aus dem Kloster kamen. Beide waren kraftvolle Naturen und beide verband das Bewusstsein, von Gott auf neue Wege geführt worden zu sein. Das ließ diese Ehe zu einem historischen Modell werden. Es steckt mehr Emanzipation darin, als wir gemeinhin dem Institut der Ehe zuzutrauen geneigt sind.

MUSIK: Jean-Philippe Rameau, Zwei Rigaudon mit Double und Reprise, Orgel: Günther Fetz

Nicht nur Martin Luther war ein Rebell. Auch in Katharina steckte ein erhebliches Widerspruchspotential. Und sie spielte in dieser Ehe eine zentrale Rolle. 1499 auf einem Landgut in der Nähe von Leipzig geboren, wurde sie als mutterloses Kind mit vier oder fünf Jahren im Kloster abgegeben. Das Kloster machte unfrei. Aber es vermittelte seinen Zöglingen etwas, das damals alles andere als selbstverständlich war. Es vermittelte Bildung. Als Katharina mit sechzehn Jahren die Ewigen Gelübde ablegte, konnte sie lesen und schreiben, hatte Grundkenntnisse des Lateinischen, kannte sich aus in Liturgie und Heiligenlegenden, war unterwiesen in Sitte und Anstand und gewöhnt an klösterliche Zucht und Ordnung. Die Welt draußen freilich nahm sie nur durch einen schmalen Spalt wahr.

Aber: sie konnte lesen. Auf welche Weise Luthers Thesen, Flugschriften, Sendschreiben und Aufrufe ihren Weg ins Kloster Maria Thron bei Nimbschen gefunden haben – wir wissen es nicht. Vielleicht haben Lieferanten und Handwerker die Schriften eingeschmuggelt. Geistliche oder Verwandte der Nonnen. Alles ist vorstellbar, denn die unerhörten Thesen dieses Luther,  -  die Seligkeit lässt sich nicht mit Geld kaufen und auch nicht mit guten Werken, wir können nur hoffen auf die Gnade Gottes, der sie uns über Christus zugesagt hat –  diese Thesen und die in ihnen enthaltene scharfe Kritik an der Praxis der römischen Kirche wurden damals auf allen Märkten und in allen Schichten mit einer Leidenschaft diskutiert, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können.

Was als universitäre Provokation gedacht war, als theologisch begründete Attacke auf eine kritikwürdige kirchliche Praxis, hatte sich dank des neu erfundenen Buchdrucks in Windeseile verbreitet und so den Weg eben auch nach Nimbschen gefunden, das von Wittenberg keine 100 km entfernt liegt. Dort waren die neuen Gedanken auf begierige Leserinnen gestoßen: junge Frauen, denen der Weg ins Kloster vorgeschrieben und als eine Gott besonders wohlgefällige Lebensform schmackhaft gemacht worden war. Und nun kam da einer, der malte ein großes Fragezeichen hinter diesen unfreiwilligen Lebensentwurf und rief sie in eine neue Mündigkeit hinein.

Zwölf von ihnen machten ernst damit. Im Planwagen eines Lebensmittellieferanten aus dem Freundeskreis Luthers rumpelten sie in der Osternacht des Jahres 1523 in die unbekannte Freiheit. Für neun von ihnen war Wittenberg das Ziel. Katharina saß auch auf diesem Planwagen und sie war 24 Jahre alt.

Wie sie aussah, wissen wir übrigens ziemlich genau. Denn der Mann, in dessen Haus in Wittenberg sie zunächst Aufnahme fand, war niemand Geringeres als Lucas Cranach und er hat sie mehrfach gemalt. Katharina hatte hohe Wangenknochen und leicht schrägstehende braune Augen. Auch das Haar, in der Mitte gescheitelt und hinten zu einem Kranz aufgesteckt, war dunkelbraun. Die Nase gerade und kräftig, der Mund feingezeichnet, Energie und Entschlossenheit verratend, wie überhaupt das ganze Gesicht. Sie blickt mit einer Sicherheit in die Welt, die bei ihrer Vorgeschichte wahrhaft erstaunlich ist. So schaut nur jemand, der überzeugt ist, auf dem richtigen Wege zu sein.

