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Mantey, Kathrin

Eine Sendung von
Kathrin Mantey,
Evangelische Pfarrerin, Marburg

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Vergissmeinnicht

Ich liebe bunte Socken. Mein neuestes Exemplar ist dunkelblau mit kleinen hellblauen Blüten drauf. Diese Socken erinnern mich an einen Besuch in Tschechien: etwa zwei Autostunden von Prag entfernt liegt die Kleinstadt Nove Mesto na Morave. Hier gibt es eine evangelische Kirchengemeinde. Und die macht mit diesen Socken Werbung für ein Projekt mit dem Namen „Vergissmeinnicht“.

Ein besonderes Projekt in Tschechien: Was steckt hinter „Vergissmeinnicht“?

Hinter diesem Namen steckt ein anspruchsvoller Plan und der sieht so aus: Obwohl die Evangelische Gemeinde dort ziemlich klein ist, will sie ein großes Problem lösen. In der ganzen Region fehlt es an einem Ort, an dem Menschen mit Demenz leben können. Kein Heim ist geeignet dafür. Und Familien, die ihre Angehörigen nicht mehr zuhause betreuen können, stehen allein da. Eine riesen Belastung – für die alten Menschen und für ihre Familien. 

Engagement der Kirchengemeinde: Wie aus einer Idee Realität wird

Die Kirchengemeinde hat sich gedacht: „Da muss man doch was tun!“ Und dann – das ist das Erstaunliche – haben sie es wirklich getan. 

Sie bauen das Haus „Vergiss-mein-nicht“. Der Name ist hier Programm: Natürlich: Wer an Demenz erkrankt, vergisst Dinge – das kann man nicht verhindern. Bei den Menschen, die hier wohnen, nimmt das Gedächtnis mit der Zeit immer mehr ab. 

Leben mit Demenz würdevoll gestalten

Aber nur weil sie in einem Heim wohnen, sollen die Bewohner nicht das Leben draußen vergessen. Und sie selbst sollen von den anderen Menschen im Ort auch nicht vergessen werden. 

Architektur für Demenzkranke

Aber wie macht man das? In Tschechien haben sich Experten Gedanken dazu gemacht und ein ganz besonderes Gebäude geschaffen: Es sieht aus wie ein langgezogenes Oval. In der Mitte liegt ein Garten - ebenfalls oval. Und um diese Freifläche herum liegen die Zimmer der Bewohner, Gemeinschaftsräume, Küchen und so weiter. 

Orientierung ohne Barrieren

Und der Flur des Gebäudes verläuft auch oval. Das heißt: Man kann rundherum laufen. Nirgends steht eine Wand im Weg. Denn das kann bei Menschen mit Demenz Panik auslösen. Stattdessen führt der Weg immer weiter, vorbei an großen Fenstern mit viel Tageslicht. 

Verbindung zur Außenwelt: Warum Nähe zum Alltag entscheidend ist

Draußen sieht man die Nachbarhäuser. Etwas unterhalb liegt eine Wiese mit einem Bolzplatz. Da spielen die Kinder des Ortes Fußball. Für die Bewohner vom Haus „Vergissmeinnicht“ ist es ein bisschen so, als würden sie am Rand dieser Wiese sitzen. Sie sind ganz nah dabei, obwohl sie in einer geschlossenen Einrichtung leben. 

Teilhabe trotz Einschränkungen

Im Haus „Vergissmeinnicht“ wird viel dafür getan, dass Menschen mit all ihren Bedürfnissen gesehen werden, auch wenn sie krank sind und alt. Das gefällt mir richtig gut. Denn auch bei uns in Deutschland gibt es viele Menschen, die an Demenz leiden. Und für viele Angehörige stellt sich die Frage: Was braucht mein Familienmitglied jetzt in dieser Situation? – Sicherlich, gute Pflege, aber auch das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Das Gefühl „Ich gehöre weiter dazu und bin eben nicht vergessen.“ Wie kann das gelingen?

