hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Herok, Stefan

Eine Sendung von
Stefan Herok,
Katholischer Pastoralreferent i.R. in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden

Vater und Sohn auf dem Feld

Männerträume: Marc Cohn – Silver Thunderbird

Der liebe Gott ist überall – oder!? Also mal vorausgesetzt, dass es ihn überhaupt gibt. Aber wenn ja, dann ist er überall. Sagen jedenfalls die, die an ihn glauben. Haben Sie sich schon mal gefragt, wie er da hinkommt, nach überall, der liebe Gott? Wahrscheinlich fliegen – oder? Es gibt da so ein total berühmtes Bild von Michelangelo, das kennen Sie bestimmt, wo Gott mit dem Finger den Adam anstuppst. Auf diesem Bild kommt Gott von einem Knäuel Engel getragen durch den Weltraum angesaust. Auf einem anderen Bild gleich nebendran fliegt er ganz alleine durch die Gegend. Er braucht dazu nicht mal Flügel, wie die Engel. Er ist ja Gott. Er saust da so wild herum, dass sogar sein Gewand hochfliegt und er der Welt unter und hinter sich tatsächlich den nackten Allerwertesten zeigt. Das Ganze an der Decke der wichtigsten Papst-Kapelle mitten im Vatikan…

Die Frage ist also wirklich nicht ohne und längst nicht so lächerlich, wie sie zunächst wirken mag: Wie kommt der liebe Gott nach überall? 

Ich stelle Ihnen heute als göttliches Fortbewegungsmittel eine durchaus denkbare Alternative zum Fliegen zur Debatte. Hören Sie mal: (Musik:) „Son, you must take my word: if there’s a god in heaven, he’s got a Silver Thunderbird!” Mein Sohn, hör mir genau zu, wenn es einen Gott im Himmel gibt, dann fährt er einen silbernen Thunderbird!“ Ja, Sie schmunzeln und das ist ganz in Ordnung. 

Silver Thunderbird könnte man natürlich als silbernen Donnervogel übersetzen und wäre sofort im Bereich mächtiger Urzeit-Mythen, wie z.B. bei den Indianern oder mindestens bei Adelers Fittichen, wie wir sie auch in der jüdisch-christlichen Bildsprache für die Macht und die Bewegung des Göttlichen kennen. Aber wir sind hier mit „Silver Thunderbird“ in einem amerikanischen Song der frühen Neunziger. Und der Vater, der hier eben knapp hörbar seinen Sohn anspricht, „Son, you must take my word:”, ist ein Sechziger Jahre Vater. Und in den sechziger Jahren schwört dieser Vater sehr auf seinen silbernen Ford-Thunderbird. Der ist für ihn offensichtlich so viel mehr als nur ein automobiles Fortbewegungsmittel, dass er ihn eben sogar als Gefährt des lieben Gottes „anhimmelt“: “if there’s a god in heaven, he’s got a Silver Thunderbird!”. Damit verlassen wir nun aber auch schon gleich wieder – zumindest vorläufig - die Frage des himmlischen Verkehrsmittels nach Überall und bleiben eine Weile bei Vater und Sohn und ihrem Kultstatus-Wagen der Sonderklasse: Silver Thunderbird.

Marc Cohn gehörte bislang eigentlich weniger zum „Soundtrack meines Lebens“. Aber ich hörte sein Lied „Silver Thunderbird“ „und das Gefühl war wieder da!“. Das liegt bestimmt auch daran, dass ich starke Piano-Sounds liebe: (Intro des Songs) und es liegt daran, dass mir seine Stimme gefällt: (Liedanfang). Am meisten aber rührt mich an, wie in diesem Lied ein Sohn von seinem Vater erzählt. Es ist keine Geschichte zwischen Vater und erwachsenem Sohn. Der Sohn schaut aus irgendeinem Heute zurück zum Vater seiner Kindheit. Da ist schon eine Portion Naivität und Bewunderung im Spiel. Auch ein Hauch von Ironie. Und - wie ich es empfinde – eine Menge durchaus großes und echtes Gefühl! Aber eben von der Art, wie es für Väter und Söhne der sechziger und siebziger Jahre wahrscheinlich typisch ist. Nichts Redseliges vertrauter Gespräche. Keine körperliche Nähe. Und eine Zärtlichkeit, die sich unbefangener der kühlen Schönheit und technischen Verlässlichkeit eines donnernden Motorvogels zuwendet, als einem beseelten, menschlichen Risiko aus Fleisch und Blut. Ich bin selbst ein Sohn dieser Generation. Vielleicht berührt mich das Lied darum. Auch wenn sie mir heute komisch vorkommt, diese irdische Dreifaltigkeit aus Vater, Sohn und Donnervogel…

