Winter-Hoffnung
Einfache Vorbereitung – große Bedeutung
Jedes Jahr vor dem Winter hole ich das Vogelhäuschen aus dem Keller. Ich hänge es in den Baum, nicht zu hoch und nicht zu tief. Die Katze soll nicht drankommen und die Waschbären sollen es nicht plündern können. Ich fülle das Häuschen mit Körnern. Und dann kommt dieser Moment, der mir ein banges Gefühl beschert: Werden die Vögel das Häuschen finden? Kommen sie angeflogen? Gibt es überhaupt noch viele Vögel, frage ich mich und denke an das Artensterben. Beim Blick auf das Vogelhäuschen sorge ich mich irgendwie immer um die Zukunft.
Wenn die erste Meise Hoffnung bringt
Wie beglückend ist es dann, dass die erste Meise recht bald angeflattert kommt. Sie lässt sich zuerst auf dem Ast neben dem Häuschen nieder und inspiziert den Ort. Dann setzt sie sich auf den Rand des Häuschens und pickt schnell die Körner auf, die neben das Futterloch gefallen sind. Während sie das tut, kommen schon zwei andere Vögel angeflogen. Und ratzfatz hat sich das Vogelhäuschen rumgesprochen und der Baum im Garten wird zur Vogel-Landebahn.
Kleine Begegnung, große Wirkung
Ich bin erleichtert. Mir macht dieser Moment Hoffnung, -auf Zukunft. Diese Hoffnung hat Federn und Flügel, sie flattert und kämpft ums Elementare: Einen Platz finden. Genügend Essen, um durch den Winter zu kommen
Was uns die Vögel über Gemeinschaft lehren
Offensichtlich hat die Hoffnung auch etwas mit Begegnung zu tun. Ob die Vögel miteinander sprechen oder Konkurrenten sind, ob es eine Hackordnung gibt oder ein in allen Unterschieden gut funktionierendes Nebeneinander – sie finden alle ihre Körner. Die Meisen kommen zuerst, dann ein Rotkehlchen – es pickt gern ungestört. Später kommen die großen Amseln. Ihnen fällt manches daneben. Gut für die fülligen Tauben. Die holen sich nur die runtergefallenen Körner.
„Wer hofft, ist zum anderen unterwegs“ – was bedeutet das?
Im bunten Geflatter um das Vogelhäuschen denke ich an einen Satz des Philosophen Byung Chul Han: „Wer hofft, ist zum anderen unterwegs.“ Die Vögel folgen vielleicht einfach ihrem Instinkt. Sie hoffen nicht in unserem menschlichen Sinn. Aber wenn der kleinen Meise ein Körnchen auf den Boden fällt und die Amsel davon dann auch satt wird, ahne ich, wie weit die Hoffnung wirken kann.
Unterwegs zum Anderen – eine spirituelle Perspektive
Auch ich bin „unterwegs zum anderen“, wenn ich das Vogelhäuschen auffülle. Ich wende mich hin zu anderen Lebewesen, den kleinen Vögeln eben, und werde Teil eines Ganzen. Für solche Momente will ich mir Zeit nehmen, wenn´s kalt ist. Zeit für mich, für andere, für´s Verbundensein miteinander. Auch mit Gott, und vielleicht kommt dann auch die Hoffnung angeflogen.