Palmsonntag: Vom Kopf ins Herz finden
Da sitzen sie alle miteinander am Tisch in großer Runde: Jesus, seine Jünger und andere Männer und Frauen. Simon, der Hausherr, hat sie eingeladen. Gespräche gehen hin und her - über das, was sie wenige Tage zuvor erlebt haben. Jesus war in Jerusalem eingezogen. Ganz bewusst nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Esel, dem Reittier der kleinen Leute. Und trotzdem – oder gerade deswegen - hat die Menge ihm zugejubelt. Sie haben Zweige von den Palmen abgeschlagen und auf dem Boden vor ihm ausgebreitet. Manche haben sogar ihre Kleider auf die Straße gelegt. Damit er darüber schreitet wie über einen roten Teppich. Ein Einzug in die Stadt Jerusalem, wie er einem Großen gebührt, einem Mächtigen, einem König! Ein Einzug unter dem Jubel und Begeisterung.
Palmsonntag: Gottes Gegenwart in stillen Momenten entdecken
Und dann die Stille danach. Genau darum geht es heute am Palmsonntag in dieser Morgenfeier. Um leise Gesten und unscheinbare Momente, in denen sich zeigt, was Liebe und Nähe wirklich bedeuten. Gottes Gegenwart zeigt sich gerade dort, wo niemand mehr applaudiert – im Stillen, im Persönlichen, wenn man sich einem anderen zuwendet. Aber am Tisch damals mischt sich in die Gespräche etwas anderes: die großen Erwartungen. Sie reden über die Hoffnungen, die sie mit Jesus verbinden. Die Hoffnung, dass sich etwas ändert. Die Hoffnung, dass es bald aus sein wird mit der Fremdherrschaft der Römer. Die Hoffnung, dass Jesus sich selber zum König ausrufen lässt, zum König des Volkes, das ihm schon jetzt zujubelt. Und dass er ein anderer, ein besserer Herrscher sein wird als die, die jetzt an der Macht sind.
Erwartungen an Jesus: Kein Machtkönig, sondern Weg der Liebe
Ihnen fällt auf, wie merkwürdig still Jesus bei all dem Jubel und Trubel bleibt. Kein Wort spricht er. Er hält keine große Rede. Auch beim Einzug in Jerusalem hat er keine triumphierende Geste gemacht, nicht huldvoll die Menge gegrüßt, wie man es von anderen Herrschern gewöhnt ist. Nichts davon zu sehen, dass ihm der Jubel, das Bad in der Menge gefiel. Kein Versuch von ihm, die Stimmung auszunutzen und daraus politischen Einfluss zu ziehen. Still und in sich gekehrt ist Jesus. Die Jünger fragen sich womöglich: Warum bleibt Jesus so ruhig inmitten all der großen Erwartungen? Sie erinnern sich an seine Worte über Gottes Reich, über Nächstenliebe. Doch dann geschieht etwas, das alles verändert. Die Musik führt zu diesem Augenblick.
Musik: Joh. Seb. Bach, aus: Französische Suite Nr. 5 Bwv 816 Sarabande, Bach, Vivaldi, Händel ( Frankfurter Gitarrenduo)
Eine unbekannte Frau sucht Nähe: Glauben ohne Einladung
Da sitzen sie alle in großer Runde um den Tisch, mitten in ihren Gesprächen, Jesus, seine Jünger. Und auf einmal wird es ganz still. Von allen unbemerkt ist eine Frau hereingekommen und hat es irgendwie geschafft, bis zu Jesus vorzudringen. Sie gehört hier nicht dazu. Schon gar nicht zum engeren Kreis der Frauen und Männer, die sich zu Jesus halten. Niemand kennt sie. Niemand weiß, woher sie auf einmal kommt. Sie tritt ganz nahe an Jesus heran. Distanzlos eigentlich, sich einem Fremden einfach so zu nähern – ohne Worte; ohne ein „Entschuldige bitte, darf ich…?“
Salbung in Bethanien: Ein Fläschchen Duftöl und ganz viel Liebe
Auf einmal ist es ganz still geworden in dem Raum. Und alle schauen auf das, was dann geschieht: Sie hat ein Fläschchen mit Duftöl mitgebracht. Und sie bricht dem Fläschchen die Spitze ab, lässt das kostbare Öl heraustropfen und auf Jesu Kopf rinnen. Ganz sacht und behutsam massiert sie es ein. Ganz still ist es jetzt im Raum. Als wären diese Frau und Jesus für einen Moment ganz allein.
