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Der 1. September 1939
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Der 1. September 1939

Ein Beitrag von

Helga Trösken,

evangelische Pfarrerin im Ruhestand, Frankfurt am Main

Es soll strahlend schönes Sommerwetter gewesen sein damals vor 70 Jahren am 1. September 1939, als über das Radio die Nachricht verbreitet wurde: „Seit 5.45 Uhr wird zurück geschossen“. Die deutsche Wehrmacht war in Polen einmarschiert. Mit diesem Überfall begann der Zweite Weltkrieg. Lange genug hatte die nationalsozialistische Propaganda auf diesen Krieg hin gearbeitet. Es ging um – wie das damals hieß: „Lebensraum im Osten“ für die germanische Rasse. Von Portugal bis zum Ural sollten Deutsche herrschen. Die dort lebenden Bevölkerungen sollten – so nannten sie das – rassisch gesäubert und das heißt: deportiert werden. Man sang das Kampflied der SA: „Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt. Denn heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt“.

Gleich am 1. September 1939 wurden in dem polnischen Ort Wielún 1.200 Menschen getötet.

Am Ende hatte dieser Krieg etwa 60 Millionen Menschenleben gekostet, dazu eine beispiellose Völkerwanderung durch Flucht und Vertreibung ausgelöst. Historiker schätzen, dass allein über 12 Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen mussten.

Der 1. September 1939, ein schreckliches Datum der deutschen Geschichte, ein Datum der Weltgeschichte. Doch welche Beziehung haben wir dazu, 70 Jahre danach?

Für die Nachgeborenen, die heute Jungen ist es ein Datum wie viele andere. Vielleicht werden manche erinnert durch die Familiengeschichte: Ein Großvater, ein Urgroßvater, ein Onkel oder Großonkel fehlt. Bilder zeigen die alte Heimat wie auch die Filme im Fernsehen: Nostalgisch und irgendwie unwirklich. Den Krieg selber: Bomben und Feuer, Hunger und Angst, Trümmer und Flucht, den kennen sie nur als Geschichten aus alter Zeit, weit weg – wie heute zum Beispiel die Nachrichten aus Kabul oder Bagdad.

Die Kriegsgeneration, zu der ich gehöre, im Krieg, kurz davor oder danach geboren– wir haben fast alle traumatische Erinnerungen, tief im Unterbewusstsein verankert,selten ausgesprochen oder bewusst gemacht, oft in Träumen aktiviert. Geräuschevon Bomben und Flugzeugen gehören dazu, Erinnerungen an Luftschutzkeller undTrümmer, Mangelernährung, Schulspeisung und die Feindbilder: der Russe, der Pole,der Amerikaner…

Dazu dann das Schweigen.

Fragen, auf die es keine Antworten gab oder nur Ausreden und Entschuldigungen: „Man konnte nichts machen“. „Was hätten wir schon tun können?“ „Und überhaupt, das mit den Juden hat doch niemand gewusst“.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Geschichte der deutschen Verbrechen im 2. Weltkrieg veröffentlicht werden konnte, die Verbrechen der Wehrmacht und ihrer willigen Helfer in ganz Europa.

Die Generation derer, die dabei waren, ist klein geworden, und immer weniger können uns erzählen, wie der Krieg für sie war, was sie erlebt und wie sie es erlebt haben – als Verführte, als Begeisterte, als Mitläufer oder Mitläuferin, als Verfolgte, als Täter und Täterin.

Umso mehr gilt die Mahnung: „Nie wieder!“ Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein.

In der nächsten Woche werde ich mit einer kleinen Gruppe evangelischer Christen undChristinnen vom Verein „Zeichen der Hoffnung- Znaki nadziei“ in Warschau sein, ummit polnischen KZ – Opfern und ehemaligen Zwangsarbeiterinnen des Kriegsbeginnsvor 70 Jahren zu gedenken. Dieser Verein „Zeichen der Hoffnung“ wurde 1977 alsevangelische Initiative für eine bessere Zukunft von Polen und Deutschen gegründet.Er sammelt Spenden, um damit polnische KZ-Opfer zu unterstützen, die, so weit bekanntist, keine andere Unterstützung bekommen.

Zu Anfang beschränkte sich die Hilfe auf Geldgeschenke, monatliche Zahlungen oder Hilfe zum Kauf von Medikamenten, Brillen oder anderen Hilfsmitteln. Ziemlich bald wurde deutlich: Es reicht nicht, wenn Menschen nur materiell unterstützt werden, auch wenn sie sehr arm sind, wie die vermittelnden polnischen evangelischen Kirchen bestätigten. Persönliches Kennen lernen ist wichtig, sie nach ihrem Leben, ihrem Schicksal fragen und Anteil nehmen, soweit das möglich ist. So kam es zu Begegnungen, die unvergesslich sind.

