hr2 ZUSPRUCH
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Becker, Michael

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Kassel

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Eine überraschende Antwort

Gesprochen von Claudia Rudolff

Erst kam der Hochzeitstag. Der neunzehnte. Sie feierten im kleinen Kreis. Gemütlich und einen ganzen Abend lang. 

Diagnose: Krebs

Am nächsten Tag dann hatte sie so ein seltsames Gefühl. Weil sie selber Ärztin ist, wusste sie nach ein paar Tagen: Das geht nicht mehr einfach weg. Also ging sie zum Arzt. Ein Freund von früher in der Klinik Der untersuchte sie gründlich. Und sagte das Wort, das auch in ihrem Kopf war. Aber nur ganz weit hinten: Krebs. 

Welche Auswirkungen hat eine Krebsdiagnose auf den Alltag, die Arbeit, und die Beziehung zum Partner?

Mit dem Wort kam die Angst. Nicht so richtig, nicht schwarz oder laut. Die Angst war eher grau. Sie schlich so bedrückt durch den Tag. Eine Weile arbeitete sie noch. Später nur noch halbtags. Ihr Mann half mehr als früher. Sie sprachen wenig über die Krankheit. Bis sie merkte: ihre Angst hatte auch mit ihm zu tun. Was macht das mit dem Gesunden, fragte sie sich, wenn die andere krank ist. Und nicht mehr so kann wie früher. Die Kinder waren wie immer. Manchmal fragten sie etwas. Aber meistens waren sie herzlich. Aber der Mann - sie meinte immer, da sei etwas zwischen ihnen. Etwas Unausgesprochenes. Ein bisschen wie eine Nebelwand. Die kommt ja immer, wenn man reden müsste und es nicht tut. Aber dann doch. Sie fragte ihn, wie das denn so ist für ihn mit der Krankheit und der Liebe. Ganz einfach fragte sie das.

Die Sprache der Liebe in Krisenzeiten – Warum seine einfache, klare Botschaft "Ich liebe Dich, nicht Deine Gesundheit" so gnadenlos kraftvoll wirkt. 

Ganz einfach antwortete er. Leicht ist das nicht, sagte er. Aber wir machen es doch ganz gut, oder? Und dann sagte er noch: Ich liebe ja nicht Deine Gesundheit oder Deine Krankheit, ich liebe ja Dich. Da fehlten ihr kurz die Worte. Sie schaute ihn nur an, ein paar Tränen im Auge. So schön ist das, sagte sie dann. Sowas Schönes hat noch niemand zu mir gesagt. Er machte sich schon wieder zu schaffen und räumte etwas in die Spülmaschine. Ist doch so, sagte er nur. 

Wie eine warme Umarmung und eine Wolldecke Trost schenken

Sie stand auf, umarmte ihn. Und er sie. Danke, sagt sie, holte sich eine Wolldecke vom Stuhl und legte sich aufs Sofa. Sie wollte ein bisschen schlafen. Tat sie auch. Aber nicht ohne vorher noch zu denken, wie schön seine Worte waren. Als habe der Himmel aus ihm gesprochen. Und Gott selber sie umarmt. Mit all seiner Menschliebe.