hr2 ZUSPRUCH
hr2
von Winterfeld, Charlotte

Eine Sendung von
Charlotte von Winterfeld,
Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

00:00
00:00
Eine junge Frau liegt entspannt auf einem Bett mit Kissen und liest ein Buch. Das Licht ist sanft und schafft eine angenehme Atmosphäre. Ihr Gesichtsausdruck zeigt Konzentration und Freude am Lesen.

Die Gefahr einer einzigen Geschichte

In vielen Schulen wird heute ein Video gezeigt, in dem eine nigerianische Schriftstellerin über die Macht von Geschichten spricht. Chimamanda Adichie steht vor einem Publikum und erzählt, wie Geschichten unser Bild anderer Menschen prägen können – und wie leicht wir dabei Vorurteile in uns hereinlassen.

Wie Kindheitserfahrungen Geschichten formen

Sie erzählt, wie sie als Kind früh angefangen hat zu lesen - und zu schreiben. Was sie damals las, waren britische und amerikanische Kinderbücher. Also schreibt sie ihre ersten Geschichten genauso: mit weißen, blauäugigen Kindern, die im Schnee spielen, Äpfel essen und darüber sprechen, wie schön es ist, wenn die Sonne scheint. Dabei lebt sie in Nigeria. Dort gibt es keinen Schnee. Man isst Mangos. Und das Wetter ist kein Thema, weil fast immer die Sonne scheint.

Von der „einzigen Geschichte“ zu vielen Perspektiven

Für Chimamanda Adichie sind Bücher und Geschichten also erst mal geprägt von weißen Menschen und ihrer Lebenswelt. Erst später entdeckt sie afrikanische Literatur und sieht: Geschichten können auch von ihr selbst handeln, von ihrem Land, ihrer Welt.

Eine Geschichte, die alles verändert: Fide und sein Korb

Eine Erinnerung erzählt sie besonders eindrücklich: „In dem Jahr, in dem ich acht wurde, bekamen wir einen neuen Hausdiener. Sein Name war Fide. Das Einzige, was meine Mutter uns über ihn erzählte, war, dass seine Familie sehr arm war… Deshalb hatte ich großes Mitleid mit Fides Familie. Dann, an einem Samstag, besuchten wir sein Dorf. Und seine Mutter zeigte uns einen wunderschön geflochtenen Korb aus gefärbtem Bast.“ Adichie ist verblüfft: Wie kann etwas so Schönes wie dieser Korb in so großer Armut entstehen? Bis dahin war die Armut das Einzige, was sie über Fides Familie wusste. Jetzt kam Bewunderung hinzu. Und sie begriff: Ich hatte nur eine einzige Geschichte über Fide. Sie war unvollständig.

Die Gefahr der „einzigen Geschichte“ im Alltag

Diese Gefahr einer einzigen Geschichte zieht sich durch ihr Leben. Später, beim Studium in den USA, hat sie eine nette Mitbewohnerin. Aber die kennt nur eine einzige Geschichte über Afrika aus Sicht der westlichen Welt. Für sie ist Afrika ein Ort voller schöner Tiere und Landschaften, aber auch von Kriegen, Armut und AIDS. Ein Ort, der darauf wartet, von freundlichen, weißen Menschen gerettet zu werden. Daher behandelt ihre Zimmergenossin Chimamanda Adichie mit gönnerhaftem Mitleid und traut ihr nicht einmal zu, einen Herd zu bedienen.

Wie Klischees die Würde verletzen können

Die Gedanken von Chimamanda Adichie haben mir die Augen geöffnet. Wenn ich nur eine einzige Geschichte über Mitmenschen kenne, sehe ich sie nicht wirklich, habe Klischees und Vorurteile im Kopf. Das nimmt ihnen ihre Würde. Es kommt darauf an, mehrere Geschichten zu kennen, sie nebeneinander stehen zu lassen. Nur so verlieren Klischees ihre Macht.

Was geschehen würde, wenn wir mehrere Geschichten kennen

Chimamanda Adichie fragt am Ende des Vortrags: „Was wäre, wenn meine Mutter uns erzählt hätte, dass Fides Familie arm und fleißig ist? Was wäre, wenn die Medien verschiedene afrikanische Geschichten in der ganzen Welt verbreiten?“
Und die Schriftstellerin schließt mit einem Satz, der mich sehr berührt: „Wenn wir realisieren, dass es niemals nur eine einzige Geschichte gibt, … dann erobern wir ein Stück vom Paradies zurück.“