Auf der Flucht
In manchen Krippendarstellungen, gerade in größeren Kirchen, kann man es jetzt im Januar und nach Dreikönig sehen: Maria, Josef und das Jesuskind sind nicht mehr im Stall von Betlehem, umgeben von Ochs und Esel, den Hirten und eben den drei Königen. Sondern Maria, Josef und das Kind sind auf dem Weg.
Auf der Flucht
Meistens sitzt Maria auf einem Esel und drückt das Jesuskind an sich. Josef führt den Esel. Die kleine heilige Familie ist nicht auf dem Weg zurück nach Nazareth, sondern: auf der Flucht. In der Bibel heißt es dazu: „Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten…; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“ (Matthäus 2,13)
Flucht gehört auch zur Familiengeschichte meiner Mutter
Schon lange berührt mich diese Darstellung: Jesus, das neugeborene Kind, das mit seinen Eltern fliehen muss. Mich erinnert das auch an die Fluchtgeschichte meiner eigenen Familie: Meine Mutter wurde in Oberschlesien geboren, in Tillowitz, zwischen Oppeln und Neiße. Als sie 12 Jahre alt war, musste sie mit ihrer Mutter und den fünf Geschwistern von dort fliehen, im eiskalten Januar 1945.
Ihre jüngsten Brüder, die Zwillinge, waren da gerade mal ein halbes Jahr alt. Meine Mutter ist schon lange verstorben, aber sie hat uns, als wir Kinder waren, von dieser Flucht erzählt. Davon, wie schwierig es war, genug zu essen und zu trinken aufzutreiben. Wie groß die Angst war, dass der Flüchtlingszug bombardiert wird. Und davon, wie die Familie schließlich in Österreich in Erdhütten hausen musste.
Eine berührende Reise
Dieses Jahr im Januar muss ich daran besonders denken. Im Herbst war ich zum ersten Mal in Tillowitz in Oberschlesien. An dem Ort, an dem meine Mutter ihre ersten zwölf Lebensjahre verbracht hat. Das hat mich sehr berührt. Aber auch ihre Fluchtgeschichte ist mir da noch mal besonders nahegekommen.
Wie das wohl gewesen sein musste, dieses Haus, diese Kirche, diese Heimat verlassen zu müssen, mit kaum etwas mehr als dem, was man tragen kann. Und in der Angst, dass man die Flucht vielleicht nicht überlebt.
Fliehen ist ein aktuelles Thema
Ich muss dabei auch an die Menschen denken, die heute fliehen müssen, vor Krieg oder immer öfter auch vor Klimakatastrophen. Wie vor 2000 Jahren das Jesuskind, wie vor 81 Jahren meine Mutter müssen sie alles zurücklassen, sind hungrig, heimatlos und riskieren ihr Leben.
Ich will nicht aufhören, mit diesen Menschen auf der Flucht Mitleid zu haben. Ich will nicht, dass wir uns in Europa abschotten gegenüber Flüchtlingen.
Und es macht mir Sorge, dass über Flüchtlinge oft so schlecht und pauschalisierend gesprochen wird. Es sind Menschen in großer Not. Viele bei uns müssten das doch eigentlich wissen, aus ihrer Familiengeschichte oder eben aus der Bibel. Maria, Josef und das Jesuskind auf der Flucht nach Ägypten: Sie sind für mich ein Bild für die Flüchtlinge damals und heute.