Kleiderwechsel in Krisenzeiten!
Wir leben in schwierigen Zeiten: Die Friedensordnung, die nach 1945 einen großen Krieg in Europa verhindert hat, ist durch den russischen Überfall auf die Ukraine zerbrochen. Im Inneren steht die Demokratie unter Druck, nicht nur in Deutschland. Manche fragen sich: Ist die Demokratie noch in der Lage, die anstehenden Probleme zu lösen? Oder brauchen wir eine Autokratie mit starken Führern?
Zuversicht wächst, wenn Menschen das Gefühl haben: Unseren Kindern und Enkelkindern wird es einmal gut, vielleicht sogar besser gehen als uns. Da sind viele zurzeit unsicher. Können wir als Christenmenschen etwas dafür tun, dass sie in ihrer Hoffnung gestärkt werden? Was kann der christliche Glaube dazu beitragen, dass Menschen neue Kraft schöpfen und zuversichtlich nach vorn schauen?
Ein Bild, das Mut macht: Alte Kleider ausziehen, neue anlegen
Im biblischen Rundschreiben an die christliche Gemeinde in Ephesus finde ich eine Antwort, die auch heute hilfreich und aktuell ist.
Paulus schreibt: „Ja, ihr könnt etwas tun: Übernehmt Verantwortung! Und fangt bei euch selbst an: Zieht die alten Kleider aus – und legt neue an!“
Ein Kleiderwechsel steht an: Tretet ein in Gottes Haus. Gott erwartet euch schon im Flur. Gott hilft euch heraus aus dem Mantel der der Sorgen – und hält euch ein neues Gewand hin. Zieht es an und spürt, wie es euch schön macht und stärkt! Das strahlt aus; das macht auch anderen Mut!
Musik 1: Alexander von Zemlinsky, Trio d-moll, op. 3, 1. Satz: Allegro ma non troppo
Im Rundschreiben an die christliche Gemeinde in Ephesus wird ein Kleiderwechsel empfohlen. Wörtlich heißt es: legt von euch ab den alten Menschen, … und zieht den neuen Menschen an, der von Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit und Wahrheit. (Epheser 4, 22.24) Also legt alte Kleider ab und zieht solche an, die euer Gottvertrauen stärken und euch frei machen.
Was kann ein einzelner Mensch überhaupt bewirken?
Fast 2000 Jahre ist diese Antwort alt. Die Ermutigung zum Kleiderwechsel hat seitdem viel Resonanz gefunden. Aber ich verstehe auch, wenn Menschen daran zweifeln und sich fragen: „Was kann ein einzelner Mensch, was kann ich schon tun in den aktuellen Konflikten? Außer zuschauen oder auf die anderen oder die da oben schimpfen – oder weglaufen?“
Ich bin sicher: Solche Fragen haben die Christenmenschen in Ephesus auch gequält. Sie lebten unter römischer Herrschaft. Pax Romana hieß das, römischer Friede! Was für eine Verdrehung der Wahrheit, was für eine zynische Bezeichnung!
Christlicher Glaube als Gegenentwurf zur Herrschaft der Angst
Denn von einem echten und gerechten Frieden konnte keine Rede sein: Wer frei seine Meinung äußerte und nicht gehorchte, riskierte sein Leben. Wer sich gegen die Sklaverei engagierte, wer protestierte, wenn die Bevölkerung mit Steuern und Abgaben ausgepresst wurde, wer die Schwachen stärkte und die Starken kritisierte; wer versuchte, die Welt besser, gerechter zu machen, war in großer Gefahr.
Ein Kleiderwechsel, wie Paulus ihn vorschlug, war riskant. Christenmenschen wurden verfolgt, weil sie nicht bereit waren, den Kaiser anzubeten. In jeder Person, der sie begegneten, sahen sie ein Geschöpf Gottes: einen Menschen! Ob fremd oder einheimisch, ob stark oder schwach, Mann oder Frau, begabt oder eingeschränkt, jeder Mensch ein Geschöpf Gottes – eine Person mit einer eigenen Würde! Ein Glaube, der sich dagegen wehrt, Menschen zu sortieren, die einen auf- und die anderen abzuwerten. Aus einem solchen Glaube zu leben, war damals und ist heute an vielen Orten gefährlich.
