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Bonacker, Dr. Marco

Eine Sendung von

Katholischer Leiter der Abteilung Bildung und Kultur im Bischöflichen Generalvikariat Fulda

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Ein Frau steht in einem verwüsteten Wohngebiet.

Der Heilige von Urakami

Während einer Japanreise vor wenigen Monaten hatte ich eine beeindruckende Begegnung. Es war keine Begegnung in Fleisch und Blut, sondern ich traf auf eine historische Persönlichkeit, die eng mit einem der dunkelsten Kapitel der jüngeren japanischen Geschichte verbunden ist: dem Atombombenabwurf von Nagasaki. 

Am 9. August 1945 um 11:02 Uhr flog ein amerikanischer B-29-Bomber den bisher letzten Atombombenangriff der Geschichte und es traf Nagasaki. Über 70.000 Menschen starben direkt bzw. innerhalb weniger Tage, weitere 79.000 Menschen waren verletzt. Ganze Wohnviertel waren dem Erdboden gleichgemacht. Wer im direkten Epizentrum war, ist einfach verglüht. Das Grauen, das dort durch die Bombe ausgelöst wurde, ist kaum vorstellbar. Das Ziel und die Folge war die bedingungslose Kapitulation Japans, die am 15. August 1945 durch den bis dahin gottgleichen Kaiser Hirohito per Radioansprache verkündet wurde.

Vom Zweifel zum katholischen Glauben

Und hier tritt nun die Persönlichkeit ins Licht der Geschichte, die ich vor meiner Japanreise noch gar nicht kannte: Takashi Paul Nagai. Ein japanischer Arzt. Der Tod seiner Mutter konfrontierte ihn mit den Fragen nach der Unsterblichkeit der Seele und dem ewigen Leben. Durch die Lektüre der Penseés, geschrieben vom Philosophen Blaise Pascale, erwachte sein Interesse am Katholizismus. Er suchte den Kontakt zu einer katholischen Familie, um mehr vom Glauben zu erfahren. 1934 ließ er sich taufen. Auch lernte er seine spätere Frau Midori dort kennen, eine Tochter der Familie. Als sie lebensgefährlich erkrankte, rette er ihr das Leben. Durch Schnee und Eis brachte er sie ins Krankenhaus.

Unermüdliche Hilfe

Sein Plan, Arzt zu werden, musste er kurzfristig begraben, als er nach einer Mittelohrentzündung auf einem Ohr taub wurde. Doch die neuen Entwicklungen der Radiologie eröffneten ihm dann doch noch einen Weg in die Medizin und er wurde zu einem der wissenschaftlichen und klinischen Vorreiter der Radiologie in Japan. Für Nagai war das Mitleiden mit den Patienten Teil seines ärztlichen Ethos und die damals noch unzureichenden Schutzmaßnahmen in der Radiologie zeigten bald negative Folgen bei ihm. Er entwickelte eine strahlenbedingte Leukämie.

Zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs arbeitete Nagai im Krankenhaus der Hochschule Nagasaki und half unzähligen Opfern und Schwerverletzten. Zwei Tage nach dem Abwurf der Atombombe konnte er zu seinem völlig zerstörten Haus gelangen, in dem er nur noch die verkohlten Überreste seiner Frau Midori und ihren Rosenkranz fand. Er begrub sie und arbeitete dann bis zum persönlichen Kollaps und half weiter den Opfern des Abwurfs.

Vergebung und Versöhnung

Nach seinem Zusammenbruch wurde Nagai bettlägerig. Dankbare Patienten und Freunde bauten für ihn und seinen beiden überlebenden Kinder Makoto und Kayano aus den Trümmern eine kleine Hütte unweit der katholischen Kathedrale im Stadtteil Urakami. Für Nagai wurde es zu seiner „Einsiedelei“, in der er sein christliches Zeugnis als Schriftsteller weiterführte und Vergebung und Versöhnung in den Vordergrund stellte. 

Das japanische Sprichtwort „Hiroshima beschwert sich - Nagasaki aber betet“ geht auch auf ihn zurück. Im Volksmund wurde Nagai schon zu Lebzeiten „der Heilige von Urakami“ genannt. Viele Schüler*innen aus ganz Japan besuchen noch heute seine Hütte, die inzwischen ein Museum ist. Am 3. Februar 1908 wurde Nagai in Matsue geboren. Vielleicht erkennt die Katholische Kirche ihn zu seinem 120. Geburtstag ja auch offiziell als Heiligen der Kirche an!