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Engel: Tröster und Begleiter

Engel: Tröster und Begleiter

Beate Hirt
Ein Beitrag von

Beate Hirt,

Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim hr, Frankfurt
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Hoch oben in den Kirchenräumen hat sie man sie früher am häufigsten angetroffen: die Engel. Als solche Putten gibt es sie noch immer. Aber mittlerweile sind die Engel auch von dort herunter geflogen, in unseren Alltag hinein. Es gibt sie als bronzene Handschmeichler, als kleine Figuren am Schlüsselbund oder als Motiv auf Heerscharen von Engel-Büchern, -Postkarten und –Kalendern. Engel haben Hochkonjunktur. Sie scheinen auch Menschen, die gar nicht so viel mit Gott anfangen können, himmlischen Beistand zu schenken. Zeitlose Mittler zwischen Gott und Mensch könnte man sie nennen – denn sie sind ja schon viel länger, seit Jahrtausenden zwischen Himmel und Erde unterwegs. Die Bibel erzählt zum Beispiel von den Engeln Gabriel, Raphael und  Michael. Die katholische Kirche feiert das Fest dieser so genannten „Erzengel“ am 29. September – der ganze Monat wird darum manchmal  „Engelmonat“ genannt. Heute, am ersten Sonntag im September, soll es deshalb in der „Morgenfeier“ um die Engel gehen. Und engelhafte Musik, die wird dazu natürlich auch erklingen.

Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir

Musik I: aus: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir (CD: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Elias. Oratorium, Gächinger Kantorei / Bach Collegium Stuttgart / Helmuth Rilling, CD 1, Track 9).

Es ist wahrscheinlich das bekannteste Musikstück über Engel: Das Doppelquartett aus dem „Elias“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Das Oratorium schildert die Geschichte des Propheten Elias aus dem Alten Testament. Dramatisch geht es darin zu, laut und kämpferisch; aber immer wieder auch leise und friedlich – meistens, wenn die Engel erscheinen. Sie stärken und trösten den Propheten, sie helfen ihm auf die Beine, sie ermutigen ihn für den Weg, der vor ihm liegt. Kein Wunder, dass diese Musik bis heute besonders an Wegmarken des Lebens erklingt. „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir“. Auf Taufen kann man dieses Stück manchmal hören, auf Hochzeiten – ich habe es vor kurzem auf einer Beerdigung mit gesungen. Engel mögen dich behüten, in ihren Armen tragen – das ist eine wunderbare Botschaft, für den verstorbenen Menschen, um den wir trauern, aber auch für alle, die traurig zurückbleiben. Den Text dieses Engelquartetts hat Mendelssohn-Bartholdy übrigens nicht der Geschichte des Elias entnommen, sondern dem Liederbuch der Psalmen, und dort Psalm 91 (Psalm 91,11-12). Der Psalm singt davon, dass Gott selbst dem Menschen Zuflucht und Schutz geben will: „Er beschirmt dich mit seinen Flügeln, unter seinen Schwingen findest du Zuflucht“, heißt es  darin (Psalm 91,4). Und weil Gott dem Menschen Schutz und Schirm sein will, deshalb schickt er Engel. Die Engel, sie sind also seine Stellvertreter, sie lassen die Menschen Gottes Nähe spüren.

Flügel und Fittiche, unter denen ich mich bergen kann

Manchen Menschen sind die Engel ja heute auch deshalb besonders nah, weil sie sympathischer scheinen als Gott selbst: Gott der Unnahbare, vielleicht sogar der Grausame, gerade im Alten Testament. Psalm 91 und seine Vertonung bei Mendelssohn-Bartholdy sagen etwas anderes: Die Engel sind kein guter Gegensatz zu einem bösen Gott. Sie sind ganz im Gegenteil gerade in ihrer beschützenden Art genau von göttlicher Art. Gott selbst will uns auf Händen tragen, er will uns beschützen – die Engel sind die Boten seiner Nähe und seiner schützenden Flügel.

Flügel, unter denen man Zuflucht suchen kann: In Psalm 91 stammen sie wohl von einem Adler. Gott ist wie ein mächtiger Vogel, der seine Jungen unter seinen Fittichen birgt. Die Engel haben diese Flügel sozusagen geerbt – nicht nur zum Fliegen, sondern eben auch: weil man sich darunter schützend bergen kann. Es sind vor allem die Schutzengel, die wir uns ohne Flügel eigentlich gar nicht vorstellen können.

Musik II: aus: Engelbert Humperdinck, Abends, will ich schlafen gehen, aus der Oper „Hänsel und Gretel“ (CD: Wiegenlieder, Track 17).

