hr1 SONNTAGSGEDANKEN
hr1
Hirt, Beate

Eine Sendung von
Beate Hirt,
Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim hr, Frankfurt

Herbert Grönemeyer: „Der Weg“

Musik 1: Anfang bis einschl. erste Strophe (0.00-0.40)

Ich kann nicht mehr seh'n
Trau nicht mehr meinen Augen
Kann kaum noch glauben
Gefühle haben sich gedreht
Ich bin viel zu träge
Um aufzugeben
Es wär' auch zu früh
Weil immer was geht

„Der Weg“ von Herbert Grönemeyer: Erinnerung an einen geliebten Menschen

Wenn ich an sie denke, dann tue ich das mit Wehmut – aber immer auch mit einem Lächeln. Denn sie war eine schelmische Frau. Ihre Sprüche haben uns zum Lachen gebracht – und sie hat sie auch noch von sich gegeben, als der Krebs schon weit fortgeschritten war. „Irgendwann müsst ihr mich notschlachten“, hat sie einmal gesagt, da wussten wir kaum, ob wir lachen oder weinen sollen. Meine Freundin Elisabeth ist vor drei Jahren an Brustkrebs gestorben, und ich hab ihr Bild vor Augen, wenn ich diesen Song von Grönemeyer höre. Wahrscheinlich haben viele Menschen jemanden im Kopf, wenn sie „Der Weg“ hören. Und vielleicht auch mit dieser Mischung aus Wehmut und Lächeln.

Musik 2: zweite Strophe (ca. 0.40-1.06)

Wir waren verschwor'n
Wär'n füreinander gestorben
Haben den Regen gebogen,
Uns Vertrauen gelieh'n
Wir haben versucht
Auf der Schussfahrt zu wenden
Nichts war zu spät
Aber vieles zu früh.

Gemeinsame Wege, Abschied und Dankbarkeit

Wenn jemand stirbt, geht ein Weg zu Ende, auch für die, die noch am Leben sind. Der Weg, den man gemeinsam gegangen ist. Und der Rückblick auf diesen gemeinsamen Weg tut einerseits natürlich unendlich weh – denn ich vermisse ja jemanden so sehr. Erst recht, wenn „vieles zu früh“ war, der Tod vor allem. Aber andererseits ist da auch noch etwas andres, Glück und Dankbarkeit würd ich es nennen, dafür, dass es diesen gemeinsamen Weg gegeben hat. Dass wir uns gekannt haben, uns gegenseitig inspiriert, uns gut getan haben. Herbert Grönemeyer schwärmt in seinem Lied von der Zeit mit seiner verstorbenen Frau: „Wir waren verschworen, wären füreinander gestorben, haben den Regen gebogen, uns Vertrauen geliehen.“ Wie wunderbar, wenn ich so etwas mit einem anderen Menschen erleben kann. Wenn ich jemanden finde, mit dem ich so unterwegs sein kann, so vertraut, so nah.

Musik 3: Strophe 3 (ca. 1.06-1.30)

Wir haben uns geschoben
Durch alle Gezeiten
Haben uns verzettelt,
Uns verzweifelt geliebt
Wir haben die Wahrheit
So gut es ging verlogen
Es war ein Stück vom Himmel,
Dass es dich gibt.

„Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt“

„Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt!“ Das kann ich von meiner Freundin auch sagen. So nah wie Partner waren wir uns natürlich nicht, so vertraut wie Herbert Grönemeyer und seine Frau. Und trotzdem: Wir haben es beide als großes Glück empfunden, uns begegnet zu sein. Eine Weihnachtskarte von ihr habe ich noch bei mir stehen, in der sie mir schrieb: „Was ein Segen, dich zu kennen!“ Und mir ging das genauso. Ja, Himmel, Segen: Darin steckte für uns beide auch etwas von Gott. Für mich hatte er seine Hände dabei im Spiel, dass wir uns getroffen haben, dass wir uns so vertraut geworden sind. Wir konnten uns so intensiv austauschen über Musik, über das Leben, auch über den Glauben. Und oft geschah das wirklich auf einem Weg: Wir sind auch regelmäßig zusammen gelaufen. Zweimal haben wir sogar einen Halbmarathon zusammen geschafft. Wir waren im besten Sinn Weggefährtinnen. Und die gibt es ja gar nicht so oft. Es ist wirklich ein Stück vom Himmel, wenn Menschen so zusammen einen Weg gehen können. Dem Himmel sei Dank! Sag ich dann sogar. Danke, Gott, dass du es gefügt hast, dass mir dieser Mensch über den Weg gelaufen ist.

Wenn Krankheit und Tod den Lebensweg verändern

Aber natürlich gab es dann irgendwann auch andere Stoßgebete. Wie kannst du nur, Gott? Warum lässt du sie so krank werden, warum lässt du sie sterben? Warum darf ich nicht weiter mit ihr joggen, singen, lachen, reden? „Das Leben ist nicht fair“, singt Grönemeyer. So ähnlich hab ich auch manchmal gen Himmel gerufen: Gott, das ist nicht fair! So ein wunderbarer Mensch, so eine wunderbare Freundschaft – und dann soll dieser Weg schon wieder zu Ende sein!

