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Jarzina, Anke

Eine Sendung von
Anke Jarzina,
Katholische Pastoralreferentin in der Pfarrei St. Peter und Paul in Wiesbaden

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Ein abgenutztes, gelbes Warnschild in Form eines Dreiecks mit dem Symbol für radioaktive Strahlung. Der Hintergrund zeigt eine verfallene Struktur, die an eine industrielle Umgebung erinnert. Das Schild weist auf mögliche Gefahren hin.

Energien der Zukunft statt Atomkraft

Endlich wieder Grillsaison! Ich liebe das: im Garten sitzen, essen, trinken, erzählen. Letzte Woche hatten wir dazu auch mal wieder Freunde eingeladen. Bei dem warmen Frühlingswetter sind die Kinder sogar barfuß durch den Garten gelaufen. Es gab Grillgemüse, etwas Fleisch und einen riesigen frischen Salat. Das war richtig schön!

Das Wort aus dem Radio rief sofort meine Erinnerung wach

Im Hintergrund hatten wir das Radio laufen. Ehrlich gesagt: Ich hab gar nicht richtig hingehört. Aber dann hab ich auf einmal ein Wort gehört: Tschernobyl. Und sofort ist meine Erinnerung aufgeploppt an den Tag damals. Ein Atomreaktor war explodiert. Obwohl ich damals, vor 40 Jahren, erst sieben Jahre alt gewesen bin, erinnere ich mich noch an dieses komische Gefühl. Unseren Freunden geht es ähnlich. „Wisst Ihr noch“, sagt jemand, „barfuß draußen rumrennen oder Salat essen – das war ja auf einmal verboten.“ 

Wir Kinder durften nicht mehr draußen spielen

Ja, so war das. Obwohl dieses Tschernobyl weit weg war, ist die radioaktive Strahlung mit der Luft und dem Regen zu uns gekommen. Plötzlich war da eine unsichtbare Bedrohung, die wir als Kinder gar nicht begreifen konnten. Wir durften nicht mehr auf den Spielplatz und sollten draußen nichts anfassen - weil alles „radioaktiv verseucht“ war. Es gab nie eine richtige Entwarnung, irgendwann sind wir wieder zum Normalzustand übergegangen. Aber ehrlich gesagt: So ganz losgeworden bin ich es nie, dieses diffuse Gefühl der Bedrohung durch Radioaktivität. Noch Jahre und Jahrzehnte später war ja auch immer mal wieder die Rede von radioaktivem Niederschlag oder von Krebserkrankungen in belasteten Regionen. In der Politik hat es trotzdem noch lange gedauert, bis Konsequenzen gezogen worden sind. Erst 25 Jahre später, 2011, ist in Deutschland der Atomausstieg beschlossen worden. Da war nämlich wieder etwas passiert, diesmal in einem Atomkraftwerk im japanischen Fukushima.

Ich frage mich: Wann passiert der nächste GAU?

Eigentlich bin ich kein ängstlicher Mensch und schaue zuversichtlich in die Zukunft. Aber manchmal frag ich mich schon: Wie lange dauert es wohl noch, bis der nächste „größte anzunehmende Unfall“, der nächste GAU, passiert? Und wie weit weg oder wie nah dran werde ich, wird meine Familie dann sein? 

Musik

40 Jahre nach Tschernobyl ist meine Angst nicht verschwunden

40 Jahre nach Tschernobyl ist sie nie verschwunden: meine Angst vor der unsichtbaren Bedrohung durch radioaktive Strahlung. Manchmal, wenn ich mit Freunden darüber rede, krieg ich zu hören: „Statistisch gesehen ist die Kernenergie die sicherste Form der Energiegewinnung überhaupt.“ Ehrlich gesagt: Das hat mich nie wirklich überzeugt. Es stimmt zwar: Atomkraft hat insgesamt weniger Todesfälle verursacht als die Energiegewinnung aus Kohle, Erdöl oder Erdgas. Aber „sicher“ fühl ich mich weder mit dem einen noch mit dem anderen.

Uns unabhängiger machen von atomarer und fossiler Energie

Deshalb haben wir bei uns zu Hause vor ein paar Jahren angefangen, uns unabhängiger zu machen von atomaren oder fossilen Energiequellen, Stück für Stück. Erst sind wir auf Ökostrom aus Wind- und Sonnenkraft umgestiegen. Danach haben wir uns eine Photovoltaik-Anlage aufs Dach setzen lassen, mit der auch unser E-Auto laden können. Das macht sich nicht nur wegen der hohen Spritpreise bezahlt. Vor allem sind wir dadurch frei - oder freier – von dem, was sich auf der großen politischen Bühne tut: freier von einer Regierung, die trotz allem über eine Reaktivierung von Atomkraftwerken nachdenkt. Freier von Ölpreisen, die durch kriegerische Konflikte beeinflusst werden.  

