hr2 ZUSPRUCH
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Eine Frau mit langen, dunklen Haaren lächelt in die Kamera. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und eine graue Jacke. Der Hintergrund ist neutral und hellgrau. Die Aufnahme wirkt freundlich und professionell.

Eine Sendung von
Kathrin Landwehr-Martin,
Regionaljugendreferentin Katholisches Jugendbüro Oberhessen, Alsfeld

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Zwei Marienkäfer auf einer Pflanze

Glück lässt sich essen

Immer wenn ich ein asiatisches Restaurant betrete, geht mein Blick automatisch zur Theke. Meine Augen scannen dann die ganze Ablage von links nach rechts und wieder zurück: ein lachender Buddha, Servietten, eine Winke-Katze, Zahnstocher, verschiedene Soja-Saucen. 

Aber ich suche etwas ganz Bestimmtes: Sie liegen in Goldfolie verpackt meist übereinandergestapelt in einer Schale: Glückskekse! 

Vorfreude ist die schönste Freude

Schon während ich esse freue ich mich immer darauf, nach dem Bezahlen von der Bedienung einen Glückskeks geschenkt zu bekommen. Der Keks selbst ist mir zu hart. Den verschenke ich meistens. 

Mir geht es vor allem um den Zettel im Keks! Mit Sprüchen darauf, wie zum Beispiel „Sie sind für ein Abenteuer zu haben.“ oder „Ein lang ersehnter Durchbruch kündigt sich an.“ 

Die Sprüche kommen mir manchmal etwas albern vor. Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich die kleinen Zettelchen nicht einfach wegwerfe, sondern sie wochenlang in der Handtasche mit mir herumtrage. Oder sie fahren mit mir im Auto mit. Und immer wenn gerade Zeit ist, denke ich über einen möglichen tieferen Sinn der Sprüche nach. 

Mein Opa hat das Glück gegessen

Ich erinnere mich noch gut an eine Begebenheit, als ich mit ein paar Familienmitgliedern chinesisch essen war. Am Ende unseres Mittagessens bekamen wir alle den von mir ersehnten Glückskeks überreicht. 

Jeder von uns hat sich über das kleine Geschenk gefreut und gleich angefangen, den Keks auszupacken und drauf loszuknabbern. Dann haben wir uns gegenseitig unsere Sprüche vorgelesen. 

Nur mein Opa blieb stumm. Was war passiert? Anstatt aus dem Keks den Spruchzettel herauszuholen, hat Opa den Glückskeks aus Versehen komplett aufgegessen – mitsamt dem Zettel. 

Einerseits fanden wir es lustig, andererseits waren wir auch etwas besorgt. Aber zum Glück gab es keine Komplikationen. Der Zettel ließ sich gut schlucken und verdauen. Und mein Opa saß auf seinem Stuhl und lächelte vor sich hin. 

Was ist eigentlich Glück?

War es ihm bewusst, dass er gerade ein klein wenig Glück verschluckt hatte? 

Was ist eigentlich Glück? Ist Glück groß und unübersehbar? Oder kann Glück auch klein und unscheinbar sein, dass man es auch mal übersieht? Liegt das Glück auf der Straße oder muss ich danach suchen? 

Vielleicht hat es mein Opa – ohne dass es ihm bewusst war – genau richtig gemacht: Ich stelle mir vor, der gesamte Keks mitsamt dem Zettel wäre das Leben. Anstatt akribisch nach dem Zettel, dem Glück, zu suchen, hat mein Opa alles komplett aufgegessen. Er hat sozusagen das komplette Leben genossen. Mit allem, was dazu gehört. 

Wenn ich meinen Opa nach seinem eigenen Leben fragen würde, würde er wahrscheinlich antworten: Ich hatte ein erfülltes Leben. Es hat mir geschmeckt!