Selbsterkenntnis dank Apfeltasche...
Ich weiß: Niemand ist perfekt. Aber über meine vielen kleinen Alltagsschwächen kann ich mich trotzdem ganz schön aufregen. Zum Beispiel über meine Zerstreutheit. Oder meine Unpünktlichkeit. Umgekehrt kann ich diese Marotten leider ebenso oft verdrängen. Weil sie mir peinlich sind. Aber manchmal gibt es auch richtig motivierende Situationen: In denen bekomm ich neuen Schwung für ein besseres „Marotten-Management“.
Die wunderbare “kleine Schwächen”-Geschichte
So einen Moment hab ich jetzt bei einer Lesung des Kabarettisten Horst Evers erlebt. Er hat eine wunderbare Geschichte zum Thema „kleine Schwächen“ präsentiert. Darum geht es: Die elfjährige Tochter kommt von der Schule heim und findet auf dem Küchentisch einen Zettel von Papa. Auf dem steht unter anderem: „Falls du Hunger hast: Im Kühlschrank warten zwei Apfeltaschen auf dich.“ Aber der Zettel hat noch weitere Informationen parat. Denn offenbar hat Papa seine Botschaft aus gegebenem Anlass später korrigiert. Und mit einem anderen Stift so viel durchgestrichen und ergänzt, dass in der neuen Fassung der Tochter mitgeteilt wird: Es gibt nur noch eine Apfeltasche. Doch der Zettel hat eine weitere Botschaft: Papa hat nämlich noch später einen dritten Stift zur Hand genommen. Mit ihm alles Vorige durchgestrichen. Und einen neuen Satz geschrieben. Er lautet: „Bis später, ich bringe Apfeltaschen mit.“ Man braucht keinen detektivischen Spürsinn, um zu erkennen: Da ist jemand über seine eigene Naschlust gestolpert. Und zwar gleich mehrfach.
So möchte ich auch gern mit meinen Marotten umgehen
Ich find Apfeltaschen zwar lecker. Aber Naschlust-Attacken stehen nicht auf der Top Ten meiner Alltagsschwächen. Dennoch hab ich beim Hören der Geschichte gedacht: So, wie dieser Papa, möcht ich auch gerne mit meinen Marotten umgehen: Er steht zu seinem kleinen Fehler, indem er das Dokument seines Scheiterns nicht beseitigt. Sondern bewusst am „Tatort Küchentisch“ liegen lässt. Und er kann das Ganze nicht nur mit Humor nehmen. Sondern hat auch im Blick, dass er was geradebiegen muss. Indem er seiner Tochter neue Apfeltaschen besorgt.
Mich auf frischer Tat ertappen, darüber schmunzeln und mich bessern
Das will ich auch so oft wie möglich tun: Eine kleine Schwäche von mir quasi auf frischer Tat ertappen. Ein bisschen über sie schmunzeln. Und danach umso entschlossener versuchen, sie etwas besser in den Griff zu bekommen. Oder zumindest erträglicher für meine Umgebung zu machen. Wie das der Papa nach seiner Kühlschrank-Plünderung getan hat.