Sehnsucht nach einem Gott, der ins Herz sieht
Und zugleich beginnen die Gedanken in den Köpfen zu rasen. Warum hat diese Frau ein Vermögen dafür ausgegeben, um Jesus mit Duftöl zu massieren? Tut sie es aus Bewunderung? Aus Dankbarkeit? Oder aus purer Zuneigung? Ich glaube, sie hat gespürt, dass Jesus eine besondere Verbindung zu Gott hat, den er „Abba“ nennt, so wie Kinder ihre Eltern „Papa“ oder „Mama“ nennen – voll grenzenlosem Vertrauen. Sie hat erlebt, dass viele in der Begegnung mit Jesus spüren, dass Gott ihnen ganz nahe ist. Und dass diese Nähe wohltuend ist, kein Grund ist, sich zu fürchten. Ich kann mir vorstellen, sie hat gedacht: Endlich einer, der nicht mit Gesetzen, mit Geboten und Verboten kommt, die ich nicht halten kann. Endlich einer, der verspricht, dass Gott vor allem liebevoll ins Herz sieht.
Zwischen Palmsonntag-Jubel und drohendem Hass: Sie ahnt Karfreitag
Vielleicht ist sie auch dabei gewesen, als er auf dem Esel in Jerusalem ankam und hat die jubelnden Menschen gesehen. Und die kopfschüttelnden auch. Und die versteinerten Mienen der Mächtigen, die als Zuschauer dabeistanden. Und hat geahnt, dass Jubel schnell umschlagen kann in Hass. Vielleicht hat sie zuvor schon miterlebt, dass viele Menschen zu Jesus kamen, weil sie etwas von ihm wollten: einen Rat; eine Antwort auf ihre Fragen; große Worte und Taten, Wunder vielleicht sogar.
Mehr geben als nehmen: Ein kostbares Geschenk für Jesus
Und sie hat gerade deshalb in sich den Wunsch verspürt, Jesus etwas zu geben. Da ist ihr das Öl eingefallen, dieses kostbare Fläschchen, das sie für einen besonderen Moment aufgehoben hatte, ohne zu ahnen, welcher das sein sollte. Jetzt ist er da, dieser besondere Moment. Und sie hat alle Hemmungen und alle Scheu überwunden, sich diesem fremden Mann zu nähern. Weil sie spürt, das ist für sie richtig. Jetzt ist der Moment, Jesus einfach nur etwas Gutes zu tun – und sie will ihm das Kostbarste geben, was sie besitzt.
Musik: Komponist: k.A., Wohl denen die da wandeln, Morgenlicht - Kirchenlieder & Choräle (Rundfunkchor Berlin Jörg Strodthoff, Simon Halsey)
Ein Augenblick Frieden: Jesus kann einfach mal nur da sein
Als die Frau Jesus mit dem kostbaren Öl salbt, ist das ein intimer Moment. So, als wären sie für einen Moment ganz allein. Ich stelle mir vor: Jesus schließt die Augen, atmet ganz ruhig und ist in diesem Moment entspannt. Es ist für ihn ein Moment echten Friedens.
Jesu Weg in der Karwoche: Keine Gewalt, sondern Liebe – auch zu Feinden
Den Jubel der Menge hat er noch im Ohr. Aber Jesus weiß, dass er ihre Erwartungen enttäuschen wird, ja enttäuschen muss. Er kommt nicht als mächtiger Herrscher, der den Kampf aufnimmt, dreinschlägt und aufräumt und so Gerechtigkeit und Frieden schafft. Er wird auf Gewalt nicht mit Gegengewalt antworten, auf Unrecht nicht mit wieder neuem Unrecht. Das ist nicht sein Weg. Er will einen anderen Weg gehen: den Weg der Liebe; den Weg der Liebe - selbst gegenüber den Feinden. Die Macht der Liebe ist seine einzige Macht; die Macht, die Gott ihm gegeben hat.
