Der Berg ruft
Wieder einmal hat der Urlaub sehr gut getan. Ich war auf Hüttentour mit einer größeren Gruppe von Freundinnen und Freunden. Wir sind rund um den Dachstein gewandert, von Hütte zu Hütte. Ich finde, in den Bergen wandern ist etwas Wunderbares: Ich spüre meinen Körper und seine Fähigkeiten und Grenzen, ich staune über die fantastische Landschaft, ich genieße die Stille, weitab vom Lärm der Stadt. Die großartige Aussicht und so manches Panorama entschädigen für die Anstrengungen. Manche sagen, „da oben“, auf den Bergen, sei man auch Gott näher. Nun, ich habe bisher keine erschütternden Erlebnisse einer plötzlichen Gottesnähe gehabt. Das muss vielleicht auch nicht sein. Ich spüre aber immer: Oben in den Bergen, und vor allem auf den Gipfeln, ist es doch irgendwie anders.
Manche Menschen packt da der Ehrgeiz
Auf Gipfel steigen wir nur selten. Wenn einer auf unserem Weg liegt von einer Hütte zur andern oder wenn wir nach der Tagestour noch Lust haben auf einen Hausgipfel, dann steigen wir hinauf. Den Gipfel des Dachsteins haben wir nur aus halber Höhe bestaunt. Wenn Eis und Schnee auf dem Gipfel liegen und man nur mit Seil, Gurt und Pickel hinaufkommt, sind mir diese Höhen unerreichbar. Manche Menschen packt der Ehrgeiz, auf diese Berge zu klettern. „Der Berg ruft“ – das ist der Titel eines uralten Films mit Luis Trenker aus den Jahren 1937/1938 über die Erstbesteigung des Matterhorns 1865. Heute sagt der Satz einfach: Berge und Gipfel ziehen die Menschen magisch an.
Musik 1: Darius Milhaud (1892-1974): Lent, aus: Suite provencale Op. 152b (CD: Milhaud – Orchestral and Piano Music, Orchestre Philharmonique de Monte Carlo, Ltg. Georges Pretre [II 35 – 2:15]).
Ein Heiligtum der Musliminnen und Muslime
Der Berg ruft – schon immer. Nur waren Menschen in früheren Jahrhunderten nicht oder nur sehr selten in der Lage, auf sehr hohe Berge zu klettern. Und sie fürchteten bisweilen die Berge, da sie nicht wussten, was dort vorging. Weil diese hohen Berge so in den Himmel ragen, haben die Menschen damals in den Bergen die Wohnsitze der Götter gesehen. Auch die Bibel bringt Berge mit Gott in Verbindung – aber nicht so, dass Gott auf dem Berg wohnt. Es ist eher so, dass Gott sich auf dem Berg zeigt, oder besser: vom Berg her ruft. Da ist zum Beispiel die Geschichte, in der Gott Abraham auf die Probe stellt (Genesis 22): Abraham soll seinen Sohn Isaak im Land Morija auf dem Berg opfern, den Gott ihm zeigen wird. Abraham hört auf Gott – und erlebt, dass auf dem Berg ein Engel rettend eingreift. Der Sohn wird nicht geopfert, sondern gerettet. Abraham nennt den Berg „Gott sieht“ – und später deutet die Tradition diesen Berg als Ort, an dem Gott sich sehen lässt. Im Felsendom in Jerusalem wird dieser besondere Ort der Nähe Gottes bis heute verehrt. Es ist ein Heiligtum der Musliminnen und Muslime.
Gott muss heruntersteigen
Ein anderer wichtiger Berg der Bibel ist der Sinai, der auch Horeb und „Gottesberg“ heißt. Dort begegnet Mose Gott im brennenden Dornbusch (Exodus 3). Gott ruft, ja be-ruft Mose dazu, das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten herauszuführen. Und Gott kündigt an, sich dann dem ganzen Volk am Berg Sinai zu zeigen. Nach dramatischen Ereignissen kommt das Volk am Berg an – und Großes geschieht (Exodus 19–20): Gott offenbart sich … Wobei: So einfach ist das mit dem Sehen Gottes auch nicht. Die Bibel erzählt von Donner und Blitzen, von Hörnerschall, von Rauch, Feuer und Erdbeben. Gott war auf den Berg herabgestiegen, heißt es … interessant: Menschen müssen auf Berge mühsam hinaufsteigen – Gott muss heruntersteigen.
Musik 2: Max Bruch: Er steigt hinan, aus: Moses (CD: Max Bruch – Moses, Chor der Bamberger Symphoniker / Bamberger Symphoniker, Ltg. Peter Flor [I 6: 2:54]).