Abends, will ich schlafen gehn: Engel und Abendsegen

Aus Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ stammt dieser Abendsegen, der von den Engeln singt. Wenn ich das Lied höre, muss ich auch an die ein bisschen kitschigen Bilder denken, die früher über vielen Kinderbetten hingen: Ein  Schutzengel begleitet da Kinder durch Gefahren und Nacht und birgt sie unter seinen Engelsflügeln. Aber natürlich steckt in diesen romantischen Bildern und Liedern auch etwas, wonach sich viele moderne Menschen bis heute sehnen: An meiner Seite soll jemand gehen, der mich beschützt. Und vor allem: Solch einen Schutz soll es besonders auch für diejenigen geben, die ich liebe, um die ich mich sorge, für meine Kinder, aber auch: eine gute Freundin, meine alten Eltern. Einen Engel oder auch so einen Abend- oder Morgensegen: Den will ich jemandem mit auf den Weg geben und ihm damit Schutz wünschen, Begleitung durch eine höhere Macht. Die vielen Engel, die man heute in allen möglichen Varianten kaufen kann, natürlich kann man die auch kritisieren als ein Zeichen von Kitsch und Kommerz. Aber ich denke: Sie sind auch ein gutes Zeichen dafür, dass sich Menschen bis heute gegenseitig Schutz und Segen wünschen. Wenn mir jemand einen Engel schenkt, dann sagt er mir: Ich denk an dich! Ich wünsch dir alles Gute! Vielleicht auch: Ich bin für dich da!

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel

Menschen, die einander Gutes wünschen und füreinander da sind: Sie werden manchmal selbst zu Engeln. Ganz ohne Flügel. Sie sehen nicht aus wie die Putten in den Kirchen oder die Schutzengel auf den alten Bildern über dem Bett. Und doch beschützen und begleiten sie einen so wunderbar, dass man manchmal sagt: Du bist ein Engel für mich!

Musik III: aus: Thomas Gabriel, Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein (CD: Mein Engel, Thomas Gabriel, Lyrische Engelslieder, Track 2).

Es gibt sie ja auch heute noch, die Engel. Boten Gottes, Boten einer himmlischen, liebenden Macht. Ganz unauffällig können sie auftreten, so dass man sie nicht auf den ersten Blick erkennt. Aber manchmal kann ich nachträglich sagen: Da war ein Engel! Oder: Du warst ein Engel! Ohne dich hätte ich den Weg nicht geschafft. Übrigens haben auch die Bibel und die frühe christliche Kunst sehr spät erst die Engel ganz klar und eindeutig mit Flügeln dargestellt. Auch die Engel im Alten Testament bleiben oft erst einmal unerkannt. Zum Beispiel Raphael, einer der drei Erzengel, deren Fest im September, im Engelmonat gefeiert wird. Von ihm erzählt das Buch Tobit. Tobias, der Sohn des Tobit, muss auf eine längere Reise gehen und braucht einen Gefährten dafür. Es heißt dann: „Tobias ging auf die Suche nach einem Begleiter und traf dabei Rafael; Rafael war ein Engel, aber Tobias wusste es nicht. Er fragte ihn: Könnte ich mit dir nach Rages in Medien reisen? Bist du mit der Gegend dort vertraut? Der Engel antwortete: Ich will mit dir reisen; ich kenne den Weg..“ (Tobit 5,4-6) Und dieser Engel Raphael bringt den jungen Tobias tatsächlich sicher an sein Ziel und auch wieder zurück in die Heimat. Er ist ein treuer, schützender Weggefährte. Auch das sind Engel: Menschen, die mit mir gehen und mir auch durch schwierige Wegstrecken hindurch helfen.

Der Engel, der den Drachen besiegt

Manchmal aber können Engel sogar unangenehm sein, störend, verstörend - wie Michael, der zweite Erzengel. Kämpferisch wird er dargestellt, sowohl ganz am Anfang als auch am Ende der Bibel: Er steht, so die Schöpfungsgeschichte, vor dem Garten Eden mit seinem lodernden Flammenschwert, um den Menschen den Weg zurück ins Paradies zu verstellen. Und die Apokalypse erzählt: Einst wird er am letzten Tag den bösen Drachen besiegen, zusammen mit seinem Engelsheer (vgl. Offenbarung 12,7-12). Engel, so scheint dieser Michael zu sagen, sind nicht einfach harmlos. Sie kämpfen auch machtvoll für uns, mit uns, manchmal auch gegen uns für den Sieg des Guten in der Welt.

Der Engel der Verkündigung

Und dann ist da noch der dritte Erzengel, Gabriel: Er kündigt Maria die Geburt Jesu an (Lukas 1,26). Auch dieser Verkündigungsengel hat ein ganzes himmlisches Heer an seiner Seite. Bei der Geburt Jesu singen und jauchzen sie im Chor (vgl. Lukas 2,9-14):

Musik IV: Johann Sebastian Bach, Evangelist-Rezitativ und Chor „Ehre sei Gott in der Höhe“ aus dem „Weihnachtsoratorium“ (CD: Weihnachts-Oratorium, Gächinger Kantorei / Bach-Collegium Stuttgart / Helmuth Rilling, Track 20/21).