Warum nachhaltige Energie auch eine ethische und religiöse Frage ist

Aber: Trotz dieser Freiheit sind wir natürlich Teil dieser Gesellschaft, dieser Welt. Deshalb versuchen wir, auf unserer privaten Ebene etwas zu tun für die Energiewende und die Bewahrung der Schöpfung. Und natürlich kann ich auch politisch aktiv werden und meine Stimme erheben. Aus der Kirche kommen ja auch immer wieder mal klare Aufrufe für eine Energiewende. Selbst der letzte Papst Franziskus hatte die Kernkraft sehr deutlich abgelehnt und stattdessen "kühne Entscheidungen für Energiequellen der Zukunft“ gefordert (siehe https://katholisch.de/artikel/23722-papst-wir-haben-dinge-gemacht-die-anscheinend-nicht-sauber-waren).

Biblischer Auftrag, wie wir die Erde bewahren sollen

Das find ich richtig gut, denn ich bin überzeugt: Dieser Planet gehört uns Menschen nicht, wir dürfen nur eine zeitlang auf ihm leben. Wir haben kein Recht, ihn für unsere Interessen auszunutzen. Im Gegenteil: Wir sind verantwortlich dafür, gut für ihn zu sorgen und für die Menschen, die auf ihm leben wollen - jetzt und zukünftig. 

So verstehe ich die Bibel, wenn sie erzählt: Gott trägt den ersten Menschen auf, die Erde zu bebauen und zu behüten (vgl. Genesis, Kapitel 2, Vers 15), sie also aktiv zu gestalten und zu bewahren. Das ist der erste und ursprüngliche Auftrag von Gott für uns Menschen. Als Christin heißt das für mich: Ich bin verantwortlich für diese Welt und die Menschheitsfamilie - deshalb stecke ich viel von meinen Ressourcen in die Fürsorge darum.

Bedenken wir die Langlebigkeit von radioaktiven Abfällen?

Dieser göttliche Auftrag passt für mich nicht zusammen mit dem, was mit der Kernenergie zusammenhängt. Dabei denk ich nicht nur an das Risiko von erneuten Kernschmelzen und radioaktiven Verseuchungen, sondern auch an die extreme Langlebigkeit von radioaktiven Abfällen. Die Strahlung darin bleibt bis zu Millionen von Jahren gefährlich! Das muss man sich mal vorstellen! Das kann und will ich meinen Kindern und Kindeskindern und diesem Planeten nicht antun! 

Musik

Dieser Jahrestag erinnert mich an meine Verantwortung

Heute ist der Jahrestag: 40 Jahre Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Für mich ist das mehr als eine Erinnerung an ein historisches Ereignis. Mich rüttelt das auf. Da ist nicht nur wieder die diffuse Angst vor der unsichtbaren Bedrohung, die ich damals als Kind empfunden hab. Da ist auch ein starkes Gefühl von Verantwortung: Gerade, weil ich mitbekommen habe, wie gefährlich Radioaktivität sein kann, will ich mich stark machen für neue, moderne und sichere Lösungen von Energiegewinnung.

Für den steigenden Energiebedarf braucht es effiziente Lösungen

Mir ist schon klar: Der Energiebedarf der Menschheit steigt rapide an, dafür braucht es effiziente Lösungen. Deshalb glaube ich: Neue Technologien - wie Solarenergie und Windkraft - müssen konsequent gefördert werden, ebenso wie die Entwicklung passender Energiespeicher. Damit die alten und riskanten Atomreaktoren ausgeschaltet bleiben können. Klar: So eine Energiewende braucht große, politische Entscheidungen, die kann ich oft nicht beeinflussen. 

Welche kleinen Schritte im Alltag können helfen?

Aber: Ich kann mich positionieren, zum Beispiel bei Diskussionen im Freundeskreis. Und ich kann den Prozess konkret unterstützen. Nicht nur, indem ich Ökostrom kaufe. Sondern auch, indem ich mal über meinen eigenen Stromverbrauch nachdenke. Ich kann meinen persönlichen Energiebedarf senken, indem ich Geräte ausschalte oder den Stecker ziehe, wenn ich sie nicht nutze. Lampen, Computer, Ladestationen fürs Handy. Fast jeder Stecker, der in einer Steckdose steckt, verbraucht Strom im Standby-Modus – das muss nicht sein. 

In meinem Gefühl ändert sich was

Heute erinnere ich mich an Tschernobyl, an die Katastrophe von damals und die vielen Opfer, die der GAU im Atomkraftwerk gefordert hat und heute noch fordert. Im Gedenken an sie hab ich mir für den nächsten Monat etwas vorgenommen: Ich will ganz bewusst mit meinem Stromverbrauch umgehen und alles, was ich nicht unbedingt brauche, ausschalten, vom Netz nehmen. Ich bin gespannt, ob sich das in der nächsten Stromrechnung bemerkbar macht. Ich merke jetzt schon: In meinem Gefühl ändert sich was. Ich fühl mich unabhängiger, sicherer und irgendwie auch mehr verbunden mit der Welt um mich herum.

Ich bedanke mich und genieße diese wunderbare Welt

Vielleicht finde ich nachher noch etwas Zeit: Dann setz ich mich in den Garten, schließe kurz die Augen, genieße wieder das warme Frühlingswetter. Ich spüre den Wind und vielleicht sogar die Sonne auf meiner Haut. Und dann sprech ich ein kurzes Gebet und sage: „Gott, danke für diese wunderbare Welt! Du versorgst mich immer wieder neu mit der Energie, die ich zum Leben brauche. Bitte lass mich damit verantwortungsvoll umgehen, damit möglichst viele Menschen gut leben können.“