Musik 4: Refrain (ca. 1.30-1.57)

Du hast jeden Raum
Mit Sonne geflutet
Hast jeden Verdruss
Ins Gegenteil verkehrt
Nordisch nobel
Deine sanftmütige Güte
Dein unbändiger Stolz
Das Leben ist nicht fair

Die letzte Wegstrecke gemeinsam gehen

Es klingt vielleicht ein bisschen seltsam, aber: Auch für die furchtbar traurige und schwierige letzte Wegstrecke mit meiner Freundin bin ich dankbar. Der Weg, den ich heute gehe: Der ist auch geprägt von diesen besonderen Wochen und Monaten. Denn wenn es aufs Ende zugeht, wird ein Weg besonders intensiv. Und es zeigt sich, wie stark man miteinander verbunden ist. „Wir haben uns verzweifelt geliebt“, „Wir haben die Wahrheit so gut es ging verlogen“ singt Grönemeyer. Auch das kenne ich: Wir haben die Wahrheit oft gar nicht wahrhaben wollen. Haben gesagt: Vielleicht wird alles wieder gut. Wir haben besonders intensiv gefeiert. Und uns verzweifelt gesagt, wie sehr wir uns mögen. Und sind uns in all dem noch wertvoller geworden. Ich hab für mich begriffen: Das Wichtigste auf dem Weg sind die Weggefährten. Nicht Besitz, nicht Fähigkeiten, nicht Medizin, sondern: Weggefährten. Menschen, die neben mir sind und die da bleiben, egal, was passiert. Auch auf meine Vorstellung vom eigenen Sterben hat sich das ausgewirkt: Ich möchte einmal nicht schnell und überraschend sterben, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich das Ende selbst wähle. Ich wünsche mir, dass ich das letzte Wegstück in Ruhe gehen kann - mit Weggefährten.

Musik 5: Schluss (3.15-4.15)

Ich gehe nicht weg
Hab' meine Frist verlängert
Neue Zeitreise
Offene Welt
Habe dich sicher
In meiner Seele
Ich trage dich bei mir
Bis der Vorhang fällt
Ich trag dich bei mir
Bis der Vorhang fällt

Liebe und Erinnerung über den Tod hinaus

„Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt!“ Wenn Menschen so miteinander einen Weg gegangen sind, dann bleiben sie miteinander verbunden, über den Tod hinaus. Ich hab immer wieder das Gefühl: Sie ist ja noch da, meine Freundin. Ich rede manchmal sogar noch mit ihr, so, wie das Grönemeyer im Song macht. „Der Weg“ ist ja genaugenommen nicht ein Lied über seine Frau, sondern an seine Frau. Er sagt ihr, was sie für ihn war und wie sie war, macht ihr noch über den Tod hinaus Liebeskomplimente: „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet, hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt.“ Da geht etwas weiter, da ist ein Weg eben doch noch nicht völlig zu Ende. Das heißt nicht, dass ich mich nicht von einem geliebten Menschen lösen muss, wenn er stirbt. Ich muss sie oder ihn gehen lassen. Grönemeyer spricht ja auch von einer „neuen Zeitreise“ - es beginnt eben auch ein neuer Weg, den er jetzt alleine gehen muss. Und trotzdem: Ich darf den Menschen, der gestorben ist, dabei noch in mir tragen, auf neue, andere Weise. „Ich hab dich sicher in meiner Seele“, singt Grönemeyer.

Christliche Hoffnung auf ein Wiedersehen

Für mich hat das auch mit der Hoffnung zu tun: Das kann ja noch nicht alles gewesen sein. Es muss doch mehr geben. Die Liebe ist stärker als der Tod, sagt die Bibel. Und deshalb glaube ich auch: Wir werden uns wiedertreffen, irgendwann, in einem anderen Land. Wenn der Vorhang auch für mich fällt: Dann werde ich Menschen wieder sehen, die ich in mir trage. Ich weiß nicht, ob Herbert Grönemeyer an so etwas glauben kann. „Neue Zeitreise, offene Welt“: Das bedeutet für ihn wohl eher: Hier und jetzt in dieser Welt offen sein für das, was kommt. Und das ist wichtig. Aber für mich steckt darin noch mehr. Die Hoffnung: Es wird eine neue Zeit, eine neue Welt anbrechen. Wenn der Vorhang fällt – dann geht ein neuer Vorhang auf. Vielleicht wird er sogar manches lüften. Fragen, die noch offen waren, beantworten. Hinter diesem neuen Vorhang und in dieser neuen Welt: Da wird es keine Wehmut mehr geben, nur noch Liebe und Glück.

Musik 6: