hr2 ZUSPRUCH
hr2
von Winterfeld, Charlotte

Eine Sendung von
Charlotte von Winterfeld,
Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

00:00
00:00

Die gestundete Zeit

Der Herbst beginnt. Ingeborg Bachmanns Gedicht von der gestundeten Zeit erinnert daran, dass Zeit nur geliehen ist. Ein Impuls über Vergänglichkeit und Vertrauen.

Kalendarisch hat der Herbst begonnen

Kalendarisch hat der Herbst gestern begonnen. Die Luft riecht anders, das Licht liegt tiefer. In den absoluten Hitzephasen dieses Sommers habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben nach dem Herbst gesehnt. Und doch: Herbstbeginn bedeutet trotzdem Ende des Sommers. Die Nächte werden länger, die Dunkelheit stärker. Das Laub verfärbt sich. Ein Zeichen von Vergänglichkeit.

Die gestundete Zeit von Ingeborg Bachmann

Die gestundete Zeit. So heißt ein Gedicht von Ingeborg Bachmann, einer österreichischen Schriftstellerin des 20.Jahrhunderts. Sie wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden. Ich lese ihr Gedicht von der gestundeten Zeit mehrfach und verstehe nicht alles. Aber so viel wird klar: Es geht um Vergänglichkeit: die Vergänglichkeit von Beziehungen, von Lebensphasen, von Natur.

Zeit, die mir nur geliehen ist

Die gestundete Zeit, das bedeutet: Zeit, die mir nur geliehen ist. Ein nachdenkliches Bild. Eigentlich stundet man Schulden, man gewährt einen Aufschub für die Zahlung. Doch ein solcher Aufschub dauert immer nur kurz: Irgendwann muss man zurückzahlen. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.

Zeit als begrenzt erfahren

So heißt es bei Bachmann. Zeit wird hier als begrenzt erfahren. Das Ende einer Beziehung taucht am Horizont auf. Oder das Ende der Lebenszeit. Oder eben das Ende des Sommers. Im Gedicht schwingen Traurigkeit und eine gewisse Hoffnungslosigkeit mit. Eine neue Lebensphase wird kommen, aber es wird härter als früher.

Sieh dich nicht um. Schnür deinen Schuh.

Und trotzdem sagt Bachmann: „Sieh dich nicht um. Schnür deinen Schuh." Das heißt: Du kannst nicht zurück. Also geh vorwärts und pack es an! Meine Zeit hier auf der Erde ist begrenzt, die Zeit der Menschen, die mir wichtig sind, ist begrenzt, der Sommer ist begrenzt. Meine Zeit ist nur geliehen. Von Gott an mich gegeben.

Meine Zeit steht in deinen Händen

In der Bibel hat jemand genau das in Worte gefasst und sagt: Meine Zeit steht in deinen Händen. Ich stelle mir vor, wie Gott meine vergangenen Stunden liebevoll in den Händen hält. Und jetzt bekomme ich die Stunden des Herbstes geliehen. Es gilt, sie zu füllen.
Und irgendwann ist meine ganze Lebenszeit vorbei.

Alle Stunden sind bei Gott gut aufgehoben

Dann werde ich hoffentlich meine Stunden in Gottes Hände legen und darauf vertrauen können: Alle Stunden sind bei ihm gut aufgehoben. Ingeborg Bachmanns Texte sind durch Sehnsucht und Leid geprägt. Und doch ist da irgendwie Gottvertrauen. Sie spricht von der „Rückkehr zum Grund".

Eine Begebenheit aus ihrem Leben

Dazu passt eine Begebenheit aus ihrem Leben: Ingeborg ist 18 Jahre alt. Der Krieg tobt. Die Russen sind schon vor Tür. Viele Nachbarn sind bereits durch Bomben getötet worden. Trotzdem geht Ingeborg nicht in den rettenden Bunker, wegen der schlechten Luft und der Menschenmassen. Stattdessen stellt sie sich einen Sessel in den Garten, öffnet ein Buch und sagt: „Ich habe mir fest vorgenommen, weiterzulesen, wenn die Bomben kommen."

Woher kommt eine solche Gelassenheit?

Woher nimmt ein junges Mädchen eine solche Gelassenheit? Ich weiß nicht, ob Ingeborg Bachmann das so gesehen hat. Aber ihre Haltung – weiterlesen, was auch geschieht – hat etwas von diesem Vertrauen: Die Zeit liegt nicht allein in meinen Händen.


Das Gedicht Die gestundete Zeit

Die gestundete Zeit
Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.
Bald musst du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort, er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um. Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück. Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen! Es kommen härtere Tage.
© Piper Verlag GmbH, München 1978
Aus: Die gestundete Zeit. 1953.