Auch das verbinden wir mit den Engeln: Sie singen und jauchzen im Chor, oben im Himmel und manchmal auch unten auf der Erde. Immer wieder werden sie auf Bildern mit Harfe dargestellt, immer wieder beziehen sich Komponisten auf diese himmlische Musik. Engel sind musikbegeistert: Mir als Chorsängerin gefällt das besonders gut. Gott loben mit Musik, das scheint für Engel das Wichtigste zu sein. Schon der Engel Raphael, der Weggefährte, gibt am Ende der Reise Tobias und seiner Familie den Rat: „Preist Gott, und lobt ihn! Es ist gut, Gott zu preisen und seinen Namen zu verherrlichen und voll Ehrfurcht seine Taten zu verkünden. Hört nie auf, ihn zu preisen!“ (Tobit 12,6-7) Die Engel: Sie fordern auch uns Menschen zum Singen und Jubeln auf. Und ich denke: Die Engel wissen, dass dieses Singen vor Gott nicht nur seinem Lob dient. Es ist auch deswegen gut, Gott zu preisen und ihm zu singen, weil das auch dem Menschen gut tut. Weil solch ein Dank und Jubel die Menschen befreien und ihr Herz öffnen kann. Weil ich mit meinem Singen Gott und dem Himmel näher komme. Beim Gesang, das wissen die himmlischen Engel wohl am besten, berühren sich Himmel und Erde auf besondere Weise.

Singen mit den Engeln

Auch die ersten Christinnen und Christen haben sich diese Botschaft der Engel wohl zu Herzen genommen. In einem neutestamentlichen Brief heißt es an einer Stelle: „Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit.“ Und dann steht da im Folgenden: „Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!“ (Eph 5,15-19) Die Zeit gut nutzen, das bedeutet, ganz im Sinne der Engel: Liedersingen und Jubeln. In ihren Gottesdiensten beherzigen das die Christen von Anfang an. Und in jeder Messe heißt es, bevor das „Sanctus“, das „Heilig“ erklingt: „Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit!“

Musik V: Wolfgang Amadeus Mozart, Sanctus aus der Missa brevis in F-Dur (CD: Mozart, Missae breves, Missa longa, Arnold Schoenberg Chor / Concentus Musicus Wien / Harnoncourt, Track 10).

Wolfgang Amadeus Mozart hat dieses „Sanctus“, dieses „Heilig“ komponiert, es stammt aus der Missa brevis in F-Dur. Dass Engel solch eine Musik zur Ehre Gottes singen und spielen mögen, das kann man sich irgendwie gut vorstellen - besonders wenn sie von Mozart stammt. Von Karl Barth ist der Spruch überliefert: „Ich bin nicht sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen sind, gerade Bach spielen - ich bin aber sicher, dass sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielen und dass ihnen dann doch auch der liebe Gott besonders gerne zuhört.“ Das Sanctus, das dreimalige „Heilig“ aus dem christlichen Gottesdienst: Es ist übrigens der Bibel nach tatsächlich ein Engelsgesang: Im Jesaja-Buch wird erzählt von einer Vision, die der Prophet einst hatte: Er sah Gott auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen. Um diesen Thron herum standen und flogen die Serafim, die himmlischen Engel, und sie sangen ganz ähnlich, wie bis heute in jeder Messe gesungen wird: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt.“ (Jesaja 6,3)

Engel tragen dich in Abrahams Schoß

Die Engel: Sie singen Gott auf dem himmlischen Thron zu Ehren – und sie sind zugleich wunderbare Beschützer und Begleiter der Menschen unten auf der Erde. Kein Wunder, dass sie auch immer wieder beschrieben werden als besondere Begleiter zwischen Erde und Himmel. Von der Bibel bis heute ist die Vorstellung verbreitet: Die Engel führen die Seele in der Stunde des Todes sanft zu Gott. „Zum Paradies mögen Engel dich geleiten“ – so wird seit Jahrhunderten bei Beerdigungen gesungen, wenn der verstorbene Mensch zu Grabe getragen wird. Und schon das Lukas-Evangelium erzählt vom armen Lazarus: „Als er starb, wurde er von den Engel in Abrahams Schoß getragen.“ (Lukas 16,22) Ich finde das eine wunderbare Vorstellung: Nicht Gevatter Tod wird irgendwann an unsere Tür klopfen, wenn es ans Sterben geht, dunkel und furchteinflößend. Sondern: Ein Engel wird uns abholen, hell gekleidet, und er sagt: Fürchte dich nicht! Sanft wird er die Seele hinüberführen in die andere Welt, in die Welt, in der es keine Schmerzen und kein Leid mehr geben wird, in der wir uns bergen können, glücklich wie in Abrahams Schoß. Johann Sebastian Bach hat diese Vorstellung vertont wie kein anderer. Ganz am Ende seiner Johannes-Passion, noch nach dem großartigen Schlusschor „Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine“, da wird die Musik plötzlich noch einmal ganz innerlich und persönlich. Und im Choral, der an die ganze Gemeinde und an jeden Einzelnen gerichtet ist, heißt es: „Ach Herr, lass dein lieb Engelein am letzten End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen!“

Musik VI: Johann Sebastian Bach, Schlusschoral aus der Johannespassion „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ (CD: J.S. Bach, Johannespassion, Collegium Vocale Gent / Orchestre de La Chapelle Royale, Paris / Philippe Herreweghe, CD 2, Track 19).

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