Sah ihn die Winslow-Avenue hoch kommen.
den South-Park-Boulevard wieder runter.
Wow, sah gut aus. Von vorne bis hinten nur gut.
Fette Schwanzflossen und lackierter Stahl.
Mann, voll wie's Batmanmobil.
Und mein alter Herr hinter dem Lenkrad;
echt, kaum noch zu sehen in all dem Chrom,
der Mann mit Stadtplan und Taschenkamm.
Aber der Schlitten hat ihn jeden Abend sicher heim gebracht.
Ich höre ihn heute noch sagen: 
Bleib’ mir weg mit diesen Buicks 
Junge, ich sag dir eins,
wenn es einen Gott im Himmel gibt,
dann hat der einen silbernen Thunderbird.
Du kannst deine Chevrolets behalten
und den Quatsch von ausländischen Autos.
ich für meinen Teil, auch den allerletzen Weg, bitte, 
in einem silbernen Thunderbird

Er stand jeden Morgen auf
als ich noch geschlafen hab.
Ich höre ihn heute noch rumrumoren.
Und dann, grade wenn die Sonne aufging,
hörte ich ihn immer den Motor starten.
Wenn ich dann aufstand, waren sie schon fort.
Die Winslow runter, egal bei Regen oder Schnee
der Mann und sein Gefährt machen sich auf.

Oh, die alte Kiste kennt bestimmt all seine Geheimnisse!
Und manchmal höre ich ihn sagen:
Bleib’ mir weg mit diesen Buicks 
Junge, ich sag dir eins,
wenn es einen Gott im Himmel gibt,
dann hat der einen silbernen Thunderbird.
Du kannst deine Chevrolets behalten
und den Quatsch von ausländischen Autos 
Ich für meinen Teil, auch den allerletzen Weg, bitte,
in einem silbernen Thunderbird.
 

Der Vater, der Sohn und ein silberner Thunderbird. Wahrscheinlich versteht man das Lied besser, wenn man weiß: Marc Cohn hat hier seinem Vater ein Denkmal setzt. Der ist nämlich schon gestorben, als der Junge gerade zwölf war. Also gar keine Chance auf eine erwachsene Beziehung jenseits der kindlichen Verehrung. Aber auch unabhängig davon: Nähe und Gefühl zwischen Männern drückt sich bis heute oft stärker über eine „gemeinsame Sache“ aus, als über direkte Zuwendung. Die gemeinsame Leidenschaft für etwas, Fußball oder Politik, ganz egal, da können Männer ihre Gefühle zeigen, überhaupt und zueinander. Das galt sehr lange auch für Väter und Söhne. 

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie der Vater in unserem Lied Nähe zu seinem Sohn hergestellt hat: „Junge, ist das nicht ein toller Wagen! Du darfst auch bei mir vorne sitzen! Und später fährst du ihn selbst!“ Er gibt ihm damit das Gefühl von Mann zu Mann. Und für den Sohn verschmelzen Vater und Fahrzeug. Die starke Maschine verleiht dem Menschen Kraft und Größe: „Und mein alter Herr hinter dem Lenkrad; echt, kaum noch zu sehen in all dem Chrom…“. Großes Pathos des kleinen Jungen: Die Morgenröte seines anbrechenden Lebens wird für immer verbunden bleiben mit dem allmorgendlich-knatternden Start des silbernen Thunderbird!

