hr2 ZUSPRUCH
hr2
Ein Mann mit einer Glatze und Brille trägt einen hellblauen Blazer über einem weißen Hemd. Er lächelt freundlich und schaut direkt in die Kamera. Der Hintergrund ist grau und neutral.

Eine Sendung von
Martin Vorländer,
Evangelischer Pfarrer und Senderbeauftragter für den DLF, Frankfurt

00:00
00:00
Ein Mann mit lockigem Haar steht an einem Fenster und hält eine Tasse in der Hand. Er schaut nach draußen, während sanftes Licht durch die Vorhänge strömt. Im Hintergrund sind eine Couch und dekorative Elemente zu sehen, die eine gemütliche Wohnatmosphäre schaffen.

Jeden Tag so leben, als wäre er mein letzter?

„Lebe jeden Tag so, als ob er dein letzter wäre.“ Dieser Satz drückt Wertschätzung für jeden einzelnen Tag aus. Wenn ich so lebe, dann ist jede Minute kostbar.

Eine Diagnose verändert den Blick auf das Leben

Ich habe eine Freundin, die hatte ihren letzten Tag vor Augen. Sie war Ende 20, als sie die Diagnose bekam: Krebs. Die Ärzte sagten ihr, sie hat vielleicht zwei Prozent Überlebenschance. Die zwei Prozent hat sie ergriffen.

Zwei Geburtstage als Zeichen des Lebens

Seitdem feiert sie jedes Jahr zweimal Geburtstag: den Tag ihrer Geburt und den Tag ihrer lebensrettenden Operation. Die anderen 363 Tage des Jahres versucht sie, als besondere Kostbarkeit zu empfinden.

Was sagt die Bibel über unsere Lebenszeit?

Lebe jeden Tag so, als wäre er dein letzter. Auch in der Bibel gibt es Gedanken, die in diese Richtung gehen. Eine Stelle steht in Psalm 90: „Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Daraus spricht dieselbe Einsicht: Jeder Moment zählt.

Die Conditio Jacobaea und die Zukunft

Ein zweiter Gedanke hat einen lateinischen Namen: „sub conditione Jacobaea“. Unter der Bedingung des Jakobus. Gemeint ist ein Abschnitt aus dem Jakobusbrief im Neuen Testament.

Was wird morgen sein?

Darin steht: „Ihr sagt: Wir wollen in die Stadt gehen und Handel treiben und Gewinn machen – und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Dunst seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.

So Gott will und wir leben

Stattdessen sollt ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies und das tun.“ (Jakobus 4,15)

Das ist die Conditio Jacobaea: So Gott will und wir leben.

Wem gehört unsere Zeit?

Wer so lebt, respektiert: Wir besitzen die Zeit nicht. Alles ist uns nur auf Zeit geliehen. Mich beeindruckt das. Trotzdem kann ich nicht so leben.

Muss jeder Tag außergewöhnlich sein?

Ich kann nicht ständig denken: Dieser Tag könnte mein letzter sein. Wenn das so wäre, würde ich wahrscheinlich alles stehen und liegen lassen, rausgehen und irgendetwas Verrücktes tun, etwas, das meinen letzten Tag zu einem ganz besonderen macht.

Der Wert des ganz normalen Alltags

Aber ich kann nicht jeden Tag im Ausnahmezustand verbringen. Ich brauche und liebe meinen Alltag. Manchmal trottet er dahin. Vieles ist eingespielt. Manche Aufgaben nerven und machen mich gereizt.

Wenn ich wüsste: Heute ist mein letzter Tag, würde ich nicht nur verrückte Sachen machen. Ich würde den Menschen in meiner Nähe nur nette Worte sagen. Das nehme ich mir oft vor.

Wenn Worte verletzen

Aber das klappt nicht jeden Tag. Ich sage Unbedachtes oder Verletzendes. Ich streite mich mit meinem Mann über Kleinigkeiten. Vielleicht werde ich einmal erschrecken: „O Gott, und das Letzte, das ich zu ihm gesagt habe, war: Du bist schon wieder zu spät.“

Auch das Gewöhnliche gehört zum Leben

Aber all das macht Leben aus. Das Nervige und Langweilige gehört dazu genauso wie das Außergewöhnliche und Sensationelle. Mal sehen, was davon dieser neue Tag bringt. So Gott will und wir leben.