Doch was tun in Wittenberg mit den so plötzlich in die Welt zurückgekehrten Nonnen? Eine berufliche Perspektive hatten sie nicht. Der einzige Weg, sie sozial abzusichern, war eine Eheschließung. Im Freundeskreis des Reformators wurde also zielstrebig nach Ehemänner gesucht, für neun junge Frauen aus guter Familie, die das Klosterleben abgeschüttelt hatten, mittellos waren, aber ein gewisses Maß an Bildung mitbrachten. Das war  für die Männer, die in der Universitätsstadt Wittenberg  reformatorischen Gedanken anhingen, durchaus attraktiv. Die Vermittlung lief also gut an.  Nur eine der Bräute erwies sich als schwierig. Katharina von Bora.

Die hatte den für sie bestimmten Stiftsherren Kaspar Glatz mit einem durchaus modernen Argument abgelehnt. Den könne sie nicht lieben. Gern hätte sie den jungen Patriziersohn Hieronymus geheiratet, doch der wurde von seinen Eltern ausgebremst. Und so blieb sie denn übrig, immer noch selbstbewusst, arm wie eine Kirchenmaus, aber mit eigenem Kopf. Luther war ungehalten:

„Welcher Teufel  will sie denn haben? Mag sie den nicht, so mag sie noch eine Weile auf einen anderen warten.“

MUSIK: Rupert Ignaz Mayr, aus der Suite Nr II, D-Dur, Gigue, gespielt vom L‘ Arpa Festante

Doch Katharina wartete nicht sondern nahm ihr Schicksal selbst in die Hand. Die Forschung ist sich heute einig, dass sie es war, die Luther die kritische Frage stellte: Wie wäre es dann mit uns beiden? – und damit den Reformator in Zugzwang brachte. Lange vor seiner eigenen Eheschließung hatte Luther den Ehestand samt der dazugehörigen Sexualität als gottgewollte, lebensdienliche Ordnung von eigener Würde aufgewertet und damit auch in diesem Punkt der alten Kirche widersprochen.

Die setzte Keuschheit und eine klösterliche Lebensform an die erste Stelle  und hatte sich die Aufsicht über die Ehe dadurch gesichert,  dass sie sie zum Sakrament erhob.  Für Luther war das biblisch nicht zu begründen, für ihn war die Ehe ein weltlich Ding, des Segens bedürftig wie alles, was wir tun. Aber eben kein von Christus eingesetztes Sakrament wie Taufe und Abendmahl. Er hatte sich auch immer für die Priester-Ehe eingesetzt, schien ihm doch ein Zölibat, der nicht eingehalten werden kann, ein unwürdiger Zustand.

Aber als Augustinermönch und bejahrter Theologieprofessor nun noch selbst in den Stand der Ehe treten? Gerade jetzt, wo die Reformation mit den Bauernkriegen und ihren furchtbaren Gewaltexzessen eine ungute Wende nahm? Eine Eheschließung zu diesem Zeitpunkt musste neue Angriffsflächen bieten. Doch hier stand nun mit Katharina ein Mensch vor ihm, der sich mit bedingungsloser Risikobereitschaft an seine Seite stellen wollte. Denn das wusste Katharina:

Wer sich mit Luther verband, musste Häme, Feindschaft und üble Nachrede ertragen können. Sicher, Luther war berühmt. Seine Theologie hatte vor allem in den aufblühenden Reichsstädten viele Anhänger gefunden. Doch nach wie vor stand er im ganzen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation in Acht und Bann, war Gegenstand beißenden Spotts und ungenierter Verleumdung. Die Frau an seiner Seite würde davon nicht unberührt bleiben. Hurerei und ein uneheliches Kind waren denn auch das Mindeste, was man ihr  anhängte.