Zugehörigkeit und Würde: Warum „nicht vergessen werden“ so wichtig ist

Das Haus „Vergissmeinnicht“ bietet hierfür eine spannende Perspektive: Ein freundliches und offenes Haus. So etwas würde ich mir für mehr Menschen wünschen. 

Musik

Die Vergissmeinnicht auf den bunten Socken sind ein Symbol. Sie stehen dafür, dass niemand vergessen wird. Auch nicht wer krank ist, schwach und alt. 

Symbolik der Vergissmeinnicht-Blume: Was steckt dahinter?

Aber die kleine blaue Blume steht noch für etwas anderes. Das beobachte ich, wenn sie bei mir im Garten blüht: Die Blume ist zwar klein, aber trotzdem kaum zu übersehen. 

Unspektakulär und doch kraftvoll

Dabei sind ihre Blüten alles andere als spektakulär: Fünf kleine Blätter, in der Mitte ein gelber Punkt, mehr ist es nicht. Im Vergleich zu Rosen oder Lilien sind sie geradezu unscheinbar. Aber wo auch immer sich Vergissmeinnicht wohlfühlt, breitet es sich ungebremst aus: Im Staudenbeet, unter hohen Büschen, ja selbst in den allerkleinsten Ritzen zwischen den Waschbeton-Platten. 

Wachstum aus kleinen Anfängen

All diese Ecken bedeckt es mit einem hellblauen Blütenmeer. Aus einem einzigen Samen wird ein blühender Teppich. Langsam aber unaufhaltsam. 

Kleine Gemeinde, große Wirkung: Wie Ideen wachsen

So gesehen ähnelt die evangelische Gemeinde in Tschechien selbst auch einem Vergissmeinnicht: Die Kirchengemeinde ist winzig klein, es sind weniger als tausend Mitglieder. Ein paar von ihnen haben gedacht: Wir brauchen hier dringend ein Pflegeheim für Menschen mit Demenz. Zuerst war es nur dieser Wunsch. Vielleicht hat eine beim Kaffee nach dem Gottesdienst jemandem von ihrer alten Mutter erzählt. Der würde es helfen, ein Heim zu haben, wo sie in ihrem Zustand gut aufgehoben ist. 

Vom Gespräch zur Vision

In der kleinen Gemeinde ist dieser Wunsch zu einer konkreten Idee herangewachsen. Es braucht Mut, um solche ernsthaften Pläne zu machen. Aber den wenigen Menschen dort ist es gelungen. Ihre Ideen haben sich festgesetzt und nach und nach ausgebreitet: Andere haben sich von ihrem Plan überzeugen lassen. 

Finanzierung und Unterstützung: Wer trägt das Projekt?

Sie haben Förderanträge gestellt und Sponsoren gesucht. Inzwischen bezahlen für das Projekt nicht nur die Pflegekasse, sondern auch der Landkreis und das Ministerium für Arbeit und Soziales. Alle sind froh über das Haus, denn weit und breit gibt es nichts Ähnliches. Trotzdem ist auch die kleine Kirchengemeinde weiterhin gefragt. Denn ohne die Spenden, die die Kirche jedes Jahr sammelt, würde es nicht gehen. 

Wie Ideen Leben verändern

So aber blüht das Haus auf. Und wie die echte Pflanze ist dieses besondere Vergiss-mein-nicht überraschend schnell gewachsen und hat sich im Leben von vielen Menschen ausgebreitet. Von einem ersten Wunsch bis zu einem großen hellen Haus voller Leben. 

Das Vergissmeinnicht-Prinzip

Ich nenne das das Vergissmeinnicht-Prinzip. Kleine Träume und Ideen, die sich festsetzen. Die wurzeln und nicht lockerlassen. Und die wachsen - unaufhaltsam.

Musik

Vergissmeinnicht sind ein gutes Bild für etwas, das klein anfängt, aber eine große Wirkung entfaltet. Natürlich passiert das nicht einfach so. Es braucht Menschen mit Wünschen und Ideen – und oft auch großem Mut. Aber woher kommt der?