Die Wirtschaftswunderjahre nach Krieg und Armut geben dieser Dynamik, mit der das „Haben“ über das „Sein“ bestimmt, noch zusätzlichen Drive. Auch von meinem Sechziger-Jahre-Vater gibt es Fotos mit den immer größer werdenden Autos. Und die Zeit wird danach eingeteilt: War das, als wir noch den Käfer gefahren sind oder hatten wir schon den Ford-Taunus? So kann Marc Cohns Liebeserklärung an den Vater gar nicht anders gehen als über den silbernen Thunderbird. Der sogar Daddys Geheimnisse offenbaren  könnte: Ach, könnte das Auto, so singt er,  doch all das erzählen, was kein Mensch von ihm weiß.

(Musikbrücke: Englisches Original der Passage: Oh, die alte Kiste kennt bestimmt all seine Geheimnisse! Und manchmal höre ich ihn sagen: Bleib’ mir weg mit diesen Buicks Junge, ich sag dir eins, wenn es einen Gott im Himmel gibt, dann hat der einen silbernen Thunderbird.) 

Nein, Gefühlsreichtum und Beziehungsstärke kann man das nicht nennen. Und vielleicht hat sich da ja auch etwas geändert, seit wir Männer ansatzweise begriffen haben, dass es auch „Sportwagen“ gibt, die wir mit Babys drin papamäßig durch Parkanlagen schieben können. Wir sind bei der Geburt dabei und verweigern nicht mehr kollektiv das Windelnwechseln, mit der Ausflucht, dass wir nur für’s Reifenwechseln zuständig seien. Wir sind zärtlicher geworden, zumindest gegenüber Frau und kleinem Kind und bestimmt auch einige Grad gesprächsfähiger. Zärtlichkeit unter Männern, auch als Väter und Söhne ist aber immer noch ziemlich tabu. Damit bleibt ihre Liebe eher nüchtern und rational und leidenschaftlich nur an der „gemeinsamen Sache“ orientiert. 

Da war mein Vater ganz anders. Sicherlich war es für ihn schlimm, dass er selbst ohne Vater nur mit Mutter und Tanten aufgewachsen ist. Das hat ihn aber für unsere Zeit damals ungewöhnlich emotional und zärtlich gemacht. Wir waren zuhause sechs Kinder. Fünf Jungs, ein Mädchen und die beiden Eltern, das macht ein Männer-Frauen-Verhältnis von sechs zu zwei. Trotzdem hieß eine unserer liebsten Körperübungen „Familienzusammenführung“: wie viele von uns acht Personen können sich auf einmal umarmen und knuddeln und küssen. Und wenn ich mit meinem Vater im Auto unterwegs war und natürlich auch vorne neben ihm saß, dann legte er während der Fahrt seine Hand auf mein Bein und sagte „Steffel“ (es erfordert schon ein Höchstmaß von Kreativität, um für Stefan eine Koseform zu finden), „Steffel, erzähl mal, was ist los und was beschäftigt dich so.“ 

Damit kehren wir jetzt zu unserer Ausgangsfrage zurück: Michelangelo contra Thunderbird, mit welchem Gefährt kommt der liebe Gott nach überall? Nach allen vorgetragenen Überlegungen komme ich doch zu dem Schluss: Das Gefährt Gottes, das sind seine Gefährten! So wie Michelangelo es gemalt hat. Die enge Gemeinschaft mit seinen himmlischen Hausgenossen, die bewegt ihn. Die Liebe, auch in großer körperlicher Nähe, sie trägt ihn. Sie bringt ihn nach überall. So kann er seinen Ursohn Adam, Finger zu Finger behutsam berühren und beseelen. So hält er übrigens auch seine Urtochter Eva schon zärtlich im Arm und geleitet sie zum Adam.  

Nehmen Sie es also Marc Cohn und seinem Vater mit dem Silver Thunderbird nicht übel, wenn Sie es jetzt auch noch mal bei Ihnen versuchen mit ihrer These über die göttliche Fortbewegung. Als sechziger-Jahre Vater und Sohn haben sie es halt nicht besser gewusst!

Musik - Das ganze Lied...