Mittlerweile hat sich die Hilfe für die älter, kränker und oft auch einsamer werdenden Menschen verändert. Ein vom Verein finanzierter Zivildienstleistender fährt Essen auf Rädern in Krakau aus und betreut die alten Menschen, wo es nötig ist. Jährlich wird eine Gruppe zu Erholungsfreizeiten eingeladen, einmal in Polen, das nächste Jahr in Bad Nauheim. Viel Vertrauen hat sich daraus entwickelt, so dass immer mehr der ehemaligen KZ – Opfer und der Zwangsarbeiterinnen bereit sind, als Zeitzeugen in Schulen von ihrem Erleben zu berichten. Dadurch bekommen Gedenktage wie der 1. September ein Gesicht. Geschichte wird lebendig, so grauenhaft sie auch war. Es werden Zeichen der Hoffnung gesetzt.

In Warschau werden wir nicht nur mit Vorträgen und offiziellen Empfängen an den 1. September vor 70 Jahren erinnern, sondern auch Gottesdienste feiern, und zwar in der evangelisch-lutherischen und der evangelisch-reformierten Kirche. Beide gehören als kleine Kirchen zum Polnischen Ökumenischen Rat und vertreten eine Minderheit der polnischen Bevölkerung.

Unser Thema wird sein „Nie wieder! Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein!“

70 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen, dem Beginn des 2. Weltkriegs, sagen und glauben wir: „Nie wieder! Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“.

Wir lassen uns dabei leiten von der biblischen Vision des Propheten Micha: Und es wird geschehen am Ende der Tage:
Da wird der Berg des Hauses Gottes
fest gegründet als der Höchste der Berge, erhabener als die Hügel sein.
Und strömen werden zu ihm Nationen
und viele Völker werden gehen und sagen:
„Auf! Wir wollen hinaufziehen zum Berg Adonajs
und zum Haus von Jakobs Gott,
dass wir in Gottes Wegen unterwiesen werden
und auf Gottes Pfaden wandeln!“
Denn vom Zion geht Weisung aus und das Wort Adonajs von Jerusalem.
Und Gott wird schlichten zwischen vielen Nationen
und starken Völkern Recht sprechen bis in ferne Länder.
Und sie werden ihre Schwerter umschmieden zu Pflugscharen
und ihre Speere zu Winzermessern.
Kein Volk wird mehr gegen das andere das Schwert erheben,
und sie werden den Krieg nicht mehr erlernen.
Und alle werden unter ihrem Weinstock wohnen
und unter ihrem Feigenbaum – und niemand wird sie aufschrecken.
Denn der Mund Gottes der Himmelsmächte hat geredet.
(Micha, 1-4)

„Schwerter zu Pflugscharen“, manche werden sich vielleicht erinnern an den Aufnäher,der zum Symbol der Friedensbewegung in der damaligen DDR wurde. Das Original,eine Skulptur von Jewgeni Wutschetitsch, wurde am 4. Dezember 1959 vor dem UN –Gebäude in New York aufgestellt, ein Geschenk der Sowjetunion. Ein muskulöser Herosaus Bronze, der ein Schwert umschmiedet – ganz im Sinn der Rüstungskonversion:Waffen werden zu nützlichen Gegenständen für den Alltag umgearbeitet.

Am Buß- und Bettag 1980, zum Ende der ersten kirchlichen Friedensdekade in der DDR, machte Harald Brettschneider, damals Jugendpfarrer in Sachsen, den Vorschlag, mit diesem Bild und der Umschrift „Schwerter zu Pflugscharen“ ein Lesezeichen zu gestalten. Er erzählt, dass es aussichtslos war, dafür eine Druckgenehmigung zu bekommen. So kam er auf die Idee, das Bild auf Vliesstoff drucken zu lassen. Dafür brauchte man keine Genehmigung. Denn das galt als „Textiloberflächenveredelung“.

So wurden zunächst 120.000 Stück in der Druckerei der Brüdergemeine in Herrenhut gedruckt, später noch einmal 100.000 Vliesaufnäher.

Die Staatsorgane der DDR reagierten brutal, obwohl das Stück Stoff eine Skulptur zeigte, die die Sowjetunion den Vereinten Nationen geschenkt hatte, obwohl das Bild in offiziellen Schulbüchern und Zeitschriften abgedruckt war. Soldaten rissen die Aufnäher von Jackenärmeln, Polizisten konfiszierten die Jacken oder zerschnitten die Ärmel. Ihre Träger und Trägerinnen wurden von der Oberschule verwiesen. Man verweigerte ihnen die Zulassung zum Studium.