Biblisches Bild vom Senfkorn

In der Bibel finde ich eine Spur: Da erzählt Jesus auch von einer Pflanze. Von einem winzig kleinen Senfkorn, das zu einem großen Strauch heranwächst, fast so hoch wie ein Baum, der Schatten spendet und in dem sogar Vögel nisten könnten. Und so, sagt Jesus, ist das mit Gottes Kraft hier auf der Erde. Sie kann sehr kleine, unscheinbare Dinge verwandeln in etwas Großes und Wunderbares. Etwas, das dann nicht mehr zu übersehen ist. Und das das Leben von vielen schöner und besser macht. (Mt 13,31–32)

Vertrauen und Zuversicht der biblischen Botschaft

Mit diesem Bild vom Senfkorn macht Jesus den Menschen Mut. Sie können vertrauen auf Gott, der Kraft verleiht und unterstützt, sodass Großes möglich wird - egal wie klein oder unscheinbar es zunächst scheint. 

Veränderung im Alltag und kleine Gesten

Natürlich kann nicht jeder von uns ein Pflegeheim bauen. Aber wer im Alltag nach dem Senfkorn- oder Vergissmeinnicht-Prinzip handelt, bleibt aufmerksam auch für kleine Dinge.

Ich erlebe das oft in ganz banalen Situationen: mit einem Blick, einem Satz oder einem Lächeln im richtigen Moment. 

Erst neulich habe ich so einen Vergissmeinnicht-Moment selbst erlebt: Im völlig überfüllten ICE am Vierertisch. Keiner spricht. Alle sind einfach nur gestresst, starren auf ihre Handys. Verspätung - typisch. Plötzlich tritt mein Sitznachbar der Frau gegenüber aus Versehen ans Schienbein. Sie zuckt zusammen. Schaut hoch. 

Freundlichkeit statt Ärger: Warum kleine Reaktionen zählen

Und lächelt. Statt genervt zu reagieren, sagt sie: „Es ist auch wirklich furchtbar eng hier drin. Wollen wir immer mal abwechselnd unsere Beine ausstrecken?“ Der Mann lächelt erleichtert zurück und auf einmal – verändert sich die ganze Stimmung. Wir fangen an, uns zu unterhalten. Darüber, wo wir hinfahren. Eine hat super Tipps für diese Stadt. Und mein Nachbar hat dort etwas Lustiges erlebt. Und so geht es immer weiter. Wir haben viel Spaß an unserem Vierertisch und steigen nach stundenlanger Fahrt gut gelaunt aus. 

Ein Vergissmeinnicht-Moment, der bleibt

Für mich ist das ein kleiner Vergissmeinnicht-Moment: Eine hatte den Mut, zu lächeln und etwas Freundliches zu sagen. Und dieses Lächeln war der kleine Same, aus dem etwas gewachsen ist: eine Gemeinschaft auf Zeit. Menschen, die sich nicht nur sehen, sondern einander wahrnehmen. Und für die dadurch das Leben schöner wird. Auch wenn es nur für ein paar Stunden ist. 

Ursprung von Veränderung: Wo alles beginnt

Natürlich: Das ist eine andere Größenordnung als ein Pflegeheim. Aber beides hat denselben Ursprung. Ein kleiner Same fällt in rissigen Boden – und wächst. Und wer weiß: Vielleicht hat es in der Kirchengemeinde in Tschechien ganz ähnlich angefangen. Mit einem Lächeln. Mit einem Gespräch. Und mit Mut, etwas zu verändern – gemeinsam. 

Bunte Socken und Veränderung 

Meine neuen bunten Socken mit den Vergissmeinnicht begleiten mich durch den Alltag. Sie erinnern mich daran: Kleine Dinge können Großes bewirken. Auch da, wo ich es gar nicht erwarte: In der Ritze vom Waschbeton, beim Kaffee oder im überfüllten Zugabteil.