So sieht ein gelebtes Leben aus
Anmoderation: In dieser Woche gab es eine besondere Vernissage im Berliner Bode-Museum: Zum ersten Mal war dort das Porträt der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sehen. Gemalt hat es ein junger Künstler, dem sie über viele Monate Modell gestanden hat. Andrea Seeger von der evangelischen Kirche findet: Das Werk ist gelungen.
Größer als alle anderen
Dieses Porträt wird auffallen. Es ist größer als die anderen Bilder ehemaliger Regierungschefs im Bundeskanzleramt. Angela Merkel steht, während ihre Vorgänger auf den anderen Porträts sitzen. Schon dadurch wirkt sie präsenter. Und dann das leuchtende Blau ihres Blazers - das wird auf der Betonwand im Kanzleramt noch einmal besonders hervorstechen, wenn es am 4. Oktober vom Bode-Museum dorthin umzieht.
Ein junger Künstler, eine ungewöhnliche Anfrage
Am meisten berührt mich ihr Blick. Der Künstler Jérémie Queyras hat ihn eingefangen. Er ist erst 28 Jahre alt und war bisher kaum bekannt. Er hat Angela Merkel geschrieben und ihr vorgeschlagen, sie zu porträtieren. Jahre später folgt eine Einladung.
Auf Reisen, um zu verstehen
Sie mögen sich auf Anhieb. Er bekommt den Zuschlag. Seine Bedingung: Um sie zu malen, möchte er sie besser kennenlernen. Sie begeben sich zusammen auf die Reise: in die Uckermark, in Berlin, an Orte, die zu ihrem Leben gehören. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Bild so viel mehr zeigt als nur ein Gesicht.
Ein Blick, der nicht loslässt
Angela Merkel schaut darauf den Betrachter direkt an. In ihrem Blick liegt etwas Nachdenkliches, vielleicht auch Milde. Ihre blauen Augen haben viel gesehen - Schweres und Schönes. Manches davon hat sich eingebrannt in ihre Züge. Genau das macht das Porträt für mich so besonders: Es zeigt keinen glatten, makellosen Menschen. Es zeigt ein gelebtes Leben.
Was würde man in meinem Gesicht sehen?
Und ich frage mich: Wie wäre das bei mir? Was würde man in meinem Gesicht erkennen? Neugier. Wachheit. Vielleicht auch ein paar Lachfalten. Mit Humor trägt sich Schweres leichter. Ein paar tiefe Furchen. Die Spuren dessen, was mich geprägt hat. Dazu gehören auch Misserfolge, unerfüllte Träume, der Abschied von geliebten Menschen.
Das Beste an einem Gesicht
Vielleicht ist das ja überhaupt das Beste an einem Gesicht: Dass das Leben darin sichtbar wird. Nicht geschniegelt und aufgehübscht. Sondern echt. Und gerade deshalb schön.