hr1 SONNTAGSGEDANKEN
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Krebs, Stephan

Eine Sendung von
Stephan Krebs,
Evangelischer Pfarrer, Langen

Eine fröhliche Familiengruppe posiert zusammen auf einer Couch. Es sind fünf Frauen und drei Männer, darunter ältere und jüngere Personen. Einige halten kleine Hunde in den Armen. Alle lächeln und strahlen Freude aus. Die Umgebung ist hell und einfach gehalten.

Elton John: Blessed

Kindersegen – so nennt es der Volksmund, wenn Eltern viele Kinder haben. Kinder sind ein Segen, so empfinden das viele Väter und Mütter auch. Allerdings: Im Alltag kann der Kindersegen schon mal schief hängen. Da wird die große Elternliebe mitunter hart auf die Probe gestellt. Denn Kinder können ihre Eltern ganz schön auf die Palme bringen. Seien es die ganz Kleinen mit ihren nächtlichen Rufen oder die größeren Kinder mit ihren pubertären Schüben.
Ich erlebe gerade die Pubertät meines dritten und meines vierten Kindes auf einmal. Und manchmal könnte ich die Wände hochgehen. Etwa wenn man zum 100sten Mal gebeten hat: Lasst bitte benutztes Geschirr nicht einfach irgendwo stehen. Sondern bringt es zumindest in die Küche. Und dann tritt man mal wieder unter dem Wohnzimmertisch in einen Teller mit Essensresten. Oder wenn man die Kinder – wie eigentlich an jeden Tag - schon fünfmal aufgefordert hat: Fahr den Computer jetzt bitte runter und geh ins Bett! Und als Antwort kommt nur ein lahmes „Gleich“. Und man weiß genau, dass es nicht passieren wird. Da liegen die Nerven schon mal blank. Wieder muss man den grantigen Vater geben, obwohl man eigentlich sein Kind lieb hat und freundlich mit ihm umgehen will. Oder. Oder, oder. Es gibt viele Momente, in denen Kinder in ihren Eltern den Ärger oder gar den Zorn hoch kochen.

Elternsein zwischen Liebe und Überforderung

Elternsein ist eine harte Aufgabe. Kinder kosten viel Geld, sie muten ihren Eltern viel zu und sie nehmen ihnen enorm viel Freiheit weg. Kinder bereichern ihre Eltern auch, aber das können die längst nicht immer direkt spüren.
Aber es ist so. Vater sein und Mutter sein berührt einen Menschen in der Tiefe der Seele, vielleicht wie nichts sonst im Leben. Diese besondere Gemütslage bringt der Popstar Elton John in einem Lied zum Klingen. Das Lied heißt Blessed, zu Deutsch: Gesegnet. Und immer wenn ich zu vergessen drohe, was mir meine Kinder eigentlich bedeuten, dann bringt mich dieses Lied dorthin zurück.

Musik 1: Elton John: Blessed
0:00 - 20 s, leise, darüber folgender Text, dann Gesang freistehend

Elton Johns „Blessed“ und der Wunsch, Vater zu werden

Autor:
In dem Lied nimmt Elton John die Perspektive eines Mannes ein, der Vater werden möchte. Er spricht darin mit dem gewünschten Kind. In Gedanken stellt er sich schon mal an das Bettchen seines Kindes. Es ist zwar noch gar nicht geboren, aber er liebt es schon jetzt und er ist sich sicher, dass es gesegnet ist.

Musik: 0:20 – 0:50 freistehend
(Bei 0:50 ganz leise oder weg, da Gesang beginnt)

Die zarte Seite der Elternliebe

Es ist ein zartes Lied. Wenn ich es höre, dann weckt es in mir schöne Bilder und tiefe Gefühle. Ich erinnere mich daran, wie ich am Bettchen meiner Kinder gestanden und ihnen beim Schlafen zugeschaut habe. Wie schön sich das angefühlt hat, wenn ich sie auf meinem Arm getragen habe und sie haben sich ganz vertrauensvoll an mich geschmiegt. Ich erinnere mich an ihre großen Augen, als sie sich zum ersten Mal am Tisch hochziehen konnten und die Welt im Stehen gesehen haben. Bewegende Momente!
Die Liebe, die ein Kind erweckt, bringt Elton John in dem Lied sehr schön zum Klingen. Eigentlich ist das verwunderlich, denn Elton John hat keine eigenen Kinder. Er ist homosexuell. Als er das Lied Blessed herausbrachte, da lebte er schon lange fest mit einem Mann zusammen und war fast 50 Jahre alt. Vielleicht legt er in die Musik einen eigenen unerfüllten Kinderwunsch hinein.
Jedenfalls singt er es einfühlsam und deckt damit eine Seite in den Männern auf, die nicht so oft zum Vorschein kommt. Nach wie vor zeigen sich Männer lieber stark und durchsetzungsfähig, souverän und unabhängig. Aber Kinder können Männer verändern. Plötzlich entdecken viele den zarten Zauber des Lebens, dieses Wunder, dass durch sie und ihre Partnerin neues Leben entsteht. Plötzlich öffnet sich der Horizont über das eigene Leben hinaus, eine neue Generation kommt in den Blick. Dies geschieht durch ein kleines hilfloses Wesen, das den Schutz und die Liebe des Vaters braucht. Und das eine tiefe Liebe zu ihm entwickelt. Dafür sind viele Männer bereit zu lieben und ihre Souveränität einzuschränken. Dafür machen sie sich sogar verletzlich. Denn nichts verletzt Eltern mehr, als wenn dem eigenen Kind etwas zustößt.
Das klingt in dem Lied „Blessed“ an. Den Text muss einer geschrieben haben, der das am eigenen Leib und mit eigenen Kindern erfahren hat. Es ist Bernie Taupin, der für seinen Freund Elton John seit vielen Jahren nahezu alle Texte schreibt. Als Taupin im Jahr 1993 den Text für das Lied Blessed schrieb, da hatte er nach langen Jahren vergeblicher Suche endlich sein Familienglück gefunden. Mit seiner dritten Frau und zwei kleinen Töchtern lebte er auf einer Farm in Kalifornien seinen Traum.