Und Mose wird zum Vermittler
Donner, Blitze, Erdbeben, Rauch und Feuer – so erleben die Israelitinnen und Israeliten ihren Gott am Berg Sinai. Klar, dass sie Angst haben. Sie bitten Mose, für sie mit Gott zu sprechen (Exodus 20,18–21). Und Mose wird zum Vermittler. Er steigt den Berg hinauf, empfängt von Gott die Zehn Worte und Gottes Weisung. Das Volk bleibt am Fuß des Berges. Dennoch entsteht eine Gemeinschaft mit Gott – besiegelt durch Gottes Bund und Weisung. Schließlich dürfen auch Aaron, seine Söhne und siebzig Älteste mit auf den Berg, sie dürfen Gott anschauen, heißt es (Exodus 24). Lange bleibt das Volk am Sinai – auf dem Berg teilt Gott dem Mose die Weisung mit, die Mose an das Volk weitergibt. Daraus wird die Tora, die fünf Bücher Mose.
Das ist keine Show und auch kein Selbstzweck
Dass Gott vom Berg her ruft und auf dem Berg erscheint, ist keine Show und kein Selbstzweck. Am Ende geht es darum, dass Gottes Weisung für die Menschen in die Welt kommt: über Mose und die Israelitinnen und Israeliten, die sie vorbildhaft einhalten sollen. Die weitere Geschichte in der Bibel zeigt, dass das so nicht ganz funktioniert.
Gott ist auch in der Stille erfahrbar
Viele Generationen später geht der Prophet Elija im ersten Buch der Könige (1 Könige 19) zu eben diesem Berg Sinai, zum Gottesberg. Er ist am Ende mit seiner Kraft und sucht die Nähe Gottes. Wie bei Mose gibt es einen Sturm, ein Erdbeben, ein Feuer. Doch in all diesen dramatischen Zeichen ist Gott – nicht. Gott zeigt sich dem Elija in einer sanften, leisen Stimme, in einer „Stimme verschwebenden Schweigens“, so die Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Das überrascht, oder auch nicht: Gott ist nicht nur in den gewaltigen Naturerscheinungen, sondern auch in der Stille erfahrbar. Etwa so, wenn ich beim Bergwandern eine Pause mache und die Stille der Berge auf mich wirken lasse.
Musik 3: Hans-Günter Brodmann (*1955): Turmalin (CD: Hans-Günter Brodmann – Musica sacra [3 – bis 1:03]).
Ich kann nicht auf dem Berg bleiben
Der Berg ist ein besonderer Ort: wegen der Stille oder der guten Luft oder der guten Aussicht. Aber egal, wie gut es mir dort oben gefällt: Ich kann nicht auf dem Berg bleiben. Unsere Wandergruppe zieht weiter, bis zur Hütte, unserem Nachtquartier. Und irgendwann geht’s dann für uns auch wieder runter ins Tal. Auch das Volk Israel muss vom Berg Sinai wieder aufbrechen (Numeri 10), und Elija ebenso.
Die Wahrheit ist auf dem Platz
Auch im Neuen Testament spielen die Berge eine besondere Rolle. Es wird erzählt, wie sich Jesus seinen Freunden Petrus, Jakobus und Johannes auf einem hohen Berg in besonderer Weise zeigt: Jesus spricht mit Mose und Elija (Mt 17,1–9; Mk 9,2–8; Lk 9,28–36). Petrus ist so begeistert, dass er sofort auf dem Berg drei Hütten bauen will. Doch dieser Moment ist nicht für die Ewigkeit: Alle, auch Jesus, müssen wieder runter vom Berg, hinein in den Alltag. Eine alte Fußballweisheit sagt: Die Wahrheit ist auf dem Platz. Nicht auf dem Berg, könnte ich anfügen: Großartige Erlebnisse, hochfliegende Emotionen und Gedanken, weitreichende Pläne – alles schön und gut, aber bewähren muss sich alles im Alltag, eben jetzt auf dem Fußballplatz, in der konkreten Situation, im Umgang miteinander.
Sie sind herausgefordert Gottes Plan umzusetzen
Der Berg ist der Ausnahmeort, auch für mich im Urlaub beim Wandern. Schön und wichtig. Aber dann gilt es auch, die gesammelte Kraft wieder in den Alltag mitzunehmen. Wie die Israelitinnen und Israeliten die Weisung Gottes vom Berg Sinai in ihren Alltag mitnehmen mussten – und müssen. Schließlich gilt Gottes Wort für alle, die jüdisch oder christlich glauben: Sie sind herausgefordert, bis heute Gottes Plan umzusetzen.