Katharina schreckte das nicht. Und Luther mag geahnt haben, dass er in all diesen Stürmen eines privaten Rückzugsortes bedurfte, nun, wo es das  Kloster nicht mehr sein konnte. Am 13. Juni 1525 haben Luther und Katharina in aller Stille geheiratet, er war 42 Jahre alt, sie mit 26 auch kein junges Mädchen mehr. Es war keine Liebesheirat und doch erwies sich dieser Tag als Auftakt zu einer sehr glücklichen Ehe.

Und dieses private Glück hatte eine revolutionäre gesellschaftliche Dimension. Die Geistlichkeit trat hier nicht länger als abgehobene Klasse auf. Mit Ehefrau, Kindern und Familie begab sich der Reformator mitten ins Leben und begründete einen neuen, einen besonderen Ort: Das evangelische Pfarrhaus.

MUSIK: Arcangelo Corelli, Sonate Nr V, G-Moll, Andrew Manze (Violine), Richard Egarr (Cembalo)

Weder für Luther noch für Katharina waren Ehe und Familie Teil ihrer Lebensplanung und auch nicht ihres Alltags gewesen. Und nun war da immer ein Du. Verwundert hält Luther die Veränderung fest.

„Im ersten Jahr des Ehestands hat einer seltsame Gedanken. Wenn er über Tisch sitzt, so denkt er: Vorhin warst du allein. Jetzt aber bist du selbander. Im Bett, wenn er erwacht,  siehet er ein paar Zöpfe neben ihm liegen, das er vorher nicht sah. Also saß meine Käthe anfangs bei mir, wenn ich studierte, und da sie nicht wusste, was sie reden sollte, fragte sie mich: Herr Doctor, ist der Hochmeister in Preußen des Markgrafen Bruder?“ 

Lange wird diese Unsicherheit über die neuen Formen des Miteinander nicht gedauert haben. Tatkräftig machte sich Katharina daran, das verkommene Schwarze Kloster, das der Kurfürst ihnen als Wohnung überlassen hatte, zu entrümpeln und  bewohnbar zu machen. In rascher Folge gebar sie ihrem Herrn Doctor in den kommenden Jahren dann sechs Kinder, zur Sexualität haben beide in der Ehe ein unverklemmtes Verhältnis gefunden.  Zwei Kinder mussten die Eltern früh begraben, eine Erfahrung, die Luther auch theologisch zu schaffen machte. Doch das Haus blieb kinderreich und diese Kinder wuselten nicht nur der Mutter sondern auch dem vielbeschäftigten Reformator  zwischen den Beinen herum. Er liebte das junge Völkchen, nahm Anteil an seiner Entwicklung, hielt bei seinen berühmten Tischgespräche nicht selten ein durchnässtes Kind auf dem Schoß oder teilte dem Freundeskreis ungeniert mit:

„Der Hans hat heute gelernt  mit gebeugten Knien in jede Ecke zu kacken.“

Warum erzähle ich das? Weil diese Teilhabe an der häuslichen Welt Luthers Theologie geerdet hat. Sie wurde ins Leben hineingezogen. Und das Schwarze Kloster war bald erfüllt von Leben: Da wohnten nicht nur die Luthers, sondern auch verwaiste Kindern aus der Verwandtschaft, durchreisende Professoren und Scholaren, Wittenberger Studenten, die Kost und Logis bezahlten.

Und jeden Abend wurde das Kloster zum geselligen Mittelpunkt für Anhänger der Reformation, vor allem aus Wittenberg. Da nahmen 30 bis 40 männliche Gäste am langen Refektoriumstisch Platz. Sie aßen, sie tranken, sie diskutierten, sie schrieben mit, was Luther an Pointen von sich gab. Und wer managte das alles? Katharina, „mein Herr Käthe“, wie Luther sie liebevoll nannte. Sie wurde, je länger je mehr, zum organisatorischen und oekonomischen Rückgrat der Familie.