Eine Gemeinschaft, die zusammenhält
Aber ihr Gottvertrauen machte die Christenmenschen mutig und frei und verband sie zu einer Gemeinschaft: Sie hielten zusammen; sie sorgten füreinander, aber auch für andere, die es nötig hatten, auch außerhalb der Gemeinde. Diese Verbindung von persönlicher Freiheit, Gemeinschaft und der Sorge für Gerechtigkeit forderte die Herrscher heraus. Das war ein Gegenbild zu einer gespaltenen Gesellschaft, in der sich das Lügen lohnte; in der jede und jeder zuerst an sich denken sollte; in der die Reichen und Starken die einfachen Leute, die Armen und Kranken verachteten.
Musik 2: Alexander von Zemlinsky, Trio d-moll, op. 3 und Klavier), 1. Satz: Allegro ma non troppo
Wie gelingt der Kleiderwechsel heute?
Wechselt die Kleider: Legt den alten Menschen ab und zieht den neuen an! Ich frage mich: Wie geht das heute? Wie kann ich, wie können wir anders leben, wenn die Mehrheit um uns herum sich anders verhält? Was wird sich dadurch ändern? Wird uns hier nicht zu viel aufgelastet?
Das ist eine berechtigte Sorge. Das biblische Rundschreiben kennt sie. Es hält dagegen: Dieser Kleiderwechsel ist nicht zuerst euer Werk. Er ist zuerst Gottes Werk, durch das „ihr erneuert werdet“ (Epheser 4,23). Beim Ablegen des alten und beim Anlegen des neuen Menschen ist zuerst Gott aktiv.
Gott hilft uns beim Umkleiden
Im Glauben kommen wir zu Gott, in Gottes Haus. Die Türen sind offen; Gott erwartet uns schon, begrüßt und empfängt uns. Und streckt die Arme aus und hilft uns aus dem alten Mantel heraus. Und nimmt vom Haken einen neuen, schönen, schützenden Mantel und hilft uns hinein.
Wir müssen das Alte nicht allein ausziehen. Gott hilft uns heraus und hilft ins neue hinein. In Kleider, die uns aufrichten und stärken, die uns ermutigen, neue Schritte miteinander und aufeinander zuzugehen.
Was bedeutet das ganz konkret?
Was für ein Bild! Gott hilft beim Umkleiden. Raus aus den alten Kleidern, in denen es dazu gehört zu lügen, solange es mir Vorteile bringt. In denen ich über andere herziehe, um selbst besser dazustehen. In denen ich immer mehr will, auch wenn andere dadurch weniger haben.
Raus aus den alten Kleidern, rein in die neuen: Auf einmal reden wir offen miteinander, mühen uns um Gerechtigkeit und gehen barmherzig und freundlich miteinander um. Ein neues Miteinander breitet sich aus. Wie sieht das konkret aus?
Musik 3: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Paulus, Nr. 26 „Wie lieblich sind die Boten“
Der erste Wechsel: Von der Lüge zur Wahrheit
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. (Epheser 4,25) Es ist interessant, dass dieser alte Text auch mit der Lüge anfängt. Viele Menschen fragen zurzeit: Was stimmt denn nun von den vielen Reden; was ist wahr?
Da gibt es Fake News und Bilder, die mit künstlicher Intelligenz verändert wurden. Die Zweifel wachsen, dass das, was wir lesen, hören oder sehen, die Wirklichkeit abbildet. Worauf kann ich dann vertrauen? Wenn die Wahrheit sich je nach Interesse verändert, dann sind Manipulation und Indoktrination Tür und Tor geöffnet; wie gelingen dann Beziehungen?
Können wir miteinander ehrlich streiten?