Jahr für Jahr ruft der Berg
Vom Berg ins Tal, in den Alltag – und wieder auf den Berg. Schließlich war ich schon öfter im Urlaub in den Bergen. Jahr für Jahr ruft der Berg …Berge ziehen magisch an. Und sind Schauplätze ungewöhnlicher Ereignisse. So verortet die Bibel auch das, was am Ende der Zeiten geschehen wird, auf einem Berg, insbesondere auf dem Berg Zion, in Jerusalem. In den Büchern Jesaja und Micha stehen wunderbare Worte, die zu einem Lied werden.
Musik 4: Antoine Oomen (*1945): Am Ende aller Tage (CD: Atem meiner Lieder, Schola der Kleinen Kirche Osnabrück, Ltg. Ansgar Schönecker / Projektchor Oosterhuis, Ltg. Tom Löwenthal [IV 24: 3:09]).
Die Vision vom hohen Berg
Es lohnt sich, die Vision vom hohen Berg mit dem Haus Gottes bei Jesaja und Micha öfter zu lesen:
2 Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des Ewigen Gottes steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen. 3 Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des Ewigen Gottes und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen.
Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des Ewigen Gottes von Jerusalem. 4 Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. (Jesaja 2,1–4; Micha 4,1–3)
Eine Welt ohne Krieg und ohne böse Taten
Ist das nicht eine wunderbare Fantasie, was da bei den Propheten Jesaja und Micha steht? Der Berg zieht alle Völker und Nationen an, sie finden dort die Weisung, und sie hören auf, den Krieg zu erlernen. Hier hat jemand seine brennende Sehnsucht nach einer Welt ohne Gewalt und Krieg in ein Gedicht gefasst. „Schwerter zu Pflugscharen“ wird zum Motto einer Friedensbewegung. Aus Waffen werden Werkzeuge für den Alltag. Ich wünsche mir das so sehr.
Der Berg in der Bibel steht für eine Welt ohne Krieg und ohne böse Taten. Selbst die Tiere halten Frieden:
Wolf und Lamm weiden zusammen und der Löwe frisst Stroh wie das Rind (…). Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht der ewige Gott(Jesaja 65,25; s. auch Jesaja 11,9).
Die Vernichtung des Todes auf dem Berg Zion
Der Berg steht für eine Welt ohne Leid und irgendwann sogar ohne Tod. Bei einem Festmahl für alle Völker auf dem Berg der Endzeit wird Gott den Tod für immer verschlungen haben (Jesaja 25,8). Erst die endgültige Vernichtung des Todes wird die wahre Freude bringen. Die Vernichtung des Todes auf dem Berg Zion ist eine Spitzenaussage im Alten Testament; sie wird im Neuen Testament zitiert und als Hoffnung bestärkt (1 Korinther 15,54–55 und Offenbarung 21,4). Eine weitere Hoffnung für die Endzeit ist auf den bekannten Berg im Osten Jerusalems bezogen: Am Ende der Zeiten wird Gott zum Gericht vom Ölberg her kommen (Sacharja 14,4).
Sie lernen den Frieden und die Gerechtigkeit
Gott wird seine gerechte Königsherrschaft vom heiligen Berg aus errichten, sagt die Bibel. Und an diesem Ort finden Menschen Zuflucht und Ziel, sie lernen den Frieden und die Gerechtigkeit. Seine erste wichtige Rede hält Jesus auf einem Berg. Er beginnt seine Bergpredigt mit den Seligpreisungen. Jesus zeigt, dass Gott es mit den Menschen gut meint: Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen (Mt 5,7).
Ruhig nach oben schauen zu den Bergen
Daran denke ich, wenn ich die Berge sehe und dort wandere: Ich bin dann gedanklich Gott etwas näher an diesen besonderen Orten und in diesen besonderen Zeiten. Das gibt mir Kraft und Trost. Wer nicht auf Berge steigen kann, hat vielleicht andere Hoffnungsorte – oder kommt durch Filme über Berge und Natur diesen besonderen Orten näher. Es tut einfach gut, aus dem Alltag aufzublicken, den Blick zu weiten, ruhig auch nach oben schauen zu den Bergen.
Musik 5: Enjott Schneider (*1950): Barmherzigkeit, aus: Seligpreisungen (CD: Enjott Schneider – Sacred Music Vol. 9, Neuer Kammerchor der HfKM Regensburg / Raselius-Chor / Kammerorchester Collegium Arboris, Ltg. Roman Emilius [2 – 3:55]).