MUSIK: Aurelio Bonelli, Toccate Athalanta, gespielt vom Marais Consort

Die entscheidenden geistlichen Schlachten hatte Martin Luther geschlagen, bevor er die Ehe einging. Was ihn in seiner zweiten Lebenshälfte beschäftigte, war vor allem die politische Absicherung des Erreichten. Für Katharina aber war die Ehe mit Luther der Ort, an dem sie zeigen konnte, was in ihr steckte: Nicht nur die Erzieherin der Kinder, die fürsorgliche Ehefrau und Gesprächspartnerin ihres Mannes, die Managerin eines großen Haushalts. Sondern auch - eine umsichtige Unternehmerin. Sie war es, die in Luthers Namen -  Frauen waren ja nicht geschäftsfähig -   das Kloster ausbaute und zu einem Wirtschaftsbetrieb entwickelte. der sich weitgehend selbst tragen sollte. Äcker, Wiesen und Weinberge gehörten dazu, ein riesiger Garten, ein respektabler Viehbestand, eine Brauerei.

„Es grüßt Dich mein Herr Käthe, die fährt, die Äcker bestellt, Vieh füttert und kauft, Bier braut“

schreibt Luther 1535 an einen Freund und er hat damit noch längst nicht alle unternehmerischen Aktivitäten Katharinas aufgezählt. Die Burse zum Bespiel kam hinzu, das Studentenwohnheim, dessen Erträge ebenso hoch waren wie Luthers Professorengehalt. Es hat ihn nicht gestört. Die Unabhängigkeit, mit der Luther seine Frau schalten und walten ließ, wurde von der Außenwelt kritisch beäugt. Doch er, dem das Materielle unwichtig war, der weder Honorare für seine Bücher noch Hörergeld von seinen Studenten einforderte, wusste was er an seiner Käthe hatte.

Davon zeugt der Ton der Briefe, die zwischen den Eheleuten hin und her gingen. 17 Briefe Luthers an Katharina sind erhalten geblieben, nicht einer freilich von ihr an ihn. Da sind diese liebevoll neckischen Anreden:

„Meiner lieben Hausfrau zu Händen und zu Füßen. Der heiligen sorgfältigen Frau… Allerheiligsten Doctorin, Predigerin, Gärtnerin, Brauerin, Saumärktin, meine herzliche Käthe, meine Rippe, mein Morgenstern zu Wittenberg…“

So schreibt keiner, der unter dem strengen Regiment im Hause leidet. Und auch der vielzitierte Ausspruch aus den Tischreden…

„Wenn ich noch einmal freien sollte, wollte ich mir ein gehorsames Weib aus einem Stein hauen, sonst habe ich an aller Frauen Gehorsam verzweifelt.“

Selbst dieser kecke Satz ist nichts anderes als eine Liebeserklärung in Gestalt einer scheinbaren Kritik: Wer Gehorsam bei Frauen höher schätzt als Tüchtigkeit, und Selbstständigkeit muss mit einer fühllosen Statue vorlieb nehmen. Mein Fazit also: Katharina und Luther – das war eine Ehe auf Augenhöhe. Darin steckt ihre Modernität. Der Protestantismus war noch jung und gärend damals, es gab viel Offenheit für unterschiedliche Lebensentwürfe.

Man wird das nicht ohne weiteres auf das protestantische Pfarrhaus übertragen können. Das Pfarrhaus nämlich sollte zum Vorbild werden für die protestantische Welt. Das legte die Rolle der Pfarrfrau in Familie und Gemeinde in einer Weise fest, die einen eigenen Weg bis tief ins 20. Jahrhundert hinein unmöglich machte. Doch das ist eine andere Geschichte. Heute wollte ich an die Anfänge erinnern. Da lebten zwei aus einem Vertrauen, das der Apostel Paulus einmal so formuliert hat:

Es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist.
Es sind verschiedene Ämter, aber es ist ein Herr.
Es sind verschiedene Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allem.
Und in jedem offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.

1. Korinther 12,4-6)

MUSIK: Claudio Monteverdi, Psalm „Laetatus sum“, Gabrieli Consort & Players unter Paul McCreesh

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