Tracy Chapman – Baby can I hold you
1988: Eine Afroamerikanerin mit schwarzen struppigen Haaren steht auf einer Bühne. Mit ihrer Gitarre beginnt sie ganz leise zu spielen. Eigentlich hätte ein anderer kommen sollen, nämlich Stevie Wonder. Doch dem blinden Musiker fehlt die Festplatte mit seiner Synthesizermusik. Ohne die kann er nicht auftreten und deshalb verlässt er traurig den Ort des Geschehens. Tracy Chapmann – die junge Afroamerikanerin – füllt die Lücke im Programm. Anfangs wirkt sie etwas unsicher, weil die Zuhörer noch ein anderes Lied singen. Aber ihre Stimme wird schnell kräftiger und der Gesang der Masse verstummt. Nun hören alle ihr zu. Alle? Das sind 72.000 Menschen im Londoner Wembley-Stadion und noch mal 600 Millionen Zuschauer in über 60 Ländern via Fernsehen.
Tracy Chapman singt für Nelson Mandela – und wird weltberühmt
Tracy Chapmann singt damals (im Juni 1988) beim Solidaritätskonzert zum 70. Geburtstag für Nelson Mandela. Musiker wie Phil Collins, Harry Bellafonte und Whitney Houston treten auf. Sie setzen ein klares Zeichen gegen das Apartheidsregime und die Inhaftierung dieses unbeugsamen Bürgerrechtlers. Der setzt sich unermüdlich für die Rechte der schwarzen Bevölkerung in Südafrika ein. Mandela ist bereits schon seit 25 Jahren in Haft. Es ist fragwürdig, ob er das Londoner Konzert zu seiner Ehre am 11. Juni 1988 hören durfte. Er sitzt nämlich zu diesem Zeitpunkt in einer vier Quadratmeter großen Zelle auf einer Insel 12 Kilometer vor Kapstadt.
Nachdem Tracy Chapman beim Solidaritätskonzert in London gesungen hat, wird sie weltberühmt. Die Verkaufszahlen ihres Albums klettern binnen von zwei Wochen auf zwei Millionen. Aus diesem ersten Album der heute 51-jährigen Musikerin ist das folgende Lied:
Musik
Ein Liebeslied über Verletzungen, die jahrelang nicht heilen
Der melancholische Song ist ein Liebeslied und heißt: Baby can I hold you – Schatz, kann ich dich heute Nacht in deinen Armen halten?. Aber in dieser Liebesbeziehung läuft etwas schief, heißt es doch in dem eben gehörten Teil:
Es tut mir leid, das ist alles, was du nicht sagen kannst, Jahre sind dahingegangen und trotzdem sind solche Worte nicht leicht auszusprechen, wie es tut mir leid, es tut mir leid.
Vergib mir, das ist alles, was du nicht sagen kannst, Jahre sind dahingegangen und trotzdem sind solche Worte nicht leicht auszusprechen, wie vergib mir, vergib mir.
Ich höre darin eine traurige Frau. Sie singt über ihre Enttäuschung, die ihr ihr Freund zugefügt hat. Dabei handelt es sich nicht nur um einen kurzen Streit. Nein. Es geht um tiefe Wunden, die seit Jahren offen liegen oder sogar größer werden. Sie sehnt sich nach einer echten Vergebung und will dabei nicht bloß ein einfaches „Sorry“. Sie liebt ihn und weiß, wie schwer ihm diese Worte fallen. Aber sie braucht diese Worte für ihre Liebe zu ihm.
Musik
Ohne ehrliche Worte bleibt die Sehnsucht nach Versöhnung unerfüllt
Aber du kannst sagen: Baby, kann ich dich heute Abend in meinen Armen halten? Kann sein, dass, wenn ich dir die richtigen Worte rechtzeitig gesagt hätte, du jetzt mein wärest.
Sie macht sich sogar selbst Vorwürfe: Sie hätte ihm eher sagen müssen, wie sie sich fühlt, dass sie verletzt ist und sich nach Versöhnung sehnt. Aber es kommt zu keiner Aussprache zwischen den beiden. Im Gegenteil: Sie kennt ihn sehr gut und weiß: Er wird nicht um Vergebung bitten. Er wird eher fragen, ob er heute Abend in ihren Armen liegen darf. Aber ein wie auch immer geartetes „Miteinander-Kuscheln“ heilt ihr Liebe nicht. Es fehlen das Gespräch und die Versöhnung. Und somit ist der Faden zwischen den beiden Liebenden zerrissen …
Musik
Wenn Liebe verstummt und nur noch die Erinnerung bleibt
Ich liebe dich, das ist alles, was du nicht sagen kannst, Jahre sind dahingegangen und trotzdem sind solche Worte nicht leicht auszusprechen, wie ich liebe dich, ich liebe dich.
Die Liebe ist zerstört. Die zwei leben nur noch aneinander vorbei. Worte und Gesten der Liebe sind dahin. Die Sängerin singt von ihrer Trauer. Sie hängt ihm noch nach, aber eigentlich ist es aus.
Ich würde der Frau am liebsten zurufen: Vergiss ihn doch. Er hat dich jahrelang nur belastet. Er bekommt es nicht hin, um Vergebung zu bitten oder dir eine Liebeserklärung zu machen. Er will nachts nur oberflächlich mit dir kuscheln, aber eine wirklich tiefgehende Beziehung will er nicht.
