hr1 ZUSPRUCH
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Seeger, Andrea

Eine Sendung von

Evangelische Theologin, Oberursel

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Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Tisch mit jeweils einem Teller Salat vor sich. Beide blicken nachdenklich und scheinen in verschiedene Gedanken vertieft zu sein. Ihre Mimik deutet auf eine angespannte Stimmung hin, während im Hintergrund große Fenster sichtbar sind.

Neben dem Falschen - und dann?

Auf der Hochzeitsfeier stehen Tischkärtchen. Und wieder sitze ich neben Onkel Rudi. Er protzt rum, gibt anderen die Schuld an allem - und spuckt beim Sprechen. Aber jemand muss sich um ihn kümmern. Ich seufze innerlich: Wieder mal ich.

Stimmung am Tisch: Lachen ringsum, innere Distanz

Alle um mich herum lachen und sind ausgelassen. Ich sitze eher sauertöpfisch und bemüht am Tisch.

Gedanken beim Zuhören: Wo ist mein Platz im Leben?

Während Onkel Rudi von seinen Geschäften prahlt, hänge ich meinen Gedanken nach: Wo ist eigentlich mein richtiger Platz? Richtig bin ich da, wo Menschen sind, die ich mag, die mich annehmen, so wie ich bin. Und in meinen Beruf fühle ich mich auch richtig.

Spiegel der Vergangenheit: Drehen im Kreis und Loslassen lernen

Onkel Rudi erzählt gerade von irgendwelchen Losern, die es zu nichts bringen – im Gegensatz zu ihm. Er dreht sich im Kreis. Merkt er das eigentlich? Ich denke an die Zeit, in der ich mich auch mal im Kreis gedreht habe. Ich kam nicht raus aus einer Beziehung, die längst zu Ende war. Letztendlich hat er Schluss gemacht. Damals habe ich mir geschworen: Das nächste Mal warte ich nicht ab, sondern werde selbst tätig.

Wendepunkt des Moments: Was heißt eigentlich „selbst tätig werden“?

Plötzlich bin ich ganz im Hier und Jetzt.  „Selbst tätig werden“ muss ich auch bei Onkel Rudi. Ich sitze falsch. Auch das soll mir nicht noch einmal passieren. Klarer Gedanke: Ich muss etwas ändern.

Entschluss und Aktion: Nach der Feier ist vor dem Gespräch

Gesagt, getan. Nach der Feier habe ich der Organisatorin des Festes mitgeteilt, dass ich nicht mehr neben Onkel Rudi sitzen möchte. Und wenn, dann nur mit einer klugen und netten Person an meiner anderen Seite – zum Ausgleich.

Kleine Erfolge: Ein halber Platzwechsel bringt schon Neues

Das hat geklappt, jedenfalls halb. Bei der Taufe ein paar Monate später war zwar immer noch Onkel Rudi mein Tischherr, aber mit meiner Nachbarin zur Linken, einer entfernten Cousine, hatte ich mehr als einen Ausgleich.

Lebenslektion: Warum niemand sitzen bleiben muss, wo er nicht hingehört

Das ermutigt mich, auch weiter in eigener Sache tätig zu werden. Es braucht ein bisschen Mut, lohnt sich aber. Niemand muss ausharren an einem Platz, der ihm zugewiesen wurde – das gilt für Familienfeiern genauso wie für alle anderen Plätze. Egal, wohin das Leben mich setzt: Ich kann immer neu wählen.