hr2 ZUSPRUCH
hr2
Krebs, Stephan

Eine Sendung von
Stephan Krebs,
Evangelischer Pfarrer, Langen

00:00
00:00
Ein Bahnhof mit einem Taktik-Display und einer großen Uhr. Im Hintergrund sind Reisende zu sehen, die an Gleis 23 warten. Die Beleuchtung ist gedimmt, und die Wände sind mit modernen Materialien gestaltet. Das Bild vermittelt eine ruhige, wartende Atmosphäre.

Wann hört es endlich auf zu dauern?

„Wann hört es endlich auf zu dauern?“ Diese Frage lese ich auf einer Hauswand. Jemand hat sie dort aufgesprüht. Ich überlege: Was soll denn aufhören zu dauern? Doch das steht da nicht. Nur die Frage, die eigentlich eher ein Stoßseufzer ist. „Wann hört es endlich auf zu dauern?“ Diese Worte beschreiben das elende Gefühl sich in einer sinnlosen Endlosschleife zu drehen. 

Wenn das Leben sich wie eine Endlosschleife anfühlt

Ich denke nach: Wo habe ich dieses Gefühl selbst schon empfunden? Mir fallen Warteschlangen ein, in denen ich kaum vorankomme. Aber dieser Seufzer meint nicht nur eine Durststrecke von langweiligen Stunden. In ihm steckt ein ganzes Lebensgefühl. Das empfinden viele, die in einer unglücklichen Situation feststecken. Die Tage fühlen sich unbehaglich und falsch an. Eine innere Stimme revoltiert dagegen: „Da muss es noch etwas Besseres geben! Das richtige Leben, das muss erst noch kommen.“ Aber viele wissen nicht, wo und wie sie es finden können. Oder ihnen fehlt der Mut loszugehen.

„Meine Zeit steht in Gottes Händen“

Das finde ich traurig. Denn Lebenszeit sehe ich als Geschenk Gottes. Eigentlich also etwas Schönes. Psalm 31 drückt es so aus: „Meine Zeit steht in Gottes Händen.“ (Psalm 31,16). Fühlt sich mein Leben so nicht mehr an – dauerhaft? Dann ist es Zeit zu überlegen, ob und wie ich das verändern kann. 

Den Mut finden, etwas Neues zu wagen

Nach einigen Tagen komme ich wieder an der Wand mit dem Graffiti vorbei. „Wann hört es endlich auf zu dauern?“ Darunter hat jemand etwas neues geschrieben: „Wenn du dich traust loszugehen.“ Ich nicke, denke aber auch: „Das ist leichter gesagt als getan.“ Das Bisherige ist vertraut. Das Ersehnte ist vielleicht in der Ferne kaum zu ahnen. Unklar ist auch, ob man es überhaupt erreichen kann. Doch das finde ich nur heraus, indem ich es wage. Leben, dieses Geschenk Gottes, beinhaltet eben auch Risiken. Und zu diesen Risiken gehört auch das Nichtstun. 

Wenn Losgehen nicht für alle möglich ist

Allerdings: Manche können sich das gar nicht aussuchen. Sie haben nicht die Chance loszugehen und etwas Besseres zu suchen. Denn ihre Lebensumstände erlauben das gar nicht. Dann gilt: Gott ist auch in der zähen Zeit da. Auch diese Zeit steht in Gottes Händen. Diese Zusage bleibt – unverbrüchlich. Und sie bricht das Gefühl des Gefangenseins vielleicht auf eine andere Art auf.

„Hoffentlich hört es niemals auf zu dauern“

Ein paar Tage später komme ich erneut an dem Graffiti vorbei. Wieder hat jemand etwas Neues daruntergeschrieben: „Hoffentlich hört es niemals auf zu dauern.“ Ich staune: Offenbar entsteht hier eine philosophische Debatte über den Sinn des Lebens. Sie gefällt mir. Gerne denke ich sie weiter: Was soll denn niemals aufhören? Die Freude? Das Leben selbst? Für immer? Das kann ich mir selbst gar nicht verschaffen. Aber ich glaube: Meine Zeit steht in Gottes Händen. Die zähe Zeit und die glückliche. Und auch die Zeit, die kein Ende mehr hat.