hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Rieth, Stephanie

Eine Sendung von
Stephanie Rieth,
Bevollmächtigte des Generalvikars und Dezernentin im Bistum Mainz

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bestickter brauner Koffer

Silbermond: „Leichtes Gepäck“

Seit 13 Jahren wohnen wir nun schon in unserem Haus. Neulich hat mein Mann zu mir gesagt: „Wir müssten endlich mal den Keller entrümpeln! Guck mal, wusstest du eigentlich, dass wir noch eine ganze Bananenkiste voll mit großen Tassen haben? “ Tatsächlich, die Kiste mit den Tassen, die hatte ich ganz vergessen. 

Ich bin dann mal runter in den Keller gegangen und hab dort festgestellt: Die betreffende Kiste stand in der hintersten Ecke in dem Raum, in den alles hineinkommt, wofür es sonst keinen richtigen Platz gibt – verdeckt von mindestens zehn großen Brettern für alle Fälle: Reste von Regalen und Schränken oder Hartfaserplatten, die man sicher noch einmal gebrauchen kann und die man dann nicht teuer einkaufen muss.

Wo soll das ganze Zeug denn hin?

Und da Bananenkisten so ungeheuer praktisch sind, reihen sich drunter und drüber noch zehn weitere von diesen Kisten. Viele sind damals mit uns aus unserer Wohnung in unser Haus gezogen und stehen seitdem im Keller, unberührt. Die wollten wir auspacken, wenn wir mal Zeit haben.

Dabei blieb es, und es sind sogar noch mehr geworden: Kisten mit alten Klamotten, die nicht mehr schön sind, aber zum Arbeiten im Garten gut genug. Altes Spielzeug, Plastikboxen, Farbreste, ein Vorrat an Autoglühbirnen für ein Auto, das wir schon nicht mehr fahren.

Und auf einmal wird mir ganz komisch. Wo soll das ganze Zeug hin? Eigentlich müsste man da mal ran, aussortieren und die Sachen dahin räumen, wo man sie dann auch wiederfindet. 

Es ist nur zum Ballast geworden

Andererseits, wenn wir ehrlich sind: Eigentlich könnte das ganze Zeug einfach nur weg. Jetzt haben wir es 13 Jahre nicht gebraucht, dann werden wir es auch die nächsten 13 Jahre nicht mehr brauchen. Es ist einfach nur zum Ballast geworden.

Musik 1

Du siehst dich um in deiner Wohnung, 
Siehst ein Kabinett aus Sinnlosigkeiten.
Siehst das Ergebnis von kaufen 
und kaufen von Dingen,
von denen man denkt 
man würde sie irgendwann brauchen.
Siehst die Klamotten, die du 
nie getragen hast und die du 
nie tragen wirst und trotzdem
bleiben sie bei dir 
Zu viel Spinnweben und zu viel Kram
Zu viel Altlast in Tupperwaren
Und eines Tages fällt dir auf
dass du 99% davon nicht brauchst
Du nimmst all den Ballast
und schmeisst ihn weg
Denn es reist sich besser
mit leichtem Gepäck
mit leichtem Gepäck 

Schmeiß diesen Ballast weg!

Die Gruppe Silbermond trifft mit ihrem Song „Leichtes Gepäck“ einen Nerv der Zeit. Entrümpeln ist in. Ratgeber und Internetportale gibt es zuhauf, sogar Fernsehformate, die mit Trödeltrupps in Messiwohnungen einziehen, um ganz Fernsehdeutschland zu zeigen, wie man Ordnung schafft, wegwirft und das Chaos beseitigt. 

Es klingt tatsächlich zunächst danach, als wollte die Formation um Frontfrau Stefanie Kloß genau diese Luxusprobleme bearbeiten: kaufen und kaufen, Klamotten, Tupperware, Sinnlosigkeiten eben, ein Hofstaat aus Plastik, wie sie es ein paar Zeilen später singt. Schmeiß diesen Ballast weg! Das ist ihre Aufforderung, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck. Und irgendwie fühl ich mich ertappt, wenn ich so an meinen Keller denke. Aber dann fällt mir beim Thema „Leichtes Gepäck“ auch noch etwas anderes ein.