Einsamkeit, Angst, Trost: Jesus als verletzlicher Mensch vor Karfreitag
Jesus wird in diesen Tagen Einsamkeit gespürt haben. Und auch Angst vor dem, was kommt. Dann, wenn die Jubelrufe in Wutgebrüll und Hassgeschrei umschlagen werden. Wenn das Todesurteil über ihn gesprochen wird und alle sich abwenden. Wenn er sterben wird – von der Menge verspottet, von den Freundinnen und Freunden verlassen – allein. In wenigen Tagen wird das geschehen. Aber jetzt, in diesem Moment, ist es anders. Jetzt ist diese Frau da, die nichts von ihm will; die nichts von ihm für sich erwartet. Sondern die ihm einfach etwas Gutes tun will. Jesus hat das vermutlich selten das erlebt, dass jemand ganz für ihn da ist, für ihn, der sonst alles für andere gibt.
Gesehen werden: Jesus braucht Menschen, nicht Bewunderer
Er hat selten erlebt, dass da jemand ist, der in ihm nicht einen Helden sieht, einen Superstar oder eine Art Halbgott. Sondern einen Menschen; mit Hoffnungen und Ängsten; mit Fragen und Zweifeln; arm, müde, abgeschafft. Einen Menschen, der liebevolle Zuwendung, Verständnis und Trost braucht. Und in diesem Moment, in dem es ganz still geworden ist, in dem die Zeit stillzustehen scheint, da ist alles gut.
Musik: Joh. Seb. Bach, aus: Wohltemperiertes Klavier Präludium C-Dur Arr. Für Harfe, Morgenlicht - Kirchenlieder & Choräle (Maria Todtenhaupt)
„Verschwendung“ oder Nächstenliebe? Wenn die Vernunft den Taschenrechner zückt
Aber dieser Moment, in dem alles gut ist, geht vorüber. Und plötzlich sind die anderen wieder da. Einige am Tisch können das nicht mit ansehen – diese ganze Verschwendung, diese Liebe ohne Hintergedanken. Was für eine Verschwendung! Der pure Luxus! Was hat dieses Fläschchen Duftöl gekostet! Was hätte man mit dem Geld doch alles Vernünftiges anfangen können! Für soziale Zwecke hätte man es ausgeben können! Wie viele arme Leute hätten davon eine Weile satt werden können! Sie haben Recht, die Leute, die so denken und auch so reden. Ihre Argumente sind einleuchtend. Jesus widerspricht ihnen nicht.
„Arme habt ihr allezeit“: Verantwortung für die Welt – und für den Moment
Jesus sagt aber das: „Arme habt ihr alle Zeit. Aber mich nicht.“ Jeden Tag könnt ihr den Armen Gutes tun. (Markus 14, 7) Versteht mich nicht falsch: Es ist gut, dass ihr das als eure Verantwortung erkennt. Dass Ihr an die Armen denkt und ihnen Gutes tut. Arme habt ihr all Zeit. Mit diesem Satz beschreibt Jesus die Welt, wie sie ist. Nüchtern und ohne Illusionen. Er erkennt auch an, dass Menschen Verantwortung dafür haben, das Mögliche zu tun, um die Welt zum Guten zu verändern. All das hat seine Zeit.
Ein einmaliger Kairos: Die Frau salbt Jesus im Voraus zu seinem Begräbnis
Aber jetzt ist eine andere Zeit. Jetzt ist dieser ganz besondere Moment, als die Frau ihm das kostbare Öl auf die Stirn träufelt. Jesus sagt noch mehr: „Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“ (Markus 14, 7-8) In diesem Moment geht es nicht darum, etwas an der Welt zu ändern und Geld für die Armen zu spenden. Jetzt geht es nicht um soziale Verantwortung und um Wohltätigkeit. Jetzt, in diesem Moment, geht es um etwas anderes.
Jesus als einer der Armen: Gott in der Verwundbarkeit entdecken
Jetzt hat diese Frau begriffen, wer Jesus ist und was er für sie bedeutet. Jetzt, in diesem Moment hat sie erkannt, dass Jesus selber einer der Armen ist. Und dass er uns gerade dadurch Gott nahebringt. Das hat jene unbekannte Frau begriffen. Sie hat in Jesus den Menschen gesehen; den Armen, dem man etwas Gutes tun kann. Sie war einfach bei ihm, war für ihn da. Sie hat ihm gezeigt, wie wichtig er für sie ist und wie sehr sie ihn schätzt.