Musik 2: Elton John: Blessed
1:08 – 1:48 freistehend, dann ausblenden/unter Text bis längstens 2:01

Autor
Der Text des Liedes ist Poesie geträumter Elternliebe. Er lautet so:

(Liedtext kann ggf. unterlegt werden mit Instrumentalteil 4:12-5:00 (Ende.) Achtung: kurzes Gesangsstück 4:28-4:38)

Sprecher:

Hey, du, du bist ein Kind in meinem Kopf
Du bist noch nicht gelaufen
Deine ersten Worte müssen noch gesagt werden
Doch ich schwöre, du wirst gesegnet sein
Ich weiß, noch bist du nur ein Traum
Vielleicht sind deine Augen grün
oder die blausten, die ich jemals sah
Auf jeden Fall wirst du gesegnet sein

Du wirst das Beste haben
das verspreche ich dir
Ich werde dir einen Stern vom Himmel holen
Deinen Namen aus einem Hut ziehen
Ich verspreche dir,
Du wirst gesegnet sein
Ich brauche dich, bevor ich zu alt bin,
um dich zu haben und zu halten,
mit dir zu gehen und dich wachsen zu sehen
Und zu wissen, dass du gesegnet bist.

Ggf. Musik etwas nachklingen lassen.

Autor
In diesen Worten drückt sich die pure Elternliebe aus oder zumindest die Sehnsucht danach. Die Worte sind ungetrübt von den vielen Belastungen des täglichen Lebens. Sie bezeugen die Bereitschaft, für das Kind alles zu geben und den Himmel auf die Erde zu holen.

„Blessed“: Kinder als Geschenk und Segen

Für Elton John und Bernie Taupin ist klar: Kinder sind gesegnet. Von vorneherein. Auf ihnen ruht Gottes Fürsorge. Deshalb verknüpfen sie die Elternliebe ganz selbstverständlich mit dem Segen, der von Gott kommt. Ja, sie verfügen geradezu über ihn. Sie nehmen Gott den Segen aus der Hand und sprechen ihm dem Kind zu. Obwohl es noch gar nicht geboren ist.
Ist das nicht ein bisschen frech und großmäulig dazu? Nein, ist es nicht. Denn es stimmt. Jedem Menschen gilt von Anfang an der Zuspruch Gottes. Jeder kleine werdende Mensch trägt bereits eines der vielen Angesichte Gottes in sich. Das gilt es zu entfalten. Dazu tragen Eltern bei und viele andere auch. Natürlich auch der einzelne Mensch, wenn er größer wird. Aber zunächst einmal sind es die Eltern, die dem kleinen Kind zum Segen werden können, indem sie es lieben, behüten und fördern. In dem, was sie für ihr Kind empfinden, zeigt sich Gottes Liebe zu diesem Kind. Es ist großartig, als Vater und als Mutter auf diese Weise quasi der verlängerte Arm Gottes sein zu können. Und umgekehrt gilt. Der Segen Gottes für die Eltern zeigt sich in den Kindern. Kindersegen eben.

Wenn der Kindersegen im Alltag schief hängt

Allerdings: Der kann im Alltag ganz schön schief hängen. Aber auch ein schief hängender Segen ist immer noch ein Segen. Hat ja niemand gesagt, dass der Segen Gottes quasi wie ein Rundumschutz für alles und jedes wirkt. Oder dass er gar Konflikte zwischen Eltern und Kindern verhindert. Das wäre fatal, denn diese Konflikte werden gebraucht. Daran lernen alle, die Kinder und die Eltern. Sie lernen zu reden und zuzuhören, zu streiten und sich zu versöhnen, sich durchzusetzen und nachzugeben. Kurz: Respekt vor anderen zu haben und sich Respekt zu verschaffen. Wer das alles zuhause lernt, dem hängt der Kindersegen am Ende wieder gerade, denn der ist für das Leben gut gerüstet.

Konflikte zwischen Eltern und Kindern als Chance

Sicher gibt es auch Konflikte, die verletzen einen Beteiligten, die behindern oder verhindern, dass sich die Beteiligten entwickeln. Die können zum Fluch werden. Aber viele Auseinandersetzungen sind tatsächlich ein Segen. Auch wenn sie zunächst einmal nervig sind und viel Kraft kosten.
Manchmal vergesse ich das. Dann haben sich die Tücken des Alltags zu groß aufgebaut. Dann haben sie den Himmel verstellt: All die nötigen Konflikte, die zwischen Kindern und Eltern ausgetragen werden, und all die üblichen Missverständnisse, die es zwischen Menschen nun einmal gibt. Dann erinnert mich das Lied von Elton John daran: Meine Kinder sind ein Segen und ich kann ein Segen für sie sein.

Musik 3: Elton John: Blessed