Hunderttausende Menschen mit sehr leichtem Gepäck unterwegs

Mir kommen da Bilder von Hunderttausenden Menschen in den Kopf, die mit sehr leichtem Gepäck unterwegs sind. Menschen, die aufgebrochen sind, oft von jetzt auf gleich, weil ihr Leben bedroht war, ihre Existenz zerstört war, weil sie den Mund aufgemacht haben oder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Menschen, die oft nicht einmal mehr das Notwendigste greifen, geschweige denn packen konnten, bevor sie flüchten mussten. 

Letztes Jahr im Oktober hat die Band diesen Song veröffentlicht – als Singleauskoppelung aus dem gleichnamigen Album „Leichtes Gepäck“. Und ich glaube nicht, dass sie damit nur unsere vollen Keller meinen, so problematisch die für uns auch manchmal sind. Reisen mit leichtem Gepäck: darin steckt für mich noch mehr, bestimmt auch für diese Musiker, die ja aus Sachsen stammen. Immer wieder werden sie aktiv gegen Rechts und zeigen Haltung auch in der Flüchtlingsfrage.

Leichtes Gepäck ist kein politischer Song

Aber natürlich: Leichtes Gepäck ist kein politischer Song. Es geht um etwas ganz Persönliches, um den Ballast im eigenen Leben und wie ich damit umgehe. Oft ist all der Plunder, die ganze Armee aus Schrott nur ein Symbol für den Seelenballast, den ich so mit mir herumschleppe.

Musik 2

Nicht nur ein kleiner
Hofstaat aus Plastik auch
die Armee aus Schrott und Neurosen
auf deiner Seele wächst immer mehr
hängt immer öfter Blutsaugend an deiner Kehle
Wie Geil die Vorstellung wär
das alles loszuwerden
Alles auf einen Haufen
mit Brennpaste und Zunder
und es lodert und brennt so schön
Ein Feuer
in Kilometern noch zu seh'n
Und eines Tages fällt dir auf…

Genauso auch mit dem Schrott in meinem Seelenkeller

Ich kann das ja schon nachvollziehen, das mit Brennpaste und Zunder. Wenn ich so in unseren Keller schaue, dann würde ich auch am liebsten ganz vieles davon einfach nicht mehr sehen – und zwar schnell. Dann wünschte ich mir einen großen Container, in den ich alles reinschmeißen kann, und einer kommt und bringt den Container weg, mir aus den Augen. Und manchmal geht es mir genauso auch mit dem Schrott in meinem Seelenkeller. Auch da lagert manches, was ich am liebsten nur entsorgen würde. Aber irgendwie ahne ich, dass das nicht wirklich eine gute Lösung wäre – für beides nicht.

Zwischen all den wertlosen Dingen in unserem Keller entdecke ich auf einmal noch zwei Kisten: eine mit alten Videokassetten - die erinnert mich an zahlreiche Nächte mit meinen Freunden rund um das Raumschiff Enterprise. Für unsere Star Trek-Sessions habe ich Tag für Tag mit der Fernbedienung vor dem Videorekorder gesessen, Folgen aufgenommen und Pausen rausgeschnitten, damit unbedingt noch eine Folge mehr draufpasst. 

Niemals würde ich diese Kiste wegwerfen

Und in der anderen Kiste liegt mein alter Teddybär, den ich zur Geburt geschenkt bekommen habe, zwischen alten ausgefüllten Kalendern, meinem Poesiealbum, Konzertkarten, Briefen und Glücksbringern von damals. Unglaublich, was da alles zusammengekommen ist und wie alt diese Dinge mit mir geworden sind.

Niemals würde ich diese Kiste so einfach wegwerfen können, denn sie ist mehr als Tupperware und alte Klamotten. Ich habe sogar noch eine neue Kiste angefangen: da ist so eine furchtbar kitschige Figur von einem Brautpaar drin, das auf unserer Hochzeitstorte stand, ein Schnuller von jedem meiner Kinder, die letzte Postkarte von meinem verstorbenen Onkel und noch so manches andere Ding, das dafür steht, was mir wirklich wichtig ist in meinem Leben.

Nein, auch diese Kiste würde ich niemals so einfach wegwerfen.