„Du bist wichtig für mich“: Was wir einander Gutes tun können
Sie hat in Jesus den Menschen gesehen, der andere Menschen braucht. Er ist darauf angewiesen, dass andere für ihn da sind, dass andere ihm Gutes tun, dass andere ihm zeigen: Ich bin für dich da. Du bist wichtig für mich. Und sie hat gemerkt: Jesus ist etwas ganz Besonderes. Bei ihm fühlt sie sich Gott richtig nah. Deshalb will sie ihm – und damit auch Gott – etwas richtig Wertvolles schenken. Dafür ist ihr nichts zu kostbar.
Musik: Komponist: k.A., Bei Dir Jesu will ich bleiben, Lobe Den Herren, Den Mächtigen König - CD01 (ERF Studiochor Yukio Imanaka )
„Zu ihrem Gedächtnis“: Warum Jesus diese Frau nie vergessen wissen will
Als die unbekannte Frau Jesus mit dem kostbaren Öl beschenkt, ist das ein besonderer Moment. Die Frau hat sich dabei so unvernünftig, so verschwenderisch gezeigt. Ganz still war es geworden im Raum. Auch die Stimmen der Vernunft sind in diesem Moment verstummt. Welche Bedeutung dieser Moment für Jesus hatte, sagt er am Ende selber: „Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“ (Markus 14, 9)
Gott sieht das Verborgene: Eine namenlose Frau, die Geschichte schreibt
Damit hat er dieser unbekannten Frau, deren Namen wir bis heute nicht erfahren haben, seinerseits Ehre und Dankbarkeit erwiesen. Weil sie in ihm einen Menschen gesehen hat, der Nähe und Zuwendung braucht. Und das konnte und wollte sie ihm geben. Ohne zu fragen, ob es vernünftig war oder angemessen. Sie muss gespürt haben, dass sie dadurch ganz nahe bei Gott war.
Glaube im Alltag: Großzügigkeit annehmen und zulassen
Ich frage mich, wo für mich solche Momente sind, in denen ich mich Gott ganz nahe fühle. In denen alles gut ist. Solche besonderen, kostbaren Momente. Momente, in denen die Stimmen der Vernunft einmal schweigen und die Stimme des Herzens mich leitet. Ich bin natürlich nicht Jesus. Aber ich frage mich: Warum fällt es mir manchmal so schwer, wenn mir jemand etwas Gutes tun will? Jemand, der mir zeigen möchte: Ich mag dich, du bist mir wichtig. Vielleicht ein Geburtstagsgeschenk, das mir fast ein bisschen zu großzügig ist. Ein etwas zu groß geratenes Geburtstagsgeschenk vielleicht. Oder jemand sagt richtig laut „Danke!", wenn ich jemand geholfen habe, dass es mir fast peinlich ist. Ich finde das oft schwer, einfach anzunehmen – ohne schlechtes Gewissen, ohne mich zu genieren. Aber man muss es doch nicht immer klein und vernünftig halten. Es darf doch auch mal richtig herzlich sein.
Kleine Gesten, große Liebe: Beispiele verschwenderischer Nächstenliebe
Und wenn ich mich einmal in die Rolle der Frau versetze: Es gibt sie doch auch für mich, diese besonderen Momente, in denen ich „unvernünftig“ oder verschwenderisch bin – ohne schlechtes Gewissen. Da gebe ich dem Mann, der mich auf der Straße anbettelt, mehr, als es eigentlich üblich und vernünftig ist. Da fällt der Dankeschön-Blumenstrauß für die Nachbarin, die sich im Urlaub um unser Haus kümmert, etwas größer aus als gewöhnlich. Da sitze ich mit einer guten Freundin am Tisch und rede über das, was sie gerade beschäftigt und vergesse die Zeit und muss deswegen einen Termin verschieben.
Nähe Gottes spüren: Wenn im Hier und Jetzt nur dieser Mensch zählt
Kostbare Momente der Nähe. Zwischen mir und anderen – und damit auch zwischen mir und Gott. In denen es nicht ums Große Ganze geht, sondern nur um das Hier und Jetzt und um diesen einen Menschen und mich. Momente, in denen nicht die Vernunft regiert, sondern das Herz. Und die berechtigten Einwände der Vernunft, die ich von mir selber kenne? Auch die haben ihren Ort und ihre Zeit. Und dann ist gut, wenn ich die Worte Jesu nicht vergesse: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)
Musik: Komponist: k.A., Ich lobe meinen Gott, Morgenlicht - Kirchenlieder & Choräle (Rundfunkchor Berlin Jörg Strodthoff, Simon Halsey)