hr4 ÜBRIGENS
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Jaeger, Frank-Nico

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Bad Hersfeld

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Frau Radawan

„Gottesdienstauto!“ „Gottesdienstauto!“ ruft unser ältester Sohn, wenn er die roten Autos mit dem Diakoniekreuz sieht. Moritz ist vier und Gottesdienst und Gemeindediakonie sind für ihn noch dasselbe. 

Frühdienst im Pflegedienst der Diakonie und die erste Patientin des Tages

In dem Auto sitzt früh schon Frau Radawan. Spätestens um 6.15 Uhr ist sie in der Station. Packt ein, was sie für den Tag braucht, steigt in das rote Auto und fährt los. Frau Radawan arbeitet im Pflegedienst der Diakonie und ihre erste Patientin an diesem Morgen ist Frau Müller. 84 Jahre alt, verwitwet und allein. Beim Strümpfe anziehen reden sie über die Nacht, die Schmerzen und das Wetter. Dann muss Frau Radawan weiter. 

Ein normaler Morgen: Acht bis neun Besuche, Stau und Ungeduld der zu Pflegenden

An einem normalen Morgen besucht Frau Radawan acht, neun Menschen. Fährt durch die Stadt, steht im Stau und versucht, den Plan einzuhalten. Wenn man nicht pünktlich kommt, sind die Menschen oft ungeduldig. Manche sind wütend. Frau Radawan versteht das. Sie ist oft die einzige Abwechslung in einem sonst eintönigen Tag. Sie ist auch oft die einzige, der die Angehörigen erzählen können, was ihnen auf der Seele liegt. 

Herz und Engelsgeduld: Warum Frau Radawan mehr als eine Pflegekraft ist

Gott sei Dank hat Frau Radawan ein großes Herz und eine Engelsgeduld. Sie wird nie laut, schimpft nie zurück. Sie kümmert sich, so gut es geht. Wenn es nötig ist, besorgt sie auch mal ein Brot oder löst das liegengebliebene Rezept ein. Auch wenn das nicht abgerechnet werden kann. 

Mehr Gottesdienstautos mit Menschen wie Frau Radawan täten der Gesellschaft gut

In einer Gesellschaft, der das Rechnen und Verrechnen längst zur zweiten Natur geworden ist, fällt eine wie Frau Radawan auf. Sie pfeift, wenn es sein muss, auf den Plan und macht Überstunden, wenn die Schlange in der Apotheke länger war. 

Unverbesserlich würden manche sagen. Aber ich wünschte, es gäbe mehr Gottesdienstautos mit einer Frau Radawan am Steuer.