Nur eine Handbreit
Ich bin wieder mal zu spät. Ich ziehe den Reißverschluss der Jacke hoch, meinen Rucksack über die Schultern und ab auf mein Fahrrad die Straße runter.
Alltag auf zwei Rädern: der gewohnte Weg
Am Kreisel ist frei, super. Die zweite Abfahrt raus. Kirche links. Busbahnhof rechts. Ein Auto nach dem anderen, Busse hinter mir. Einmal kurz den Lenker hochgezogen, ein Wupps und mit dem Rad auf den Gehweg.
Wenn Sekunden zählen
Schnell weiter - und plötzlich wie aus dem Nichts ein Bus, der rechts abbiegt. So ein Bus ist groß. Bremst volle Kanne. Und bleibt schaukelnd stehen, keine Handbreit von meinem Lenker entfernt. Ich stehe auch. Die Bremsen durchgezogen. Mein Herz schlägt bis zum Hals.
Menschlichkeit im Straßenverkehr
Am Steuer ein freundlich lächelnder Busfahrer. Älterer Herr. Winkt mir zu. Fährt den Bus unter das Vordach des Bahnhofs. Langsam löst sich meine Starre. Ich schiebe mein Rad zu dem Bus. Der Fahrer lässt die Scheibe herunter.
Dankbarkeit im Moment der Stille
Danke sage ich. Danke, dass Sie gebremst haben, sonst wäre es übel ausgegangen, und gebe ihm die Hand. Gerne sagt er. Und drückt meine Hand. Passen Sie gut auf sich auf.
Eine Handbreit Leben – was bedeutet das eigentlich?
Nur eine Handbreit, denke ich, und ich wäre unter dem Bus gewesen. Eine Handbreit ist nicht viel – oder vielleicht doch? Eine Handbreit mehr Zeit morgens, eine Handbreit mehr Luft lassen, eine Handbreit etwas langsamer. Ich werde es üben. Das auf mich aufpassen. Mit und ohne mein Fahrrad!