Dinge und Erinnerungen, die ich gerne endlich hinter mir lassen würde

Vielleicht muss man sich manchmal die Zeit nehmen und genauer hin schauen: Es gibt Dinge und Erinnerungen, die möchte ich wirklich gerne endlich hinter mir lassen, die sind nicht gut für mich – aber es gibt umgekehrt auch Erinnerungen, die will ich aufbewahren und es tut gut, die ab und zu anzuschauen. 

Musik 3

Und eines Tages fällt dir auf
dass du 99% davon nicht brauchst
Also nimmst all den Ballast
und schmeisst ihn weg
Denn es reist sich besser
mit Leichtem Gepäck
mit leichtem Gepäck
Ab heut
nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut
nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut
nur noch die wichtigen Dinge
Ab heut
nur noch leichtes Gepäck
Und eines Tages
fällt dir auf
Es ist wenig was du wirklich brauchst
Also nimmst du den Ballast
und schmeisst ihn weg
denn es lebt sich besser
so viel besser
Mit leichtem Gepäck 

Was ist mir wirklich wichtig?

Leichtes Gepäck – der Song macht mich nicht zur Brandstifterin, aber Silbermond bringt mich damit zum Nachdenken: Was ist mir wirklich wichtig? Was zählt für mich? Was bedeutet mir soviel, dass ich es niemals wegschmeißen könnte.

Für mich sind das Dinge, die eine Geschichte haben und die eine Rolle in meiner Geschichte haben. Dinge, die mich mit Menschen verbinden, die ich liebe oder geliebt habe. Und dazu gehört dann auch manche Narbe, die ich davon getragen habe.

Musik 4

All der Dreck von gestern
All die Narben
All die Rechnungen die viel zu lang offen rumlagen
Lass sie los, schmeiss sie einfach weg
Denn es reist sich besser
mit leichtem Gepäck 

Und das Leben ist kein Stillstand

Darin möchte ich Silbermond im Übrigen widersprechen. Ich glaube nicht, dass man sie los wird, die Narben. Und ich will sie auch gar nicht loswerden, sie gehören zu mir. Es sind nicht nur die leichten Dinge, die in meinem Leben Bedeutung haben,  die die mich glückselig gemacht haben. 

Ich habe es erlebt: auch das Schwere kann manchmal zum kostbaren Schatz werden, der unbedingt in so eine Kiste hineingehört. Wie zum Beispiel die Postkarte von meinem Onkel, die mich immer wieder daran erinnert, dass er viel zu früh sterben musste.

Es kommt darauf an, welchen Platz ich diesen schweren Erfahrungen in meinem Leben gebe. Wenn ich zulasse, dass sie mich immer wieder niederdrücken, dann hindern sie mich daran, in meinem Leben unterwegs zu sein. 

Das herauszufinden, ist eine Lebensaufgabe für mich

Und das Leben ist kein Stillstand. Das Leben ist eine Reise, in der wir ständig herausgefordert sind, aufzubrechen und Neues zu wagen und zu entdecken. So erlebe ich das, und ich spüre, ich habe dann den Mut aufzubrechen und Neues anzufangen, wenn ich mir meiner wirklichen Schätze bewusst bin, wenn ich im Kontakt bin zu dem, was mich im Leben trägt. 
Was ist mir wirklich wichtig und was ist nur Ballast? Das herauszufinden, ist so eine Lebensaufgabe für mich.

In jedem Aufbruch, in jedem Neuanfang…

Mein Mann und ich haben damals für den Gottesdienst zu unserer Hochzeit als biblischen Text das Gleichnis vom Schatz im Acker ausgewählt. Das ist ganz kurz und geht so: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.“

Der Pfarrer hat uns eine kleine Schatzkiste dazu geschenkt, die liegt übrigens auch in dieser Kiste mit den wichtigen Dingen, die bei uns im Keller steht. Die kleine Schatzkiste ist zum Symbol für uns beide geworden: unser Leben gleicht einem Acker, der einen Schatz enthält, und wenn wir diesen Schatz erkennen und bewahren, dann ist da tiefe Freude und Gott ist uns nah, dann sind wir im Kontakt zu dem, was uns im Leben trägt – in jedem Aufbruch, in jedem Neuanfang.