Zugleich aber beeindruckt mich die beharrliche Liebe dieser Frau. Sie zeugt von einer tiefen Sehnsucht. Sie will noch immer mit ihm zusammen sein, trotz der fehlenden Liebeserklärung. Doch dazu müssten die beiden bereit sein, miteinander ehrlich und offen über ihre Gefühle, Erwartungen und Verletzungen zu sprechen. Nur dann könnte eine Versöhnung gelingen und ihre Liebe hätte eine Chance. Aber es bleibt ein Wunsch, er wird nicht Realität.
Musik
Versöhnung braucht den Mut, eigene Schuld einzugestehen
Aber du kannst sagen: Baby, kann ich dich heute Abend in meinen Armen halten? Kann sein, dass, wenn ich dir die richtigen Worte rechtzeitig gesagt hätte, du jetzt mein wärest. …. du jetzt mein wärest …. du jetzt mein wärest.
Hören Sie diese Sehnsucht, dieses nachklingende „You'd be mine“? – dieses „Du würdest mein sein?“ Sie hält weiter liebend und sehnsüchtig Ausschau nach ihm.
Lassen Sie mich für einen Moment eine biblische Erzählung in den Blick nehmen, an die ich bei diesem Song unwillkürlich denken muss: Es ist die Erzählung vom barmherzigen Vater. Da ist einer von zwei Söhnen, der sich von seinem Vater das Erbe ausbezahlen lässt. Er zieht fort in die Welt und verprasst das Geld. Er landet ganz unten, bei den Schweinen. Die hütet er und muss trotzdem noch Hunger leiden.
Was mich dann beeindruckt, ist, dass der Sohn sich zunächst seine Schuld selbst eingesteht. Er, so steht es wörtlich im Lukasevangelium, geht in sich und sagt: „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater ich habe mich gegen den Himmel und dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Er sagt das zu niemandem. Nur zu sich selbst und wahrscheinlich zu den Schweinen, die er hütet. Das zeigt mir, es braucht vor jedem Akt der Versöhnung einen ehrlichen Blick auf sich selbst und das eigene Eingeständnis der Schuld. Erst dann kann ich beim anderen um Vergebung bitten.
Der barmherzige Vater: Wo Vergebung tatsächlich möglich wird
Und das macht der Sohn dann auch. Er geht zu seinem Vater. Und jetzt bin ich wieder beim Song: Der Vater in der biblischen Erzählung ist wie die Ich-Erzählerin im Song von Tracy Chapman: Er steht vor dem Haus und hält voller trauriger Liebe und tiefer Sehnsucht Ausschau nach seinem Sohn. Er wünscht sich eine Rückkehr und eine Versöhnung mit ihm. Und dann geschieht das, was leider im Lied von Tracy Chapman nicht passiert. Im biblischen Gleichnis gehen Vater und Sohn aufeinander zu und reden miteinander. Der Sohn gesteht dem Vater sein Versagen ein und dieser vergibt ihm. Beide brechen sie also äußerlich auf und bewegen sich zugleich auch im Herzen zueinander. Die Liebesbeziehung zwischen Vater und Sohn wird wieder lebendig . In der biblischen Erzählung folgt auf die Versöhnung ein fröhliches Fest, das wie eine Hochzeit mit Mastkalb und besten Gewändern begangen wird. Im Lied von Tracy Chapman gibt es kein solches Happy End. Das bleibt traurig und endet auch so. Anders aber in der Weltgeschichte nach Tracy Chapmans Auftritt im Londoner Wembley-Stadion. Noch 20 weitere Monate sitzt Nelson Mandela in seiner Zelle. Aber dann findet das Anliegen der Musiker und der Weltöffentlichkeit endlich Gehör: Am 11. Februar 1990 wird Nelson Mandela freigelassen.
Nelson Mandela gab die Hoffnung nach Versöhnung nie auf
Mandela verstand es, dass zur Versöhnung der Blick auf eigene Fehler, aber auch das gemeinsame Aufeinander-Zugehen notwendig sind. Dabei bleibt er trotz vieler Enttäuschungen und einer so grausam langen Haftzeit ein Liebender, der voller Sehnsucht ausharrt und auf eine echte Versöhnung wartet. Und genau da entdecke ich in Mandela auch Chapmans Lied „Baby can I hold you“ wieder. Sein Leben zeugt von dieser Sehnsucht nach Versöhnung, die im Lied mitschwingt. Dabei will er auch nicht nur ein einfaches „Sorry“ hören, sondern möchte ernstgemeinte Entschuldigungen mit konkreten Maßnahmen zur Abschaffung der Rassentrennung sehen. In seiner liebenden und freundlichen Standhaftigkeit prägt er so nach seiner Freilassung mit die Geschicke seines Landes. Deshalb wird er auch zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt.
Vergebung und Versöhnung eröffnen den Weg zum Frieden
Liebe braucht immer Momente der Vergebung und Versöhnung. Und Versöhnung wiederum ist ein Beweis echter Liebe. Das alles funktioniert nur, wenn beide Parteien sich ihrer eigenen Schuld bewusst sind und miteinander sprechen. Dann bewegen sich die Herzen und neue Wege des Friedens und der Einheit sind möglich. Nelson Mandela hat das verstanden und gab uns ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Und ich glaube, jeder trägt diese Sehnsucht nach Frieden, Versöhnung und Liebe in sich. Deshalb sind Nelson Mandela und Tracy Chapmans „Baby can I hold you“ für mich so eng miteinander verbunden.