hr2 ZUSPRUCH
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Hirt, Beate

Eine Sendung von

Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim hr, Frankfurt

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Bingen am Rhein

Kulturen am Fluss

„Was ist denn das für eine Sprache?“ Das hab ich mich neulich beim Joggen am Rhein wieder gefragt. Ich laufe regelmäßig am Fluss entlang. Und wenn ich dabei Leute überhole, die spazieren gehen, dann bekomm ich Satzfetzen aus deren Gesprächen mit. 

Auf deutsch oder manchmal auch auf englisch oder italienisch. Oder, tja, auf polnisch oder ukrainisch? Spanisch oder portugiesisch? Ich bin, ehrlich gesagt, nicht besonders gut darin, auf die Schnelle herauszubekommen, welche Sprache da gerade gesprochen wird.

Der Rhein als Treffpunkt für Sprachen

Aber ich find’s faszinierend, wie viele unterschiedliche Sprachen am Rheinufer zu hören sind. Und das ja schon seit sehr langer Zeit. Weil der Fluss schon immer gut dafür war, dass sich Sprachen, Kulturen und Religionen ausbreiten konnten, auch Handel und Militär. 

Vor 2000 Jahren haben die Römer am Rhein ihre Lager und Städte gebaut, Mainz wurde Hauptstadt der Provinz Obergermanien, und natürlich sind die Schriften auf den römischen Bauwerken auf Latein. Später kamen immer neue Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen den Fluss entlang. 

Bonifatius zum Beispiel, der das Christentum aus England an den Rhein brachte und dort Bischof wurde. Im Mittelalter entstanden am Fluss bedeutsame jüdische wie christliche Gemeinden, und ihre großen Denker sind auch durch die Welt gereist und haben längst nicht nur eine Sprache gesprochen.

Sprachen begegneten sich bereits im Stall von Betlehem

Die Begegnung von Kulturen und Sprachen: Im Christentum hat sie im Grunde genommen schon ganz am Anfang begonnen, im Stall von Betlehem. Die Sterndeuter aus dem Osten, die so genannten drei Könige, kamen aus dem fernen Morgenland und huldigten dem Jesuskind. 

Und so war schon bei der Geburt Christi und dem Start des Christentums klar: Menschen sprechen verschiedene Sprachen, haben verschiedene Hautfarben, bringen ihre Kulturen mit – manchmal in Form von Schätzen wie Weihrauch, Gold und Myrrhe. 

Fremde Sprachen und Kulturen waren nichts, wovor sich das Jesuskind fürchten musste. Bedrohlich wurde ihm damals der König vor Ort in Jerusalem, König Herodes. Die Menschen aus den fernen Ländern waren dem Kind wohlgesonnen. 

Kulturen und Religionen sind keine Bedrohung

All das find ich natürlich auch wichtig zu wissen, weil es heute Menschen und Parteien gibt, die so tun, als wären wir in Deutschland schon immer und traditionell einheitlich gewesen in Sprache und Kultur. Als wären fremde Kulturen und Religionen eine Bedrohung. Das sind sie nicht. 

Die vielen Kulturen und Sprachen haben eine lange Tradition im Christentum und auch an den großen Flüssen Rhein und Main. Ich freu mich jedenfalls, wenn ich beim Joggen eine andere Sprache höre und rätseln darf: Woher kommen wohl die Menschen, die sie sprechen und am Flussufer spazieren gehen?