Doch das kleine Stück Stoff blieb ein Symbol dafür, dass keine Gewalt eine gewaltlose Friedensbewegung zerstören kann. Manche nähten sich einfach nur weiße Stoffteile auf den Ärmel, andere schrieben darauf: „Ich war ein Schwert“. Und immer wieder setzten sich Jugendliche zusammen, um den biblischen Ursprung, den Text des Propheten Micha zu lesen, zu studieren, zu meditieren und zu verstehen. Ja, es wird erzählt, dass manche fast verzweifelt nach einer Bibel bei Großeltern oder Nachbarn gesucht hätten.

Die Friedensvisionen des Propheten Micha sind wie ein Aufschrei nach Frieden, ausgerufen in einer friedlosen Zeit, die der unseren gleicht. Ein Auf und Ab von Krieg und Frieden, eine Zeit der Deportationen und ethnischen Säuberungen, alltägliche Gewalt. Die Bilder heute kommen zu uns aus aller Welt: Brennende Kirchen in Indonesien, zerstörte Dörfer in Somalia, endlose Gräberfelder im Kosovo, in Serbien, Selbstmordattentäter in Mossul, in Bagdad, Bomben im Ferienparadies Mallorca, erklärte und noch mehr unerklärte Kriege, Deportationen, ethnische Säuberungen wie vor 70 Jahren. Und auch wieder wie damals Hetze gegen Fremde, die in manchen Gegenden unseres Landes um ihr Leben fürchten müssen.

Unheil ist unsere Welt, krank vor Gewalt und Unrecht. Da klingen die Friedensvisionen des Propheten Micha, 3000 Jahre alt, wie Provokationen: Schwerter sollen zu Pflugscharen geschmiedet werden, Speere zu Winzermessern, und niemand übt mehr für den Krieg. Die Vertreibung von Menschen soll ein Ende haben. Die vom Blut der gefallenen Soldaten und der geschändeten Zivilisten durchtränkte Erde soll den hungernden Menschen wieder Nahrung geben. Kinder müssen nicht mehr das Morden lernen. Ein jeder arbeitet unbehelligt an seinem Weinstock. Die Heimatlosen sollen wieder ein Dach über dem Kopf haben. Ja, mehr noch, sie sollen unter ihrem eigenen Feigenbaum sitzen und nicht mehr nur geduldete Fremde sein.

„Schwerter zu Pflugscharen“ – eine Provokation und zugleich schon erfüllte Verheißung. Das Leitmotiv der Friedensbewegung in der damaligen DDR hat Bewegung in die versteinerten Verhältnisse gebracht und zur friedlichen Wende beigetragen. 

Nie wieder! Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein.

Wir sollen ihn nicht mehr lernen müssen, sagt die biblische Botschaft des Micha. Sie macht uns damit Mut, die kleinen, oft unscheinbaren Schritte zum Frieden einzuüben. Denn nicht Völker und Nationen, nicht die Mächtigsten und Stärksten sind die Garanten des Friedens. Allein Gott, der Schöpfer und Erhalter der Welt, ist in der Lage, Frieden zu versprechen und dieses Versprechen auch einzulösen. Er wird uns die Wege zum Frieden zeigen, denn „von Zion wird Weisung ausgehen und Gottes Wort von Jerusalem“.

Da beginnt dann unsere Aufgabe. Die Vision braucht Hand und Fuß. Deshalb ruft der Prophet zum Aufbruch auf den Weg des Friedens. „Kommt, lasst uns zum Berg Gottes gehen“.

Frieden ist uns verheißen, aber er fällt nicht vom Himmel. Die Vision gibt Mut zum Handeln. Frieden schaffen ist harte Arbeit: Um-schmieden, um-denken, um-lernen. Neues Denken gegen mächtige Widerstände, vor allem derer, die an Rüstung und Rüstungsexport verdienen.

Ich bin froh, dass wir nächste Woche in Warschau gemeinsam an den Beginn des 2. Weltkriegs, den Überfall auf Polen denken können, Christen und Christinnen aus Polen und Deutschland, die gemeinsam den Weg des Friedens gehen wollen, wie mühsam er auch sein mag. Die Verheißung, die Vision des Propheten wird uns tragen und ermutigen: Der Frieden, der von Gott kommt und der all unser Denken übersteigt. Und wir werden verbunden sein mit Menschen aus der ganzen Welt, die mit uns das Versöhnungsgebet aus der Kathedrale von Coventry beten:

Wir haben alle gesündigt und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten. Darum beten wir:

Vater, vergib!
Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse:
Gott, vergib!
Das habsüchtige Streben der Menschen und Völker, zu besitzen, was nicht ihr eigen ist;
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet:
Gott, vergib!
Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen:
Gott, vergib!
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge:
Gott, vergib!
Den Rausch, der Leib und Leben zugrunde richtet;
Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf dich:
Gott, vergib!
Lehre uns, o Gott, zu vergeben und uns vergeben zu lassen,
dass wir miteinander und mit dir in Frieden leben.
Darum bitten wir um Christi willen.

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