Der erste Wechsel von der Lüge zur Wahrheit zielt auf ein offenes, ehrliches und auch kritisches Miteinander in der Gemeinde. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir: ich habe es lieber harmonisch! Und wenn mich etwas bei anderen stört, neige ich dazu, eher vorsichtig zu reden. Ich will nicht verletzen, keinen unnötigen Streit provozieren. Aber wer sich in schwierigen Zeiten wie diesen auf andere verlassen will, kommt nicht umhin, Unterschiede offen anzusprechen und das Gespräch gerade mit denen zu suchen, die anders sind und anderer Meinung. Wir werden einander noch brauchen, wenn sich Konflikte weiter zuspitzen. Wir können uns nur aufeinander verlassen, wenn wir uns ehrlich sagen, wie wir einander und die Lage sehen.
Der zweite Wechsel: Wie gehen wir mit unserem Zorn um?
Der zweite Wechsel betrifft vor allem die Gefühle. Da steht der Zorn in der Mitte, weil er so mächtig werden kann; wir erleben das zurzeit. Zürnt, aber sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Der Zorn gehört zum Leben, das weiß die Bibel. Ich werde zornig, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, wenn etwas einfach nicht klappt. Dann ist es auch richtig, dass ich zürne.
Verständigung statt Verbitterung
Aber wenn uns der Zorn so packt, dass er uns überwältigt; wenn er in Hass umschlägt und uns auseinanderreißt, dann gilt es innezuhalten. Dann gilt es, einen Schritt zurückzutreten – vielleicht auf die andere Person zuzugehen, einen Ausgleich zu suchen, damit wir dann wieder gut schlafen können. Das geht vielleicht in der Familie; aber hilft das auch im öffentlichen Leben?
Musik 4: Alexander von Zemlinsky, Trio d-moll, op. 3, 2. Satz: Poco mosso con fantasia
In der Öffentlichkeit erleben wir gerade, wie populistische Parteien mit dem Zorn spielen und ihn nutzen, um die Stimmung anzuheizen. Dagegen ruft der Text: „Nein, gebt dem Teufel keine Gelegenheit!“ (Epheser 4,27), sondern zieht die Kampfkleider aus, legt weiße Gewänder an und sucht nach Wegen der Verständigung. „Kein verdorbenes Wort komme aus eurem Mund, sondern nur das gute, zur Erbauung nötige.“ (Epheser 4, 29)
Sehen wir im Anderen noch den Mitmenschen?
Der zweite Kleiderwechsel redet die Probleme und Konflikte nicht klein, aber er will die Macht der Gefühle begrenzen, die uns auseinandertreiben. Seht ihr noch, dass die anderen auch Wichtiges und Richtiges zu sagen haben? Seid ihr noch in der Lage, sie als eure Mitmenschen zu sehen?
Ich höre diese Aufforderung, den Zorn zu begrenzen, auch als Ermutigung und Aufforderung an uns als Kirchen auf andere zuzugehen, die in ihrem Zorn gefangen sind. Mit ihnen gemeinsam zu schauen, ob sich nicht eine Tür öffnen lässt, die ins Freie führt: Dazu muss das, was zurecht zornig macht, angesprochen und verändert werden können; aber aus Wut und Zorn dürfen nicht neues Unrecht und neuer Hass wachsen.
Der dritte Wechsel: Verantwortung für andere übernehmen
Der dritte Wechsel betrifft das soziale Mit- und Füreinander. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Was hat das mit mir zu tun? Ich habe doch nicht gestohlen und stehle nicht!
Ich glaube, diese Forderung, die nur hier in der Bibel erhoben wird, soll unseren Blick und unsere Verantwortung weiten. So wie es damals Sklavinnen und Sklaven gab, von deren Ausbeutung auch die Menschen in den christlichen Gemeinden profitierten, so lebe auch ich heute davon, dass Menschen in vielen Ländern dieser Erde unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten müssen, damit wir günstig einkaufen können, damit wir gut leben. Das ist auch eine Form von Diebstahl!
Leben wir auf Kosten anderer?
Die alten Kleider ablegen, heißt dann genau hinzuschauen: Woher kommen die Kleider, die wir tragen? Woher der Kaffee, aber auch die Milch? Wieviel verdient wer daran? Und was können wir tun, um „denen weiterzugeben, die es nötig haben“ (Epheser 4, 28)? In der gegenwärtigen Zeitenwende wird die humanitäre Hilfe immer stärker zurückgefahren. Dann heißt es: „Wir müssen in schwierigen Zeiten zuerst an uns denken!“ Nein, Gott hilft uns in die neuen Kleider, in denen es zuerst um Gerechtigkeit und Frömmigkeit und Wahrheit geht; diese Kleider werden uns sicher durch die Zeitenwende führen, nicht der individuelle oder nationale Egoismus.
