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Reuter, Eva

Eine Sendung von

Katholische Pastoralreferentin, Betriebsseelsorge im Bistum Mainz / Regionalstelle Rheinhessen

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Bildquelle: Pixabay

Sprache ist Heimat

„Erst wenn man ohne Akzent spricht, ist man keine Fremde mehr“, meinte meine Kollegin neulich zu mir. Sie kommt aus Kroatien, spricht sehr gut Deutsch, aber schon nach einem Satz hört man: Sie kommt aus der slawischen Sprachfamilie.

Man kann sich trotzdem einheimisch fühlen

Ich bin mir nicht sicher, ob sie Recht hat. Ich finde, man kann sich schon sehr einheimisch fühlen, auch wenn man noch einen Akzent hat. Ich wohne jetzt schon über dreißig Jahre im Rhein-Main-Gebiet, aber mein einheimischer Mann sagt, Worte wie „Scheschdelsche“ kann ich immer noch nicht akzentfrei sprechen.

So gesehen, bleibe ich eine Fremde. Aber wenn ich im Urlaub oder irgendwo anders Menschen Hessisch babbeln hör, dann fühle ich mich ihnen verbunden – sie kommen ja aus meiner Wahlheimat. 

Tag der Muttersprache

Allerdings habe ich auch noch eine andere Heimat und eine andere Muttersprache und an die muss ich heute, am Tag der Muttersprache, denken: Ich bin mit den Klängen des Erzgebirgischen aufgewachsen. Meine Mutter und meine Omi haben es gesprochen. Wenn ich diese Sprache heute höre, fühle ich auch Heimat. 

Aus meiner Erfahrung weiß ich also: Man kann mehrere Sprachen haben, in denen man sich zuhause fühlt. 

Das Wort “Muttersprache” kann missverständlich sein

In jedem Fall finde ich: In unserer Gesellschaft ist es wichtig, respektvoll damit umzugehen, welche Sprache jemand als Muttersprache empfindet. Vielleicht wäre das Wort „Heimatsprache“ sowieso viel passender.

Ich denke an die vielen Menschen mit Migrationshintergrund, die zum Teil schon seit vielen Generationen hier leben. Sie sprechen oft akzentfrei Hochdeutsch, aber haben doch noch eine andere Muttersprache. Oder Kinder von Eltern unterschiedlicher Nationalitäten, die zweisprachig aufwachsen.

Sprache als Schatz

Diese Sprachenvielfalt ist ein Schatz und ich finde es wichtig, es als solchen zu behandeln. Es sollte nicht verboten sein, die eigene Sprache zu sprechen. Und niemand sollte sich schlecht fühlen, weil er einen Akzent hat. Selbstverständlich muss Hochdeutsch als gemeinsame Sprache gesprochen werden, wenn jemand dazu kommt, der die andere Sprache nicht spricht. 

Die gemeinsame neue Heimat soll ja Deutschland sein – also soll Deutsch auch eine neue Heimatsprache werden. Aber die andere Sprache ist eben auch Heimat und manchmal trifft ein Ausdruck in dieser Sprache es einfach besser als die hochdeutsche Übersetzung. 

Ein Beispiel: „Des is abber gemoschdert“ – „Das ist aber eine unpassend zusammengestellte Kleiderkombination“. Der Unterton – leicht belustigt – geht im Hochdeutschen völlig verloren.

Das Wichtigste ist der Inhalt, nicht die Wortwahl oder der Akzent

In der Bibel fällt auf: An manchen wichtigen Stellen kommt es gar nicht auf die gesprochene Sprache an. Bestes Beispiel dafür ist die Pfingsterzählung: Nachdem die Jünger vom Heiligen Geist erfüllt waren, verkündeten sie in ihrer Sprache die frohe Botschaft und Menschen aus allen Teilen der Welt hörten sie in ihrer eigenen Muttersprache sprechen. (Apostelgeschichte 2, 1-13)

Für mich bedeutet das: Die wirklich wichtigen Botschaften verstehe ich jenseits der genauen Wortwahl und auf alle Fälle unabhängig vom Akzent. 

Ich finde also nicht nur am Tag der Muttersprache: Sprich deine Sprache und fühl dich zuhause! Egal, ob mit oder ohne Akzent.