hr1 ZUSPRUCH
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Krause-Vilmar, Dr. Elisabeth

Eine Sendung von

Evangelische Pfarrerin, Bad Vilbel

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Ein Hausmann steht im Wohnzimmer. Auf dem einen Arm ein Kind, im anderen Arm einen Wäschekorb. An sein linkes Bein klammert sich ein weinender Junge. Auf dem Fußboden liegt Spielzeug herum. Es ist eine stressige Situation für den Mann.

Fünfe gerade sein lassen

Es gibt Tage, an denen wir merken: Das Leben läuft nicht so, wie wir es uns wünschen. Dinge gehen schief, Menschen machen Fehler – und wir selbst auch. In solchen Momenten hilft ein alter Satz, der viel Gelassenheit in sich trägt: „Fünfe gerade sein lassen.“ 

Fünfe gerade sein lassen: Warum schiefe Linien trotzdem verstanden werden

Vermutlich geht er darauf zurück, dass handgeschriebene Zahlen früher nicht immer exakt aussahen – und eine schiefe Fünf trotzdem als Fünf erkannt wurde. Ein schönes Bild dafür, nicht darauf zu bestehen, dass alles akkurat sein muss, sondern auch einmal etwas gelten zu lassen, das nicht perfekt ist.

Das Leben ist oft nicht perfekt - Versuch und Irrtum gehören dazu.

Manchmal wollen wir alles im Griff haben, alles richtigstellen. Aber das Leben besteht aus Versuch und Irrtum, aus Lernen und Weitergehen. Niemand kommt auf die Welt und kann schon alles. Fehler gehören dazu. Sie sind Teil des Weges, Teil des Wachsens, Teil dessen, was uns menschlich macht.

Gnade bedeutet bedingungslose Liebe, unabhängig von Leistung

Martin Luther hat dafür ein großes Wort verwendet: Gnade. Gnade bedeutet: Gottes Liebe gilt uns ohne Bedingungen. Nicht, weil wir etwas leisten, sondern weil Gott sich uns zuwendet. Was auch immer wir getan haben, was auch immer wir tun werden, ob wir erfolgreich sind oder scheitern – wir bleiben geliebt. Nicht erst, wenn wir etwas besonders gut machen, sondern einfach, weil wir da sind. 

Mit dieser Zusage im Herzen können wir unser Leben frei gestalten. Und selbst wenn unser Tun einmal wegfällt oder unsere Kräfte schwinden, verlieren wir unseren Wert nicht. Wir bleiben geliebte Kinder Gottes.

Gnädiger werden mit sich selbst und mit anderen - weniger richten und mehr gönnen

Aus dieser Haltung heraus lässt es sich gnädiger werden: weniger rechnen, weniger richten, mehr gönnen. Fehler nicht als Makel sehen, sondern als Teil des Lernens. Und dabei gnädig mit sich selbst und miteinander sein. Ich denke mir dann manchmal schmunzelnd, ich sehe heute ein bisschen mit den Fingern. Nicht, weil es egal wäre. Sondern weil Nachsicht manchmal klüger ist als Genauigkeit.

Fünfe gerade sein lassen – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Liebe.