Neue Kleider für eine neue Zeit
Am Ende hängen die alten Kleider der Bosheit am Haken: die Lügen, die beschönigen, wo Klarheit wichtig ist; der Zorn, der übermächtig werden wollte, so dass von den anderen nichts mehr übrigbleibt; der stille Diebstahl, der nimmt, ohne am eigenen Recht zu zweifeln. Wir sind neu eingekleidet aus Gottes Kleiderschrank: mit Güte und Barmherzigkeit, mit einem wachen Sinn für Gerechtigkeit, mit einer Frömmigkeit, die frei macht und mutig.
Musik 5: Alexander von Zemlinsky, Trio d-moll, op. 3 3. Satz: Allegro
Am Ende erinnert uns das Rundschreiben nach Ephesus noch einmal daran, dass wir alles, was wir mit- und gegeneinander tun, vor Gott tun. Mit unserem Tun und Lassen erfreuen oder betrüben wir nicht nur uns und unsere Mitmenschen, sondern Gott. Wenn wir einander belügen und unversöhnlich miteinander umgehen, bedrücken wir Gottes Geist. Wo wir uns hingegen stärken und gegenseitig unterstützen; wo wir bereit sind, einander zu vergeben, „wie Gott uns in Christus vergeben hat“ (Epheser 4,32), breitet sich Freude aus, auf der Erde wie im Himmel.
Coventry: Ein Zeichen der Versöhnung in den Trümmern
Ein solcher Kleiderwechsel kann gelingen. Das zeigt das Gebet aus der Kathedrale in Coventry. Am 14. November 1940 zerstörten deutsche Bomber die englische Stadt und ihre Kathedrale. Fast 600 Menschen starben, tausende wurden verletzt, viele Häuser und die Kathedrale waren nur noch ein Trümmerhaufen. Doch der Dompropst Richard Howard predigte in ihren Trümmern nicht Rache, sondern Versöhnung. Er ließ an der Wand der Apsis den Schriftzug anbringen: „Vater vergib!“ Nicht „Vater, vergib ihnen“, denen, die das befohlen haben, die die Bomben abgeworfen haben, den Deutschen; das wäre auch schon ein großer Schritt gewesen wäre. Aber nein, nicht drei, nur zwei Worte ließ er an die Wand schreiben: „Vater vergib!“
Das Nagelkreuz und die Kraft der Vergebung
Der Dompropst rückt Freund und Feind, Opfer und Täter vor Gott zusammen, ohne die konkrete Schuld klein zu reden: Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Römer 3, 23) Aus den Nägeln des verbrannten Dachstuhls, die überall in der Kathedrale herumliegen, entsteht das Nagelkreuz. Ein Zeichen, das Menschen verbindet, die aus der Vergebung in Christus leben und neue Kleider tragen. Und bald geht mit dem Nagelkreuz ein Gebet hinaus in die Welt. Seit 1958 wird es jeden Freitagmittag an vielen Orten der Welt gebetet. Es bringt die alten Kleider vor Gott und bittet jeweils mit dem Ruf: „Vater vergib“ um neue. Es endet mit dem letzten Vers des Rundschreibens an Ephesus: Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32)
Ich lese das Gebet:
Den Hass, der Nation von Nation trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,
Vater, vergib.
Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist,
Vater, vergib.
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet,
Vater, vergib.
Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der Anderen,
Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,
Vater, vergib.
Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht,
Vater, vergib.
Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott,
Vater, vergib.
Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32)
Gott kleidet uns neu ein: mit Güte und Barmherzigkeit, mit einem wachen Sinn für Gerechtigkeit, mit einer Frömmigkeit, die frei macht und mutig. Sie trägt uns durch diese unsicheren Zeiten.
Musik 6: Joseph Haydn, Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze – Vater, vergib ihnen